Porträt: Joachim Beck
Lehrjahre, um Europa im Alltag zu verstehen

Europa, Verwaltung und grenzüberschreitende Themen: Joachim Beck erlebt Theorie und Praxis hautnah im Alltag.
  • Europa, Verwaltung und grenzüberschreitende Themen: Joachim Beck erlebt Theorie und Praxis hautnah im Alltag.
  • Foto: Michael Bode
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Kehl. Nicht durch Karriereplanung ist Joachim Beck zu einem Grenzgänger geworden. Er erlebt das Pendeln zwischen Elsass und Deutschland seit 2019 als Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl und seinen vorherigen Tätigkeiten für sein Fachgebiet der Verwaltungs- und Rechtswissenschaften sowie in lebensnahen Erfahrungen.

Beck ist 1965 in Stuttgart geboren und auch dort aufgewachsen. Sein Studium absolviert Beck in Konstanz sowie Edinburgh. "Für mich war eine Karriereoption damals ein Ministerium der Landesregierung", erinnert sich Beck. Weil aber seine Frau ein Angebot beim deutsch-französischen Kultursender Arte in Straßburg annimmt, zieht die Familie Anfang der 1990er-Jahre in die elsässische Metropole. "Das kann man sich nicht mehr vorstellen, was ein Umzug über die Grenze bedeutete: Wir mussten unseren gesamten Hausstand beim Zoll deklarieren", erzählt Beck lächelnd angesichts der heutigen Möglichkeiten der offenen Grenzen. Joachim Beck geht an die Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer, wo er 1995 promoviert. Durch seine Promotion stößt er die europäischen Interreg-Programme an, die die regionale Zusammenarbeit zwischen den EU-Mitgliedsstaaten fördert.

Ein Jahr später übernimmt Prof. Dr. Beck die Leitung der deutsch-französischen Informations- und Beratungsstelle für grenzüberschreitende Fragen mit Sitz in Kehl. "Ich erinnere mich noch an meinen ersten Fall: Ein französischer Schreiner, noch mit Sägespänen im Haar, stand in der Tür. Sein deutscher Arbeitgeber hatte ihm gerade gekündigt", erlebt Beck die täglichen Probleme von Beginn an hautnah. "Das sind Lehrjahre, wenn man Europa verstehen will", ist er heute mehr denn je von der Notwendigkeit dieser Institution überzeugt. Denn: "Der Alltag der Menschen ist nur wenig geregelt" und nennt Beispiele wie das Steuerrecht, das Gesundheitswesen und auch Versicherungsfragen. Gründe seien die historisch gewachsenen Systemunterschiede der einzelnen Nationalstaaten.

360-Grad-Perspektive für die Grenzregion

2000 wechselt Beck in die freie Wirtschaft einer Unternehmensberatung und kehrt nach diesem Ausflug nach Kehl zurück und wird 2006 Direktor des Euro-Instituts, dem Institut für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Vernetzung von Akteuren aus der Verwaltung und anderen Bereichen. Auch hier begegnen ihm die unterschiedlichen Kulturen. Deutsche und Franzosen haben unterschiedliche Vorstellungen vom Begriff "Projekt", sind seine Erfahrungen. Konkret nennt er einen grenzüberschreitenden Radweg als Beispiel: "Die Deutschen haben einen konkreten Plan, Vorschläge für Trassen und die Kosten kalkuliert – die Franzosen haben haben zunächst nur die Idee." Daher sieht Beck die Tram-Verbindung bis nach Kehl als eine "historische Leistung" von Roland Ries, Günther Petry und Toni Vetrano. Seine dringende Empfehlung: "Man muss die beiden Seiten des Rheins aus der 360-Grad-Perspektive betrachten: So können Doppelstrukturen vermieden werden." Bei hochrangigen Treffen in Brüssel, dabei auch mit dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, macht der Verwaltungsexperte klar, wie Politik auf die Systemunterschiede reagieren und auch Ausnahmeregelungen in Grenzregionen zulassen müsse.

2014 wird Beck Professor für Verwaltungsmanagement an der Hochschule Kehl, 2019 deren Rektor. Wie zerbrechlich die Situation ist, haben Corona und die Grenzschließungen ein Jahr später deutlich gemacht. "Die wenig nachvollziehbare Handhabung habe sich gezeigt, als Grenzbeamte mich teilweise intensiven Kontrollen unterzogen, andere mich einfach durchwinkten." Schnell rückt für ihn die Digitalisierung und die Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs in den Mittelpunkt. "Ich kämpfe ab Herbst für die verantwortungsvolle Präsenz an der Hochschule. Die Kombination von Digitalem und Präsenz ist die Zukunft." Die neue Generation beeinflusst die Verwaltung mit Antworten auf die zentrale Frage: "Was macht der Algorithmus, was macht der Mensch?" Verwaltung ist Zukunft, weiß Beck, da sie alle drängenden Themen des alltäglichen Lebens prägt und Einfluss nimmt. Ideen hat der Grenzgänger dazu auf allen Ebenen sammeln können.
Rembert Graf Kerssenbrock

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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