Correctiv Faktencheck
Facebook-Bild zum Rentenniveau in Deutschland, Frankreich und Italien ohne relevanten Kontext

Deutschland habe im Vergleich zu Italien und Frankreich ein niedrigeres Rentenniveau, eine niedrigere Wohneigentumsquote, ein niedrigeres mittleres Vermögen pro Kopf und ein höheres Renteneintrittsalter – das legt ein auf Facebook verbreitetes Foto nahe. Jedoch lassen sich die Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder kaum miteinander vergleichen.

In Sozialen Netzwerken kursiert ein abfotografierter Zeitungsausschnitt, in dem das mittlere Vermögen pro Kopf, die Wohneigentumsquote, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter von Deutschland, Italien und Frankreich verglichen werden.

Mittleres Vermögen

Die erste Zahl im Bild bezieht sich auf das mittlere Vermögen. Das ist im „Global Wealth Databook 2019“ angegeben, einem jährlich erscheinenden Bericht der Schweizer Bank Credit Suisse. 2019 lag der Wert in Deutschland bei 35.313 US-Dollar pro Person, in Italien bei 91.889 und in Frankreich bei 101.942. Die Zahlen in dem Beitrag sind also richtig. Zum Vermögen werden auch Eigentumswohnung und -häuser gezählt, daher erklärt sich der Unterschied zwischen den Ländern zum Teil aus dem nächsten Punkt, der Wohneigentumsquote:

Wohneigentumsquote

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, lag der Anteil der Bürger, die in Eigenheimen wohnten, 2018 in Deutschland bei 51,5 Prozent, in Italien bei 72,4 Prozent und in Frankreich bei 65,1 Prozent. Die Zahlen in dem Bild sind also korrekt. Ein Grund für die wenigen deutschen Eigenheimbesitzer ist laut Bundesbank beispielsweise die hohe Grunderwerbsteuer.

Rentenniveau

Dass Rentensysteme unterschiedlicher Länder miteinander verglichen werden, kommt oft vor. Vergleichbar sind die Zahlen aber nicht – ist der Anteil der gesetzlichen Rente im Gesamtvorsorgekonzept groß, ist auch die Abgabe an die Rentenversicherung höher als in einem Land, in dem die private Altersvorsorge stark subventioniert wird.

Das Rentenniveau zeigt die Relation zwischen der Höhe einer Rente und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers – vor steuerlichen Abzügen. Für Deutschland stimmt die Zahl. Die für Italien und Frankreich stammen jedoch offenbar aus einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD).

Zahlen für Italien und Frankreich stammen vermutlich von der OECD

Der Bericht der OECD „Renten auf einen Blick“ vergleicht unter anderem die Renten-Nettoersatzquoten. Die Nettoersatzquote beschreibt das Verhältnis der Altersrente zu dem, was zuvor verdient wurde – netto, also nicht vor Steuern.

Die Nettoersatzquote schwanken von Land zu Land und sogar von Einkommen zu Einkommen. Für Durchschnittsverdiener in Italien wurde 2017 eine Quote von 93,2 Prozent angegeben, für Frankreich 74,5. Deutschland liegt bei 50,5 Prozent. In dem Zeitungsartikel werden also unterschiedlich berechnete Werte gleichgesetzt.

Die Höhe der Nettoersatzquote oder des Rentenniveaus sagt auch nichts über die tatsächliche Rentenhöhe aus. So lag die durchschnittliche Rente in Italien Anfang 2019 laut der italienischen Sozialversicherung INPS bei 1.197 Euro. In Deutschland lag sie bei 864 Euro (West) beziehungsweise 1.075 Euro (Ost). Italiener bekommen also keine doppelte so hohe Rente, nur weil die Nettoersatzquote fast doppelt so hoch ist.

Renteneintrittsalter

Laut OECD lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter in Deutschland 2018 bei 65,5 Jahren, in Frankreich bei 63,3 Jahren und in Italien bei 67 Jahren (Männer) und 66,6 Jahren (Frauen).

Fazit: Die Zahlen zum Rentenniveau in dem Zeitungsartikel stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden anhand von verschiedenen, nicht vergleichbaren Modellen berechnet. Auch einzelne Aspekte der Renten- und Sozialsysteme zu vergleichen, ist nicht sinnvoll, weil diese einzelnen Aspekte etwa von wirtschaftlichen Faktoren abhängen und mit ihnen zusammenwirken. Die sind jedoch von Land zu Land sehr unterschiedlich.

FAKTEN FÜR DIE DEMOKRATIE
Durch eine Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), dem rund 200 Verlage mit einer wöchentlichen Auflage von ca. 60 Mio. Zeitungen angehören, erscheint in den Anzeigenblättern regelmäßig ein Faktencheck des unabhängigen und gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Die vielfach ausgezeichnete Redaktion deckt systematische Missstände auf und überprüft irreführende Behauptungen. Wie Falschmeldungen unsere Wahrnehmung beeinflussen und wie Sie sich vor gezielten Falschnachrichten schützen können, erfahren Sie unter correctiv.org/faktencheck

Autor:

Isabel Obleser aus Gengenbach

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