Correctiv Faktencheck
Nein, es wurde kein Zusammenhang zwischen Impfungen und plötzlichem Kindstod nachgewiesen

In einem Artikel wird behauptet, Impfungen würden plötzlichen Kindstod (SIDS) verursachen. Das sei etwa von einem Gericht und der amerikanischen Arzneimittelbehörde bestätigt worden. Das stimmt so nicht.

In einem Artikel der Schweizer Webseite Legitim.ch wird behauptet, ein Gericht habe bestätigt, dass Impfstoffe zu Fällen von plötzlichem Kindstod beitragen und diese verursachen könnten. Als angeblicher Beweis für diese Behauptungen wird im Text etwa der Fall von „J.B.“ erzählt. Bei den Behauptungen werden jedoch wichtige Details weggelassen, es gibt außerdem keine wissenschaftlich belegten Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und dem plötzlichen Kindstod.

Eltern verlangten Entschädigung nach plötzlichem Kindstod ihres Babys

Bei dem im Artikel genannten Gerichtsurteil handelt es sich nicht um ein Urteil aufgrund einer Klage, sondern eine Entscheidung über Anspruch auf Entschädigung nach Impfverletzungen durch das „National Vaccine Injury Compensation Program“ in den USA. Diese wurde im Juli 2017 gefällt. In der Entscheidung geht es um den Fall von J.B., der 2011 im Alter von knapp fünf Monaten am Sudden Infant Death Syndrome (SIDS) (deutsch: plötzlicher Kindstod) verstorben ist. Er bekam am Tag vor seinem Tod eine Mehrfachimpfung. Seine Eltern reichten im Jahr 2013 Anspruch auf Entschädigung wegen „Impfverletzungen“ ein. Das Gutachten kam zu dem Schluss, dass sie wegen genügend Beweisen und Zeugenaussagen ein Recht auf eine Entschädigung haben. Aber: „Ich bin nicht zu dem Schluss gekommen, dass Impfstoffe ein erhebliches SIDS-Risiko darstellen. Tatsächlich sprechen die Beweise für das Gegenteil. Die große Mehrheit der Impfstoffempfänger erkrankt nicht an SIDS.“ Das wird im Text von Legitim.ch nicht erwähnt.
Den Antragsstellern wurde eine Entschädigungssumme von 300.000 US-Dollar zugesprochen. Die Entscheidung des Gutachters wurde ein Jahr später in einem Urteil des United States Court of Federal Circuit aufgehoben. Der Gutachter habe bei seiner Entscheidung einen Fehler gemacht und andere Entscheidungen zum Thema SIDS und Impfungen nicht in sein Urteil einfließen lassen, heißt es darin. Auch das wird im Text von Legitim.ch nicht erwähnt.

Weitere angebliche Belege im Artikel nicht aussagekräftig

In dem Artikel ist außerdem das Foto eines Beipackzettels einer Kombinationsimpfung gegen Keuchhusten, Diphtherie und Tetanus zu sehen. Auf diesem ist als Nebenwirkung „Apnoe“, also Atemstillstand vermerkt. Bei Apnoe und SIDS handelt es sich um zwei unterschiedliche Krankheitsbilder. Forscher untersuchen zwar, ob Schlafapnoe mit dem plötzlichen Kindstod in Verbindung stehen könnte. Die Nennung der Nebenwirkung Apnoe in einem Beipackzettel ist jedoch kein Hinweis darauf, dass eine Impfung einen plötzlichen Kindstod verursacht.

Keine Hinweise für Zusammenhang zwischen SIDS und Impfungen

Die Todesursache beim plötzlichen Versterben eines Kindes kann laut Experten in der Regel nicht, beziehungsweise nicht eindeutig geklärt werden. Laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte können Faktoren wie das Rauchen in der Nähe des Säuglings, das Schlafen in Bauch- oder Seitenlage oder eine Überhitzung des Säuglings eine Rolle spielen. Tritt einer dieser Faktoren zeitgleich mit einem anscheinend lebensbedrohlichen Ereignis ein, kann das zum plötzlichen Kindstod führen.
Eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts sagte CORRECTIV, dass es ganz generell keine wissenschaftlich belegten Hinweise für einen Zusammenhang des plötzlichen Kindstodes mit Impfungen gebe. Auch weitere Studien, unter anderem vom Robert-Koch-Institut, sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen SIDS und Impfungen gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten (Pertussis).

Fazit: Die Behauptungen in dem Artikel von Legitim.ch führen in die Irre, da der wesentliche Kontext weggelassen wird.

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Durch eine Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), dem rund 200 Verlage mit einer wöchentlichen Auflage von ca. 60 Mio. Zeitungen angehören, erscheint in den Anzeigenblättern regelmäßig ein Faktencheck des unabhängigen und gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Die vielfach ausgezeichnete Redaktion deckt systematische Missstände auf und überprüft irreführende Behauptungen. Wie Falschmeldungen unsere Wahrnehmung beeinflussen und wie Sie sich vor gezielten Falschnachrichten schützen können, erfahren Sie unter correctiv.org/faktencheck

Autor:

Isabel Obleser aus Gengenbach

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