Walter Schmider erzählt
Was sich in Wolfach 1972 und 1997 so tat

Bis heute organisiert Walter Schmider Bildungsreisen für das katholische Bildungswerk. | Foto: Glaser
3Bilder
  • Bis heute organisiert Walter Schmider Bildungsreisen für das katholische Bildungswerk.
  • Foto: Glaser
  • hochgeladen von Anne-Marie Glaser

Wolfach (ag). "Damals gab es noch den Landkreis Wolfach", antwortet Walter Schmider auf die Frage, was denn 1972 anders war als heute. "Darauf waren die Wolfacher auch ein bisschen stolz", räumt der heute 81-Jährige ein. Auf den Autokennzeichen prangte WOL und die Kreisstadt hatte alle wichtigen Ämter vor Ort. "Was natürlich bequem war", so Walter Schmider. 1972 war die Auflösung beschlossene Sache und den Wolfachern war klar, dass damit auch ein Zentralitätsverlust verbunden sein würde. Dem Wir-Gefühl tat dies keinen Abbruch, im Gegenteil: "Das kam dadurch erst so richtig auf."

In seiner Freizeit engagierte sich der Pädagoge Walter Schmider in der katholischen Kirche. "Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er-Jahren erfolgte ein Umdenken. Das Kirchenvolk wurde mehr berücksichtigt, der Altar rückte vom Hochaltar weg, näher zum Volk und die Gebete waren in deutsch. Die Menschen freuten sich über die Veränderungen", erinnert er sich gut zurück. "In den 70er-Jahren herrschte absolute Aufbruchstimmung." Die war auch in Wolfach zu spüren, gerade beim ersten Pfarrgemeinderat von 1969 bis 1973 nach dem Konzil. "Mit genügend Vertretern, die jetzt vieles mitbestimmen durften", sagt Schmider. "Das waren spannende Zeiten", ist der 81-Jährige heute noch begeistert. Es waren auch seine ersten Jahre als Leiter des katholischen Bildungswerks, für das er bis heute Studienreisen organisiert. In dem Jahr als der Stadtanzeiger Verlag gegründet wurde, kam mit Josef Stüble übrigens auch ein neuer Pfarrer in die Stadt, der als Seelsorger äußerst beliebt war und bald darauf die Renovierung der Stadtkirche anging, inklusive einer neuen Orgel. Gemeinsam mit Walter Schmider verfasste er ein 400 Seiten umfassendes Buch über die katholische Pfarrgemeinde St. Laurentius in Geschichte und Gegenwart.

Lehrer waren absolute Respektpersonen

Später war Walter Schmider Rektor in Wolfach, aber 1972 unterrichtete er noch in Halbmeil. "Lehrer galten früher als absolute Respektpersonen", sagt er. Stellte ein Kind etwas an und wurde vom Lehrer sanktioniert, war die größte Sorge des Schülers, die Eltern könnten es erfahren. Denn dann wurde er zu Hause noch einmal bestraft. "Heute stellen sich die Eltern oft hinter ihre Kinder, selbst wenn sie gar nicht wissen, was überhaupt vorgefallen ist", weiß der frühere Rektor. Auch die Bereitschaft zu juristischen Auseinandersetzungen ist groß. Das gab es damals nicht.

Mengenlehre

Gegenüber Lerninhalten wurde aber schon mal Kritik laut, beispielsweise als die Mengenlehre eingeführt wurde. "Das ist doch Schießdreck", war die Meinung verärgerter Väter und Mütter. Und was hielt Lehrer Schmider davon? "Jeder Kultusminister wollte etwas Neues einführen und hatte sein Steckenpferd. Damals wollte man in der Schule wissenschaftlicher werden. Das schaffte man aber mit der Mengenlehre nicht. Sie wurde dann ja auch wieder aus dem Unterricht genommen", erklärt der Pädagoge, der unter anderem auch Fachberater im Fach Deutsch im Bereich des staatlichen Schulamts Offenburg war.

Rechtschreibreform

Ende der 90er-Jahre, die Anfangszeiten der Sonntagszeitung Der Guller, sorgte die Rechtschreibreform für Aufregung. "Hierbei gab es Neuerungen, die mir gefallen haben", sagt der ehemalige Rektor der damaligen Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule Wolfach, "beispielsweise die Ableitung vom Wortstamm."
1997, das verbindet Schmider mit der Gründung des Fördervereins der Stadtkapelle Wolfach sowie den ersten Tourenfahrerwochenenden, die es bis heute gibt. Eine traurige Erinnerung für ihn ist die Versteigerung des Gasthauses "Adler". "Die Leute kamen sogar vom Tal, um dort zu essen", sagt er. "Frau Wetzel war die Seele des Gasthauses." Als sie verstarb, war das auch das Ende des Gastronomiebetriebs "Adler". Bürgermeister zu dieser Zeit war in Wolfach übrigens Gottfried Moser, der laut dem ehemaligen Rektor viele Sanierungsaufgaben und Projekte anging.
Und was hat sich nicht verändert in den 50 Jahren in Wolfach? "Das Gemeinschaftsgefühl", sagt Walter Schmider. Dafür sprechen 80 Vereine und die Tatsache, dass sich nach wie vor so viele Menschen ehrenamtlich engagieren.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.