Sonntagsporträt
Radikaler Jobwechsel brachte ihr Glück

Judith Wohlfarth liebt das Leben als Schweinezüchterin auf dem Land. Sie vermisst ihr vorheriges berufliches Leben in der Finanzwelt nicht. Ihre Familie und die Tiere sind jetzt ihr Zuhause.
  • Judith Wohlfarth liebt das Leben als Schweinezüchterin auf dem Land. Sie vermisst ihr vorheriges berufliches Leben in der Finanzwelt nicht. Ihre Familie und die Tiere sind jetzt ihr Zuhause.
  • Foto: Michael Bode
  • hochgeladen von Sebastian Thomas

Oberkirch-Hesselbach. Judith Wohlfarth betritt das kleine Gatter an der rechten Seite ihres Hauses. Es ist mit Stroh ausgelegt. In der Mitte des Geheges steht etwas, was eine Hundehütte sein könnte. Von einer Sekunde auf die nächste rumpelt es in dem kleinen Häuschen und eine Flut aus neun Ferkeln ergießt sich über den Boden des Geheges. Sofort fangen die Racker an alles anzuknabbern, inklusive der Schuhe und Hosen der Besucher. Judith Wohlfarth ist das gewöhnt. Routiniert greift sie sich ein Ferkel. Es strampelt, doch vergebens: Das kleine Wesen muss mit aufs Foto.

Weg zum Erfolg war lang

Judith Wohlfarth kennt sich mit den Tieren aus. Seit fünf Jahren züchtet sie zusammen mit ihrer Mutter Ursel Schweine auf dem Hofgut Silva in Oberkirch-Hesselbach. Der Weg dahin war lang. Judith Wohlfarth musste sich beruflich verändern. Es bedurfte enormer Anstrengungen, um die Schweinezucht in dem kleinen Ort Wirklichkeit werden zu lassen. Die heute 32-Jährige wuchs auf dem Land in der Nähe von Karlsruhe auf. "Meine Mutter und ich haben damals auf dem Hof Wildschweine aufgepäppelt", erklärt sie.

Studium der Betriebswirtschaftslehre

Dort blieb sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr. 2005 begann die heutige Schweinezüchterin ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Dreieinhalb Jahre dauerte die akademische Ausbildung, dann arbeitete sie erst bei einer Unternehmensberatung in der Mainmetropole und danach bei einer Bank in München. 2008 ersteigert sie zusammen mit ihrer Mutter den Hof in Hesselbach. Er liegt ganz am Ende des Tals - kaum Mobilfunkempfang, wenig Nachbarn. "Eigentlich habe ich für meine Mutter nach einem Alterswohnsitz gesucht", sagt sie.

Auf dem Hof sollten ein paar Tiere leben, die Bewirtschaftung ein Hobby sein. Es kam anders: "Zu dem Gut gesellten sich noch 15 Hektar Land", erklärt Judith Wohlfarth. "Wir haben uns dann überlegt, was wir damit machen können." Eine Idee war schnell gefunden: Schweine halten und das draußen in der Natur.

Raus aus den nackten Zahlen, rein in die Zucht

Es folgten drei arbeitsreiche Jahre, denn das Haus musste von Grund auf erneuert werden. Danach folgte eine radikale berufliche Veränderung. Judith Wohlfarth stand an einem Punkt im Leben, an dem sie sich entscheiden musste. "Für Landwirtschaft hat sie sich schon von Kindesbeinen an interessiert", sagt ihre Mutter Ursel. "Mit dem Hof und der damit verbundenen Arbeit wuchs ihre Begeisterung." Schließlich habe sie sich für den Teil ihres Lebens entschieden, der ihrer Leidenschaft entspreche: der Schweinezucht.

Von 2012 bis 2014 absolvierte sie ihren Master in Agrarwissenschaft an der Universität in Hohenheim. "Mit dem Studium sollte ich fehlende Sachkunde nachweisen", sagt Judith Wohlfarth. Mit ihrem Master überzeugte sie schließlich das Veterinäramt von ihrem Vorhaben und erhielt die Erlaubnis, ihre Tiere im Wald halten zu dürfen. "Anschließend war die Schweinezucht eher 'Learning by doing'", gibt sie zu und schmunzelt. Im Mai 2013 entschieden sich Judith Wohlfarth und ihre Mutter für Schweine der englischen Rassen Tamworth und Berkshire.

Stadtleben fehlt ihr nicht

"Von der Insel haben wir dann zwei Zuchteber und zwölf Zuchtsäue importiert." 2015 war Schluss mit dem Bankjob: Sie zog von München nach Oberkirch. "Mir fehlt das Stadtleben nicht", sagt Judith Wohlfarth. Die 32-Jährige sei bereits während ihres Studiums oft nach Hause aufs Land gefahren.

Das Schreien eines Kindes unterbricht das Gespräch. Nicht nur beruflich, sondern auch privat hat Judith Wohlfarth ihr Glück gefunden. 2016 lernt sie auf der Mitgliederversammlung von Uria – einem Verein, der sich unter anderem gegen Tiertransporte engagiert – ihren jetzigen Freund kennen. Er kommt aus Schneeberg im sächsischen Erzgebirge. Auch er ist Landwirt. Im Unterschied zu Judith Wohlfarth ist er Rinderzüchter.

privates Glück

Das Ergebnis der Begegnung ist eine jetzt sieben Woche alte Tochter. Wie funktioniert eine Beziehung, bei der die Liebenden fast 530 Kilometer voneinander entfernt sind? "Mein Freund ist immer eine Woche da und eine Woche weg", antwortet Judith Wohlfarth. Ob es so weitergeht, kann sie jetzt noch nicht sagen. Fest steht, dass sich für sie alle Anstrengungen gelohnt haben: Erst der Jobwechsel, zwischendurch der Aufbau der Schweinezucht und schließlich die Geburt ihrer Tochter.

Sebastian Thomas

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