14. November 2017, 18:08 Uhr | 0 | 49 Leser

Trauerbewältigung nach anonymen Bestattungen
Stätte der Erinnerung bietet einen Platz fürs Gedenken

Damit Hinterbliebene nach einer anonymen Bestattung einen Platz zum Trauern haben, gibt es in Kehl eine Stätte der Erinnerung auf dem Friedhof.
Damit Hinterbliebene nach einer anonymen Bestattung einen Platz zum Trauern haben, gibt es in Kehl eine Stätte der Erinnerung auf dem Friedhof. (Foto: Stadt Kehl)

Ortenau (gro/ds/dh). Viele Menschen überlassen, wenn sie sterben, nichts dem Zufall. Der eine regelt bis zum Blumenschmuck, wie seine Beerdigung in einem traditionellen Erdgrab ablaufen soll, andere wollen so wenig wie möglich ihre Hinterbliebenen belasten. Die Städte und Gemeinden in der Ortenau bieten immer häufiger auch alternative Bestattungsformen an: Das beginnt beim anonymen Grab und reicht bis zu einem gärtnergepflegten Gräberfeld.

"Auf dem Kehler Friedhof gibt es ein anonymes Grabfeld", teilt Julia Trauden, Pressestelle der Stadt, mit. "Generell sind anonyme Urnenbeisetzungen außer auf dem alten Friedhof in Auenheim auf allen Friedhöfen in Kehl möglich. Zusätzlich sind anonyme Erdbestattungen in Kehl, Bodersweier, Leutesheim und Zierolshofen möglich."

Häufig steht der Wunsch, seinen Angehörigen nach dem Tod wenig Arbeit zu machen, im Mittelpunkt, wenn eine anonyme Bestattung verfügt wird. "Sie sind nicht die Regel", macht Julia Trauden deutlich. "Sie werden aber immer wieder durchgeführt. 2015 gab es auf dem Kehler Friedhof neun anonyme Urnen- und drei anonyme Erdbestattungen, 2016 waren es 20 anonyme Urnen- und drei anonyme Erdbestattungen." 2017 wurden bislang 19 anonyme Urnen- und drei anonyme Erdbestattungen vorgenommen.

"Die anonymen Bestattungen werden sowohl auf Anordnung der Stadt Kehl für Verstorbene ohne Angehörige vorgenommen, als auch auf Antrag der Angehörigen oder auf Wunsch von Menschen, die zu Lebzeiten bewusst diese Bestattungsform gewählt haben." Allein bleiben die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer in so einem Fall nicht. Auch wenn es kein Grab im eigentlichen Sinn gibt, die Stadt Kehl hat eine Stätte der Erinnerung auf dem Friedhof in der Kernstadt eingerichtet. "Sie besteht aus zwei steinernen Halbkreisen, von denen einer durch ein Kreuz gekennzeichnet ist. Angehörige stellen dort regelmäßig Blumen oder Kerzen ab – die Möglichkeit wird also gut angenommen", so Julia Trauden.

Die Stadt bietet eine Vielzahl an alternativen Bestattungsformen an: Seit Mai gibt es in der Kernstadt und in Goldscheuer gärtnergepflegte Grabfelder. "Das sind kleine Parkanlagen, die im Gesamtbild eine Einheit darstellen", erklärt Julia Trauden. "Sie müssen nicht von Angehörigen bepflanzt und gepflegt werden." Stattdessen wird die Arbeit von den durch die Genossenschaft Badischer Friedhofsgärtner beauftragten Gartenbaubetrieben in Kehl übernommen. "In Kehl reicht die Größe des Grabfeldes für 76 Bestattungen aus, in Goldscheuer für etwa die Hälfte. Diese Bestattungsform wird gut angenommen. Alleine von Mai bis heute wurden auf dem Kehler Friedhof zwölf Menschen hier bestattet", so Trauden.

Für Kinder, die viel zu früh oder tot auf die Welt kamen, sogenannte Sternenkinder, gibt es auf dem Kehler Friedhof inzwischen ein eigenes besonderes Grabfeld. Auch Gräber für ältere Kinder sind in diesem Bereich möglich. "Eine kleine Engelfigur macht deutlich, dass es sich hier um einen besonderen Ort der Trauer handelt", erläutert Julia Trauden.

In Bodersweier und Kork gibt es seit Frühjahr 2017 insgesamt 45 Rasenurnengräber für bis zu zwei Bestattungen, die kreisförmig um einen kleinen Baum oder Blütenstrauch angeordnet sind. Eine Baumbestattung in Erdröhren ist seit Sommer 2016 auf dem alten Friedhof in Auenheim möglich: "Insgesamt sind Urnenbestattungen mittlerweile gefragter als Erdbestattungen."

Ein anonymes Grabfeld gibt es in Rheinau nicht. Zur Zeit wird in den Gremien ein Rasengräberfeld für Urnenbestattungen diskutiert. Seit April 2010 sind in Rheinau Bestattungen an den Wurzeln von Bäumen im Friedwald möglich.

"Viele Menschen möchten gerade im Alter niemandem zur Last fallen. Wir gehen davon aus, dass dies der Hauptgrund ist, weshalb man sich für eine anonyme Bestattung entscheidet", erklärt Gabriele Häcker, Pressesprecherin der Gemeinde Rust, auf Anfrage.In den meisten Fällen wird diese Thematik schon zu Lebzeiten mit den Angehörigen besprochen. Das heißt, wer anonym beerdigt sein möchte, entscheidet sich auch bewusst dafür.

