Digitale Vertreter im Klassenzimmer
Avatare für krebskranke Kinder

Ein Platz bleibt für den Avatar reserviert.  | Foto: Förderverein krebskranke Kinder
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Freiburg (st). Krebskranke Kinder und Jugendliche können oft für lange Zeit nicht am Unterricht an ihrer Schule teilnehmen. Durch den Einsatz von Avataren sorgt der Förderverein für krebskranke Kinder e.V. Freiburg jetzt dafür, dass die jungen Patienten dennoch den Anschluss an ihre Klassengemeinschaft und Freunde aufrechterhalten. Die leicht vermenschlichten Geräte nehmen den Platz des Kindes im Klassenzimmer ein und werden von diesem aus der Ferne gesteuert, während sich die Mitschüler um den Avatar kümmern.

Zehn Avatare im ersten Schritt

Mit dem Projekt „Medikids“ hat der Förderverein bereits langjährige Erfahrungen in der digitalen Unterstützung schwerstkranker Kinder gesammelt und wird im ersten Schritt jetzt zehn Avatare beschaffen. Die ersten drei „Stellvertreter“ sind ab jetzt im Einsatz.

Seit vielen Wochen ist Lucas (Anmerkung: Name geändert) Stuhl im Klassenzimmer leer und das wird mindestens bis nach den Sommerferien so bleiben. Denn der Elfjährige hat Krebs. An diesem Morgen begrüßt er seine Mitschüler dennoch mit einem fröhlichen Hallo. Per Knopfdruck steuert Luca seinen Avatar vom Krankenzimmer aus. Das Gerät steht auf seinem Platz im Klassenzimmer und überträgt per Livestream, was gerade im Unterricht passiert. Der Avatar kann in ein Buch gucken, den Kopf drehen und dank LEDs sogar ein lustiges, trauriges oder nachdenkliches Gesicht machen.

Luca steuert das Gerät per Tablet. Meldet er sich, blinken Lampen am Kopf des Avatars und Lucas Stimme wird ins Klassenzimmer übertragen. „Was ich echt cool finde, ist der Ruhe-Modus, wenn ich mal nicht angesprochen werden will, und natürlich der Flüster-Modus. Da kann ich einfach mit meinem Banknachbarn tuscheln. Das ist dann richtig so, als ob ich in der Schule sitze.“

Seit vielen Jahren verleiht der Förderverein im Projekt „Medikids“ bereits unentgeltlich Laptops und Tablets an junge Patienten, und zwar für die gesamte Behandlungsdauer. Denn eine Krebsbehandlung gerät schnell zu einem Marathon für alle Beteiligten. Zweieinhalb Jahre – so lange dauerte der längste Aufenthalt einer Familie im Elternhaus Freiburg, das ebenfalls vom Förderverein betrieben wird. Das Elternhaus steht unmittelbar neben der Uni-Kinderklinik und nimmt pro Jahr rund 950 Familien auf – im Schnitt sind das 18.000 Übernachtungen.

Im Elternhaus kümmert sich der Sozialdienst des Fördervereins um die Eltern und Geschwister der erkrankten Kinder und verleiht auch die Avatare. Ein wichtiger Augenblick ist die Einführung an den Schulen, denn bei dieser Gelegenheit werden Ängste und Vorbehalte zum Thema „Krebs bei Kindern“ angesprochen und die Mitschüler behutsam auf mögliche Veränderungen des Klassenkameraden vorbereitet. Durch die Einbeziehung der Mitschüler und Freunde, die den Avatar ins richtige Klassenzimmer tragen, darauf achten, dass die Lehrer das Blinkzeichen für eine Wortmeldung nicht übersehen, oder das Gerät in die Pause mitnehmen, besitzt das Projekt eine wertvolle soziale Komponente.

Soziale Kontakte sind wichtig

„Wir wissen, wie unglaublich wichtig der Anschluss an ihre Freunde und ihre Schule für die kranken Kinder und Jugendlichen ist“, erklärt Johannes Bitsch vom Vorstand des Fördervereins und einst selbst betroffener Vater. Er hat das Projekt initiiert und betreut dessen Umsetzung. „Jedes noch so kleine Stückchen Normalität gibt den Kindern ungeheuren Aufschwung und motiviert sie, auch schwierigere Krankheitsphasen durchzustehen.“

Der Avatar AV1 des norwegischen Herstellers No Isolation wurde speziell für die Beschulung kranker Kinder entwickelt und gilt als besonders sicher. Im Lauf des Jahres wird der Förderverein als ersten Schritt zehn Avatare und Zusatzgeräte anschaffen.

„Jedes Gerät kommt einem kranken Kind zugute“, betont Vorstand Johannes Bitsch. „In der digitalen Brücke, die wir durch den Avatar schlagen, sehen wir einen weiteren wichtigen Baustein, der dazu beiträgt, die Heilungschancen eines krebskranken Kindes zu verbessern.“

Förderverein für krebskranke Kinder e.V. Freiburg

  • 1980 Gründung
  • acht ehrenamtliche Vorstände
  • 1995 Bau des ersten Elternhauses neben der Uni-Kinderklinik in Freiburg
  • 2005 Erweiterung des Elternhauses auf insgesamt 37 Zimmer und Appartements
  • 18.000 Übernachtungen von rund 950 Familien pro Jahr
  • rund 2.400 Mitglieder
  • 35 Geräte (17 Laptops, 15 iPads, 3 Avatare) für Medikids
  • 2020 Spatenstich für das neue Elternhaus neben der neuen Kinder- und Jugendklinik Freiburg, geplante Fertigstellung 2022

Aufgaben

Im Elternhaus übernachten Familien, deren Kinder stationär in der benachbarten Uni-Kinderklinik Freiburg behandelt werden. Die Familien werden durch psychosoziale Beratung, die Geschwisterspielstube, die Hauswirtschaft sowie eine Beratungsstelle für verwaiste Eltern umfassend begleitet. In Härtefällen hilft der Sozialfond betroffenen Eltern finanziell.

Außerdem unterstützt der Förderverein die Kinderklinik am Universitätsklinikum Freiburg durch Zuschüsse zu Personalstellen, die Finanzierung von Forschungsprojekten und die Anschaffung modernster medizinisch-technischer Geräte. 2021 wird zum dritten Mal der Forschungspreis des Kuratoriums für Wissenschaft und Forschung ausgelobt.

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