Hän(di) koi Kabel?
Smartphones: Fluch und Segen zugleich

Ich erinnere mich noch als wäre es erst vor kurzem gewesen. Ich hielt mein neues Handy in der Hand und das technische Wunderteil sah aus, als käme es aus einer anderen Welt.
Sehr klein und die Tastatur konnte man kaum noch mit den Fingern treffen, vor allem als Mann, wenn diese nicht grade zierlich ausgefallen sind. Es war ein Modell, welches damals noch sehr beliebt war, aber heute würde mich jeder Teenager auslachen, wenn ich es noch benutzen
würde.
Interessanterweise habe ich es tatsächlich noch, obwohl es schon knapp
17 Jahre alt ist, aber inzwischen nutze ich auch ein recht aktuelles Modell mit
Funktionen, die fast keine Wünsche mehr offenlassen. Vermutlich können die
Dinger auch bald fliegen, also nicht auf den Boden, sondern neben einem her.

Heute sieht man überall Handys und sie sind schon gar nicht mehr wegzudenken.
Für Teenager ist es angeblich wie ein extra Körperteil und manchmal habe ich
schon Sorge, dass das Smartphone fest an die Hand wächst, so oft wie mein Sohn
es in den Händen hält.

Das Erste, nachdem er verlangte, als er neulich am Bein operiert wurde, war sein
heißgeliebtes Handy. Ich will es aber auch nicht verurteilen, denn die Jugend
wächst damit auf und es ist mehr als ein Spielzeug. Vielmehr ist es auch die
Möglichkeit um seine Kontakte zu pflegen und sich schnell und einfach
auszutauschen. Jegliche Informationen über Gott und die Welt können einfach
übers Internet meist von "Professor Google" in Erfahrung gebracht werden.

Als mir ein guter Freund vor über 25 Jahren prophezeite, dass man bereits in
wenigen Jahren kabellose Telefone mit sich führt und somit überall erreichbar
sein wird, war ich sehr skeptisch und konnte es mir kaum vorstellen, zumal
damals nur reiche Leute maximal ein Autotelefon hatten, bei dem ein Gespräch
pro Minute noch mehrere (damals) DM kostete.

Es ist Fluch und Segen zugleich, denn einerseits bin ich sehr froh darüber und
nutze es besonders gerne auch beruflich für meine Termine, Kontakte, Email,
Nachrichten usw., aber ich sehe auch die Abhängigkeit dieser Technik, die uns
Menschen manchmal eher trennt anstatt verbindet. Schaut man sich heute mal um,
sieht man immer mehr Menschen, die im Tunnelblick auf ihr Handy starren und
kaum noch ihre Umgebung wahrnehmen. Im Wartezimmer oder an der Bushaltestelle
nutzen immer mehr Menschen die unfreiwillige Wartezeit um mit ihrem Handy die
Zeit zu vertreiben. Man ist tatsächlich überall und mobil damit erreichbar
geworden, was manchmal auch eher nervig sein kann, wenn die Dinger permanent
brummen, vibrieren oder mit einem schrillen Klingelton von sich aufmerksam
machen.

Das Handy ist bereits alles andere als nur noch ein Telefon. Vermutlich ist es
schon länger kein Telefon mehr, denn die Mehrheit schreibt oder hört inzwischen
Nachrichten ab und versendet welche. Das Telefon stirbt also eher aus und die
vielen "Features", die so ein Handy inzwischen mit sich bringt, macht es zu einem
perfekten Spielzeug für Jung und Alt. Ich gebe zu, dass ich als Technikfan und
wissbegieriger Mensch mich auch schnell dafür begeistern konnte, jedoch kommt
es immer mehr vor, dass ich besonders an den Wochenenden das Handy einfach mal
zuhause lasse. Neulich habe ich es einen Tag lang nicht benutzt und als Test
mal absichtlich ausgelassen. Es fühlte sich erst seltsam an, aber es war und ist befreiend. Man kann den Moment viel mehr genießen und vor allem bewusster wahrnehmen. Man hat die volle Aufmerksamkeit auf die Dinge, die man grade tut und wird erst gar nicht abgelenkt von den vielen Nachrichten, die angeblich wichtig sind und von anderen aus dem Bekanntenkreis grade geteilt
werden. Ich habe auch weniger die Sorge etwas zu verpassen, aber ich vermute
diese Sorge sehr oft bei der jüngeren Generation. Die scheinen wirklich zu
glauben, dass sie das Leben verpassen, wenn sie nicht permanent draufschauen
und sich über soziale Netzwerke austauschen.

Da frage ich mich ganz ehrlich, wie ich es damals als Teenager geschafft habe,
einen Termin mit einem Freund auszumachen? Wir hatten nur ein Telefon mit Kabel
dran und zeitweise noch mit einer Wählscheibe statt Tasten. Da musste man sich
darauf verlassen können, dass Uhrzeit und Treffpunkt richtig ausgemacht wurden.
Interessanterweise hat es aber in den meisten Fällen super funktioniert und dies
ohne bleibende Schäden. Selbst die Wartezeit, bis der Freund oder man selbst
angekommen ist, wusste man anderweitig zu überbrücken.

Mein Tipp daher an alle Handybenutzer und Smartphone Süchtige.
Verzichtet mal einen Tag lang darauf und genießt die Zeit mit Freunden, Familie oder
Bekannten. Es ist kein Verlust, sondern eher eine Bereicherung und vielleicht
findet man sogar einen Tag in der Woche oder einmal im Monat, den man konkret
zum "technikfreien" Tag macht. Viel Spaß an diesem Tag und keine Sorge!
Man wird nichts verpassen, was man nicht auch später erfahren hätte.

Autor:

Jochen Hönig aus Ausgabe Kehl

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