Im Gespräch mit Dr. Christian Dogs
Emotionale Kompetenz durch Selbstreflexion

Dr. Christian Dogs
  • Dr. Christian Dogs
  • Foto: Max Grundig Klinik Bühlerhöhe
  • hochgeladen von Anne-Marie Glaser

Dr. Christian Dogs ist Ärztlicher Direktor der psychosomatischen Klinik in der Max Grundig Klinik auf der Bühlerhöhe, Bestsellerautor und Kolumnist der Wirtschaftswoche. Am Mittwoch, 19. September, um 19 Uhr spricht er in der Stadthalle Hausach zum Thema „Emotionale Kompetenz durch Selbstreflexion – die Basis für gute und richtige Entscheidungen“. Im Interview mit Anne-Marie Glaser spricht der Mediziner über Unsicherheit und falsche Entscheidungen. Veranstalter sind die WRO, die Sparkasse Haslach-Zell und die Max-Grundig-Klinik auf der Bühlerhöhe. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei. Aus organisatorischen Gründen ist allerdings eine Anmeldung unter 0781/9686730 notwendig.

Wie drückt sich emotionale Kompetenz aus?
Emotionale Kompetenz ist die Fähigkeit seine eigene Gefühlswelt und die anderer Menschen gut wahrzunehmen.Was man gemeinhin als Empathie bezeichnet. Damit ist aber oft die Fähigkeit gemeint sich in andere Menschen einzufühlen. Das ist unvollständig. Erst einmal
brauche ich Empathie für mich selbst und die fehlt vielen Menschen, weil uns von Kindheit an die Wahrnehmung unserer eigenen emotionalen Bedürfnisse abtrainiert wird. Wer also eine hohe emotionale Kompetenz hat, kann seine eigenen Gefühle und Stimmungen sowie die seiner Umwelt sehr gut wahrnehmen. Das ist unter anderem wichtig für Führungskräfte, weil die meisten unserer Entscheidungen aus dem Gefühl heraus gefällt werden.

Stichwort Selbstreflexion: Warum wirken Menschen, die sich selbst ständig hinterfragen, aber oft eher unsicher?
Selbstreflexion bedeutet nicht, dass man sicher immer und ständig hinterfragt. Das sind die Unsicheren. Umso weniger Selbstvertrauen jemand hat, desto mehr zweifelter an sich, das sogenannte Hochstaplersyndrom. Das sind Selbstzweifel als Zeichen von Unsicherheit und keine Reflexion. Die bedeutet vielmehr sich mit seinen Stärken und Schwächen immer wieder mal in Frage zu stellen.

Wo endet die „gesunde Selbstreflexion“ und beginnt die Nabelschau, also die übertriebene Beschäftigung mit sich selbst?
Wir haben aber gerade in Führungsetagen die Gefahr, der sogenannten narzisstischen Infektion. Umso höher man kommt, desto mehr wächst die Überzeugung grandios zu sein, allein schon, weil man diese tolle Position erreicht hat. Hinzu kommt,dass mit dem Aufstieg die Zahl der Claqueure und Schranzen zunimmt, die ihnen nach dem Mund reden und sich nicht mehr trauen zu kritisieren. Das bestärkt auch in dem Gefühl unfehlbar und großartig zu sein. Ergänzt wird es
häufig durch Coaches, die auch nach dem Mund reden, weil ihr nächster Auftrag davon abhängt. Damit wird man immer kritikunfähiger und Menschen, die solchen Narzissten nahe sind, wie Ehepartner, stehen vor den großen Problem sich in den Kreis der Bewunderer einzureihen oder sie werden ausgemustert.Deswegen suchen sich häufig erfolgreiche Geschäftsleute später junge Frauen, die Sie bewundern. Diese jungen Partnerinnen kennen ja nicht seine Schwächen und auch nicht die biographischen Lügen,die solche Karrieren oft begleiten. Die gesunde Selbstreflexion endet da, wo sie keine mehr ist, sondern in Größenideen mündet. In der festen Überzeugung etwas besonderes zu sein, beschäftigt man sich nur noch mit sich selbst und wird ein bösartiger Narzist. Eben weil man sich nicht mehr hinterfragt. Auf die Dosis kommt es an. Wenn es dagegen ein Gedankenkreisen mit Selbstzweifeln wird, sind wir am Anfang einer depressiven Entwicklung.

Was war Ihre persönlich falscheste Entscheidung und warum kam sie zustande?
Meine falscheste Entscheidung war 1989 noch einmal den Versuch zu wagen, mit meinem Vater zusammen zu arbeiten. Er hatte mich gelockt mitdem Angebot seine Kliniken zu übernehmen, obwohl wir uns mehr als 20 Jahre nicht gesehen hatten. Er wolle mich als Nachfolger.
Ich wußte, er ist unberechenbar, aber die Sehnsucht nach einer späten Vaterversöhnung war zu groß. Also ging ich von meiner damaligen neurologischen Stelle, wo ich ein sehr gutes Angebot hatte, Oberarzt zu werden, weg und versuchte es. Er wartete dann ein halbes Jahr, bis auch meine Frau ihre sehr gut gehende Praxis in Heidelberg aufgegeben hatte, um mir dann mitzuteilen, dass er mir die Kliniken verkaufen will. An diesem Tag habe ich endgültig begriffen,dass ich keinen Vater habe und wir haben uns nie wieder gesehen.


Vom Straßenkind zum Ärztlichen Direktor, Ihr eigener Lebensweg ist eher ungewöhnlich. Warum zeichnet Sie das als Mediziner aus?
Meine Biographie ist die beste Grundlage, ein guter Psychiater zu sein. Ich komme aus dem Leben und nicht aus dem Lehrbuch. Ich habe fast alles, was meine Patientenerlebt haben, auch schon selbst erlebt. Ich bin der lebende Beweis, dass man eine katastrophale Kindheit, Heimkarriere, Suchtkarriere, viele Traumata gut bewältigen kann. Ich habe immer im Leben jeden noch so schlechten Job genommen, um mich selbst zu finanzieren. Ich weiß, was das Leben an der Kante ist, kenne unendliche Einsamkeit und Verzweiflung und weiß, wieviel Kraft wir haben, um es dennoch zu schaffen. Das macht meinen Patienten Mut und ich bin für sie authentisch und kein abgehobener Weißkittel. Auch als Führungskräftecoach bin ich authentisch, weil ich selbst 25 Jahre lang als Ärztlicher Direktor selbst immer circa 120 Mitarbeiter geführt habe und zusammen mit einem Unternehmer aus einem Hotel eine sehr erfolgreiche Klinik gemacht habe. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Psychiater aus dem Elfenbeinturm kommen und wie viele Coaches noch nie im Leben Führungsverantwortung hatten.

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