Angedacht: Christian Meyer
Glückselig am Fahrkartenautomaten

Christian Meyer

„Kennen Sie sich mit dem Ding aus?“ Der ältere Herr am Bahnsteig schaut verzweifelt. Er zeigt auf den roten Fahrkarten-Automaten. „Was muss ich da eingeben nach Freiburg? Ich kapiere es nicht.“ Ich gestehe: "Ich verzweifle auch oft an den Dingern. Ich versuche es gerne. Müssen Sie nur hinfahren oder auch zurück?“ „Heute Abend muss ich zurück. Und in Freiburg mit Straßenbahn“, erklärt der Mann. Ich schaue auf die Uhr. Wir haben noch drei Minuten. Etwas unruhig tippe ich mit dem Finger durchs Menü. „Wollen Sie ein Tagesticket? Gilt auch für Straßenbahn – 24 Euro?“, schlage ich vor. „Das ist gut. Das ist ja billiger, als ich dachte“, antwortet der Mann. Er gibt mir zwei Scheine. Wir hören das surrende Drucken der Fahrkarte. Der Zug fährt ein. Endlich klimpert das Wechselgeld. Erleichtert gebe ich ihm alles in die Hand. Der Mann lächelt mich an: „Danke! Zum Glück waren Sie da.“

Ihr Begleiter diese Woche

Dass ich ihm helfen konnte, stimmt mich fröhlich. Beschwingt steige ich in den Zug. Ich schaue aus dem Fenster, träume mich durch die vorbeiziehende Landschaft und erinnere ich mich an Jesu Worte: „Geben ist seliger als nehmen.“ Schnell habe ich viele Menschen vor Augen, die Freude und Glück empfinden, wenn sie anderen helfen: Etliche engagieren sich gerade für die Notleidenden in und aus der Ukraine: Hilfstransporte, Geldspenden, Gastfreundschaft. Sie trotzen dem Leid mit Nächstenliebe. Ich denke aber auch an Menschen, die zum Teil große Summen für andere Projekte spendeten, die ihnen und mir am Herzen liegen. Sie erzählten mir: „Herr Pfarrer, wir haben selbst keine Kinder. Da wollen wir, dass es andere Kinder guthaben.“ Aber ich sehe auch Omas und Opas, die ihren Enkeln bei den Hausaufgaben helfen und dann noch ein Eis kaufen. Sie alle erleben, was Jesus sagte und ich am Bahnsteig erlebte: „Geben ist seliger als nehmen.“

Trotz aller Freude am Helfen hoffe ich aber: Möge die Bahn ihre Automaten so weiterentwickeln, dass alle sie auch ohne fremde Hilfe bedienen können.
Christian Meyer, Pfarrer, evangelische Kirche Haslach

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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