"Wir erleben auch, dass immer öfter ein sogenannter Bestattungsvorsorgevertrag zu Lebzeiten mit dem Bestatter abgeschlossen wird", so Häcker. Dieser regelt alle Modalitäten einer Bestattung. "Damit wird den Angehörigen im Todesfall eine große Last genommen, denn sie wissen dadurch genau, welche Wünsche und Vorstellungen der Verstorbene für seine Beerdigung oder Beisetzung hatte", erläutert Gabriele Häcker.

Wer von den anonym bestatteten Angehörigen Abschied nehmen möchte, dem bietet die Kapelle auf dem Ruster Friedhof hierzu Gelegenheit. "Alternativ kann man auf einer der zahlreichen Sitzbänke Platz nehmen, innehalten und auf diese Weise im Stillen dem oder der Verstorbenen gedenken", so Häcker.

Auf dem Bergfriedhof der Stadt Lahr werden anonyme Bestattungen seit 2001 angeboten. Im Stadtteil Langenwinkel wurde schon zwei Jahre zuvor die erste anonyme Bestattung durchgeführt. "Die anonyme Bestattung auf dem Bergfriedhof ist eine absolute Ausnahme", betont die Pressestelle der Stadt. Beim anonymen Grabfeld befindet sich ein gemeinsames Grabmal, wo Kerzen und Blumengestecke aufgestellt werden können und so der Verstorbenen gedacht werden kann. "Mit der Einführung der gärtnergepflegten Gemeinschaftsgrabstätten im Jahr 2004 ist die anonyme Bestattungsform allgemein auf ein bis zwei Bestattungen im Jahr zurückgegangen", berichtet die Stadt weiter.

"Anonyme Bestattungen haben meist einen finanziellen Hintergrund oder weil es keine Angehörigen mehr gibt", erklärt Andrea Band vom Standesamt in Ettenheim. Dennoch bietet die Stadt Hinterbliebenen die Möglichkeit, Abschied zu nehmen: "Auf einem Grabfeld in der Größe eines Doppelgrabs können Blumen abgelegt werden. Hiervon wird auch oft Gebrauch gemacht", weiß Band.

In Offenburg versucht man, den Begriff "anonym" zu vermeiden: "Es gibt keine anonymen Menschen und demzufolge auch keine anonymen Gräber. Jeder Mensch beziehungsweise seine Individualität und Perönlichkeit sollte zu Lebzeiten respektiert werden und darüber hinaus auch seine Grabstätte", betont Hans-Jürgen Jäger, Abteilungsleiter bei den Technischen Betrieben Offenburg. Er unterstreicht, dass es die Verstorbenen selbst zu Lebzeiten verfügt haben, ohne Namensgebung bestattet zu werden und das müsse man respektieren.

Kreuze auf den Offenburger Friedhöfen dienen als Gedenkstätten: "Auf dem Weingartenfriedhof haben wir beispielsweise an zentraler Stelle einen Platz mit Kreuz. Dort stellen Angehörige das ganze Jahr über viele Kerzen auf. Das ist ein Indiz dafür, dass diese Möglichkeit sehr gern in Anspruch genommen wird", so Hans-Jürgen Jäger.

In Achern gibt es durchschnittlich sechs anonyme Urnenbestattungen im Jahr. "Der Wunsch einer anonymen Bestattung wird in der Regel von Menschen geäußert, die keine Angehörigen haben", teilt die Stadt auf Anfrage mit. Um die Erinnerung an den Verstorbenen zu erhalten, versucht man in der Stadt der anonymen Bestattung keine allzu große Plattform zu bieten.

"Gemeinsam mit den katholischen und evangelischen Kirchengemeinden errichtete die Stadt 2003 ein Kirchengrab. Dort können die Urnen von Angehörigen der beiden Konfessionen beigesetzt werden. Eine Inschrift in einem gemeinsamen Grabdenkmal erinnert an der Verstorbenen." Eine "Stätte der Erinnerung" wird nicht angeboten. "Angehörige gedenken ihrer Verstorbenen an der Grabstätte. Der gesamte Friedhof ist unseres Erachtens eine Stätte der Erinnerung", so die Stadtverwaltung.

"Eine Möglichkeit vor Ort speziell den Verstorbenen des anonymen Grabfelds zu gedenken, gibt es in Oberkirch bisher noch nicht", so der Pressesprecher der Stadt Oberkirch, Ulrich Reich. Die Stadt Oberkirch bietet ein gärtnerbetreutes Grabfeld an. Diese letzte Ruhestätte entspricht gleichermaßen den Wünschen der Verstorbenen und Hinterbliebenen und spiegelt angemessen auch den Wandel in der Bestattungskultur wider. Das Grabfeld, der „Garten der Erinnerung“, besteht aus Grabstätten für Sarg- und Urnenbeisetzungen mit persönlichem Grabmal und einem Urnengemeinschaftsgrab mit gemeinschaftlichen Grabmalen sowie Bestattungen am Baum.

Eine weitere Bestattungsform ist die muslimische Bestattung, bei der bestimmte religiöse Aspekte beachtet werden müssen, offene Bestattung und bestimmte Ausrichtung des Grabes. "Die muslimische Bestattungsform wird immer mehr nachgefragt", sagt Reich. Weiter gibt es mit der Gedenkstelle für "Sternenkinder" auch eine Stätte der Erinnerung an totgeborene Kinder.