Doppel-Interview zum Jahrestag der Schengen-Verträge
"Sonst verliert Europa für die Menschen jeden Sinn"

Dieter Eckert
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Kehl. Zum heutigen Jahrestag der Unterzeichnung der Schengen-Verträge vor 35 Jahren zur Reisefreiheit innerhalb der europäischen Union gibt es am Sonntag ab 15 Uhr eine Kundgebung rund um die Passerelle des deux Rives am Kehler Rheinufer. Rembert Graf Kerssenbrock sprach mit zwei der Organisatoren, dem ehemaligen Leiter der beruflichen Schulen, Peter Cleiss, und Dieter Eckert, Vorsitzender Europa-Union Kehl.

Sehen Sie es als Fügung, dass der 35. Jahrestag des Schengen-Abkommens zur innereuropäischen Reisefreiheit der vorletzte Tag der Grenzkontrollen sein wird?
Dieter Eckert: Absolut. Der Wegfall der Grenzkontrollen mit der daraus folgenden Reisefreiheit war ein Traum vieler Menschen in Europa. Und dieser Traum kehrt nun wieder zurück. Dass die Grenzschließung über das Schengen-Jubiläum hinaus besteht, ist einerseits übel, auf der anderen Seite gerät damit in den Blick, dass wir gegenwärtig eine Situation haben, die der Idee von Schengen widerspricht.

Welche Bedeutung haben offene Grenzen für Sie persönlich, wenn Sie an die Zeit mit Kontrollen zurückdenken?
Dieter Eckert: Ich bin in der uralten Grenz- und Festungsstadt Breisach mit Blick auf die damals noch bestehenden Grenzanlagen geboren und aufgewachsen und verbinde mit dieser Situation sehr durchwachsene Erinnerungen. Die Möglichkeit, dort einfach über die Rheinbrücke zu laufen und etwa in Vogelgrün essen zu gehen, empfinde ich heute noch einfach als befreiend.

Mit welcher Beteiligung rechnen Sie auf der französischen Seite für diese Kundgebung?
Peter Cleiss: Nachdem auch im Elsass die Beschränkungen ebenfalls deutlich gelockert wurden, erwarten wir eine zahlenmäßig starke Beteiligung von französischer Seite.

Welche konkreten Folgen hatte die aktuelle Grenzschließung für Menschen im Bereich Kehl?
Peter Cleiss: Das deutsch-französischen Ehepaar, das in Deutschland und Frankreich lebt und arbeitet, dessen Kinder Bildungseinrichtungen über die Grenze hinweg besuchen und die zusammen ihre Freizeit hier wie da verbringen, wurde von der Grenzschließung betroffen als würde man zwischen Stuttgart und Bad Cannstatt eine Grenze ziehen. Die Grenzschließungen haben in diesen Fällen buchstäblich das Alltagsleben der Menschen unmöglich gemacht.

Durch welche Maßnahmen hätte eine Grenzschließung aus Ihrer Sicht verhindert werden können?
Peter Cleiss: Ein Ereignis wie eine Pandemie ist naturgemäß erst einmal die Stunde der Zentralen. Gäbe es allerdings belastbare Planungen für eine Zusammenarbeit über den Rhein hinweg, etwa auf der Ebene des Eurodistrikts oder der Oberrheinkonferenz, wäre viel früher ein gemeinsames Vorgehen in der Region möglich gewesen.
Dieter Eckert: Die Art, wie die Grenzschließung über die Köpfe der Regionen hinweg beschlossen und umgesetzt wurde, darf so nie wieder geschehen. Sonst verliert Europa für die Menschen jeden Sinn.

Dieter Eckert
Heute findet eine Kundgebung am Kehler Rheinufer statt, bei der sich die Teilnehmer für eine Öffnung der Grenzen einsetzen – wie bereits am 9. Mai, dem Europa-Tag.
Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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