Sternenkinder
Wenn werdende Mütter ihr Baby verlieren

Ingrid Vogt (l.), leitende Hebamme am Ortenau Klinikum in Offenburg, und ihre Kollegin Verena Männle zeigen die liebevoll gestalteten Schachteln und Einschlagtücher für Sternenkinder.
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  • Ingrid Vogt (l.), leitende Hebamme am Ortenau Klinikum in Offenburg, und ihre Kollegin Verena Männle zeigen die liebevoll gestalteten Schachteln und Einschlagtücher für Sternenkinder.
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Ortenau (set). Eine Frau ist im vierten Monat schwanger. Sie geht regelmäßig zum Frauenarzt und lässt sich untersuchen. Das Herz ihres Kindes schlägt – kräftig und ausdauernd. Später bemerkt die werdende Mutter, dass irgendwas nicht stimmt.

Eine Mutter spürt, wenn etwas nicht stimmt

Sie spürt keine Bewegungen mehr in ihrem Bauch. Frühzeitige Wehen setzen ein. Als das Kind das Licht der Welt erblickt, ist es bereits tot. "Eine Mutter spürt, wenn mit ihrem Kind etwas nicht stimmt“, sagt Ingrid Vogt. Sie kann viel von solchen Schicksalsschlägen erzählen, denn sie ist die leitende Hebamme im Ortenau Klinikum in Offenburg. Durch ihre Hilfe gelangt neues Leben in diese Welt. Manchmal jedoch schaffen die Neugeborenen den Schritt ins Leben nicht: Sie werden zu Sternenkindern.

Der Gesetzgeber nimmt im Bezug auf diesen Begriff eine klare Unterscheidung vor: „Ein totgeborenes Kind hat nach der Geburt ein Gewicht von mindestens 500 Gramm und zeigt keine Lebenszeichen wie Herzschlag, Lungenatmung oder eine pulsierende Nabelschnur“, erklärt Ingrid Vogt. „Eine Fehlgeburt zeigt auch keine Lebenszeichen, hat jedoch ein Gewicht von unter 500 Gramm.“ Hingegen gelte ein Kind, das nach der Geburt Lebenszeichen zeigt und erst danach stirbt, unabhängig vom Gewicht, als Lebendgeburt.

Kindliche und mütterliche Ursachen

Angesprochen auf die Ursachen, antwortet die Hebamme: „Oft wissen wir es nicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Irgendwas ist nicht optimal angelegt und dann behilft sich die Natur selbst.“ Was die Ursachen sein könnten, weiß Andreas Brandt, Chefarzt der Frauenklinik am Ortenau Klinikum. Dabei unterscheidet er zwischen kindlichen und mütterlichen Ursachen. „50 bis 70 Prozent aller Fehlgeburten sind Chromosomenmutationen“, erklärt er.

„Danach folgen Infektionen des Kindes sowie die Einwirkung von Medikamenten und Röntgenstrahlung.“ In die zweite Kategorie fallen laut dem Chefarzt unter anderem eine fehlentwickelte Plazenta, eine fehlgebildete Gebärmutter sowie mechanische Traumata wie Stürze oder eine Blutunverträglichkeit zwischen Mutter und Kind.

Jede dritte Schwangerschaft in Deutschland endet in ersten drei Monaten

Dabei kommen Fehlgeburten in Deutschland relativ häufig vor: "Jede dritte Schwangerschaft endet in den ersten drei Monaten, etwa 3.500 Kinder werden jährlich in Deutschland still geboren oder sterben in den ersten sieben Tagen", erklärt Ulrike Graß. Sie hat selbst zwei Fehlgeburten durchlitten: Die erste 1986 in der zehnten Schwangerschaftswoche (SSW). Die zweite 1988 in der 13. Woche. Dazwischen starb ihr Sohn Simon während einer scheinbar normalen Geburt in der 39. SSW.

Angesprochen auf die Anzahl von Fehlgeburten am Ortenau Klinikum in Offenburg, antwortet Ingrid Vogt: "Wir haben im Jahr 2.100 Geburten", erklärt sie. "Daneben gehen etwa 200 Schwangerschaften vor der zwölften SSW schief. Nach der zwölften Woche sind es 15 bis 20 im Jahr, die wir in der Klinik betreuen." Zahlreiche Schwangerschaften enden laut Ingrid Vogt auch schon in der Frühphase und das ohne eine Ausschabung, sondern nur durch eine Blutung.

"Es ist wie ein Untergang"

Für die Eltern ist dieses Ereignis ein Schock. "Es ist wie ein Untergang. Dass ein Kind vorher geht ist einfach nicht geplant", beschreibt Ingrid Vogt. "Es passt nicht ins Lebenskonzept", sagt sie weiter. "Normalerweise geht ein älterer Mensch zuerst. Viel später folgt das Kind." 

Nachdem sie das Kind tot zur Welt gebracht hätten, empfänden viele Frauen Schuld und auch Scham: "Sie haben abstruse Gedanken, wie 'Hätte ich mich nicht so darauf gefreut'", erklärt Verena Männle, eine Kollegin von Ingrid Vogt und ebenso Hebamme. "Wenn eine Frau häufiger Fehlgeburten hat, dann kommen zusätzlich Versagensängste hinzu."

trauernde Männer und Geschwister

Bei Männern, so Verena Männle, ist häufig die erste Reaktion, dass sie das Kind nicht sehen wollen. "An dieser Stelle sollte man nicht vergessen, dass jeder Mensch mit Trauer anders umgeht und für Männer ist eine Schwangerschaft nicht so schnell greifbar", erklärt sie. Dennoch würden sie genauso den Verlust spüren. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es auch den Vätern hilft, dass Kind nochmal zu sehen und sich zu verabschieden", ergänzt Ingrid Vogt.

