Gedenken in Zeiten von Corona
82 Jahre Reichspogromnacht in Kehl

In Zeiten von Corona erinnert eine Blumenschale an die Reichspogromnacht in Kehl.
  • In Zeiten von Corona erinnert eine Blumenschale an die Reichspogromnacht in Kehl.
  • Foto: Stadt Kehl
  • hochgeladen von Daniela Santo

Kehl (st). 9. und 10. November: Normalerweise versammelt sich am Abend eine Gruppe von Menschen vor dem Mahnmal in der Jahnstraße – im Gedenken an die Gräueltaten, die von Kehlern an ihren jüdischen Mitbürgern am 10. November im Zusammenhang mit der sogenannten Reichspogromnacht verübt wurden. In Zeiten von Corona, das hat bereits der 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai gezeigt, ist öffentliches Gedenken nur schwer möglich. Daher erinnert in diesem Jahr nur eine Blumenschale am Fuße der zerbrochenen Stele an die grauenvollen Ereignisse von vor 82 Jahren. Damals wurden Männer jüdischen Glaubens durch die Straßen der Innenstadt getrieben, geschlagen, getreten, bespuckt und mit einer Brutalität misshandelt, die selbst in der Reichspogromnacht in Nazi-Deutschland wohl beispiellos war. Dies geschah nicht im Verborgenen, sondern in aller Öffentlichkeit; Hunderte Einwohner säumten die Straßen und beobachteten das Treiben der Täter, von denen viele aus Kehl kamen.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die Schaulustigen sahen zu, wie sich die jüdischen Mitbürger gegenseitig bespucken und sich auf Befehl selbst als Volksverräter beschimpfen und judenfeindliche Parolen deklamieren mussten. Sie mussten im Laufschritt durch die Straßen rennen; wer nicht mehr konnte, wurde verhöhnt und mit Stockschlägen traktiert. Dort, wo heute das Mahnmal an die an Menschen jüdischen Glaubens begangenen Verbrechen erinnert, stand einst die städtische Festhalle. Hier wurden die Männer von Gestapo-Angehörigen zusammengetrieben und mit kaum beschreibbarer Gewalt gefoltert. Einigen Männern wurden sogar die Augen herausgerissen.

Im Kehler Synagogen-Prozess waren 1947/48 vier Männer angeklagt. Ihnen wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Es gab nur eine einzige Kehlerin, welche den Mut aufbrachte, im Prozess auszusagen und zu schildern, was in der Reichspogromnacht in ihrer Stadt geschehen ist. Alle anderen haben geschwiegen. Zwei der Angeklagten wurden zu geradezu lächerlichen Strafen verurteilt – und selbst diese wurden später noch abgemildert. Die anderen beiden wurden freigesprochen.

Zeitzeugen

Dass heute bekannt ist, dass diese bestialischen Taten in aller Öffentlichkeit begangen und zumindest von einem Teil des Publikums gutgeheißen wurden, verdanken wir den Zeitzeugen, die sich fast 80 Jahre danach in hohem Alter geöffnet und geäußert haben. Besonders viele erinnern sich an die lauten Schmerzensschreie, die sie damals kaum ertragen und bis heute nicht vergessen konnten.

Diese Erkenntnisse verdankt die Stadt der Arbeit von Studienrat Uli Hillenbrand und seiner Zeitzeugen-Arbeitsgemeinschaft vom Einstein-Gymnasium. Die Schüler haben vor dem 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 2018 die letzte Chance genutzt, mit den noch lebenden Zeitzeugen zu sprechen.

Autor:

Daniela Santo aus Lahr

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