Das bestätigt auch Claudia Huber, Klinikseelsorgerin am Ortenau Klinikum in Offenburg: "Männer in dieser Situation müssen meist irgendetwas tun. Das ist keinesfalls Ignoranz, sondern ein Ausdruck dafür, dass er anders trauert als sie." Auch Geschwisterkinder sind von dem Todesfall betroffen. Hier erzählt Verena Männle von dem Fall einer schwangeren Frau, den sie vor vielen Jahren begleitet hat. Die Frau hatte ein Sternenkind zur Welt gebracht und für die Geschwister war ein Abschiedsritual sehr wichtig: "Die Kinder haben eine Haarsträhne abgeschnitten und in einer Schachtel aufbewahrt. Man denkt eigentlich, dass man Tod von Kindern fernhalten soll, doch im Gegenteil, es stärkt sie für das Leben", erklärt sie.

Tod kommt aus dem Tabubereich heraus

Gerade das Thema Tod hat sich laut Klinikseelsorgerin Claudia Huber gesellschaftlich verändert: "Es kommt aus dem Tabubereich heraus", sagt sie. "So wird auch über das Thema Fehlgeburt mehr gesprochen." Ein wenig anders sieht das Ulrike Grass. Sie hat 1994 "Sternschnuppe Ortenau" gegründet – einen Kontaktkreis für Eltern, die ihr Kind vor, während oder nach der Geburt verloren haben. Die Gruppe trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat in Seelbach.

Dort erzählen ihr manche Mütter ganz unterschiedliche Sachen: So gebe es positive Fälle, bei denen sich das Klinikpersonal vorbildlich, um die Mutter mit ihrem Sternenkind kümmern würde. Doch es gebe teilweise auch Fälle, gerade bei Fehlgeburten in der Frühschwangerschaft, die in der Klinik allzu routinemäßig ablaufen würden.

Hebammen als Begleiter und Berater

"Fehlgeburten werden aber auch in manchen Familien gern verschwiegen", sagt Verena Männle. Sie sagt, dass manche Frauen nach einer Fehlgeburt einfach zwei Wochen krank sind und danach wieder zur Arbeit gehen.

Damit Paare und deren Angehörige den Todesfall verarbeiten, stehen ihnen am Ortenau-Klinikum in Offenburg neben der Klinikseelsorge, auch die Hebammen zur Seite: "Wir haben immer wieder mal im Jahr eine Fortbildung zum Thema Trauer", erklärt Ingrid Vogt und fügt hinzu: "Wir begleiten und beraten die Eltern und sehen es auch als Teil unseres Aufgabenbereichs an."

Gedenkgottesdienst für die Sternenkinder

Claudia Huber verweist neben der Betreuung der Eltern auf die zweimal im Jahr stattfindenden Gedenkgottesdienste speziell für Eltern von Sternenkindern: "Jeweils am Freitag vor dem Muttertag und vor dem ersten Advent treffen wir uns in der Kapelle im Ortenau Klinikum", erklärt sie.

Die Betreuung der Eltern gehe so weit, dass das Klinikpersonal auch bei der Bestattung des Kindes hilfreich zur Seite stehe. Die Beisetzung von Sternenkindern ist wie deren Definition ebenso gesetzlich geregelt. So weist das Bundesfamilienministerium auf seiner Internetseite auf eine im Mai 2013 in Kraft getretene Neuregelung im Personenstandsregister hin.

Die Idee der kleinen und großen Schachteln

Sie erlaubt Eltern von Kindern, die mit unter 500 Gramm tot geboren wurden, eine Eintragung der Geburt beim Standesamt – vorher war das nicht möglich. Es wurden nur Geburten von Neugeborenen ab einem Gewicht von mindestens 500 Gramm und lebendgeborenen Babys dokumentiert. Das Bestattungsrecht ist hingegen Ländersache. In Baden-Württemberg besitzen Eltern ein individuelles Bestattungsrecht bei fehlgeborenen Kindern. So können sie das Kind auch in einem eigenen Grab beerdigen.

Ansonsten sind die Krankenhäuser verpflichtet. Bei diesem Punkt sagt Ingrid Vogt: "Ob Pflicht oder nicht, am Ortenau Klinikum haben wir Fehlgeburten schon immer bestatten lassen." Dabei hilft auch eine Idee ihrer Kollegin Verena Männle. "Ich habe einmal eine Stunde in der Schulklasse meiner Tochter in der Mädchenrealschule Offenburg gestaltet", erzählt sie. Das Thema: Schwangerschaft und Geburt. "Wir haben auch über unglückliche Schwangerschaften gesprochen und schließlich haben die Mädchen im Rahmen des Religionsunterrichts kleine und große Schachteln als Särgchen für die Sternenkinder gebastelt."

Erinnerungen schaffen

Darüber hinaus nähen Ehrenamtliche unter dem Namen "Herzenssache" in Hugsweier Einschlagtücher sowie kleine Mützchen und Stoffherzen. Beides ist Ingrid Vogt wichtig. Man solle Erinnerungen an das Sternenkind schaffen, denn: "Eltern, Geschwister, Angehörige können sich nicht von etwas verabschieden, was sie selbst nicht gekannt haben."

Autor:

Sebastian Thomas aus Achern

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