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Lutz Heubach, Lebenshilfe Haslach: „Der Brand geht uns sehr unter die Haut“

Lutz Heubach

Haslach. Noch immer ist die Trauer nach dem verheerenden Brand in einer Behinderten-Werkstätte in Titisee-Neustadt riesengroß. Lutz Heubach, Geschäftsführer der
Lebenshilfe im Kinzig- und Elztal beantwortet unsere Fragen.

Wie sehr geht der Brand in Titisee-Neustadt unter die Haut?
Der Brand geht uns sehr unter die Haut. In unseren Einrichtungen bleibt
davon niemand unberührt. Als Träger von Werkstätten für Menschen mit
Behinderungen haben wir zumindest annährend eine Vorstellung davon, was
dieses Unglück für die Menschen dort und die gesamte Einrichtung
bedeutet. Werkstätten sind für viele Mitarbeiter mit Behinderungen nicht
nur Arbeitsplatz, sondern auch Lebensraum und wichtiger Ort für soziale
Kontakte. In Behindertenwerkstätten gibt es auch eine ganz andere
Verbundenheit als in den sonstigen Betrieben. Es geht recht familiär zu,
man kennt sich seit vielen Jahren, es bestehen persönliche Beziehungen
zwischen den behinderten Mitarbeitern untereinander, aber auch zum
hauptamtlichen Personal.

Wie verarbeiten behinderte Menschen so ein Geschehen?
Menschen mit geistigen Behinderungen verarbeiten so ein Geschehen sehr
unterschiedlich. Dies hängt natürlich auch immer von den kognitiven
Fähigkeiten des Einzelnen ab. Für viele Menschen mit Behinderungen ist
es sicher schwierig, einen rationalen Umgang finden. Einige verarbeiten
solch ein Unglück fast ausschließlich auf der emotionalen Ebene. Sie
machen dies zum Teil recht offen und versuchen nicht, wie es Menschen
ohne Behinderungen für gewöhnlich tun, eine Fassade der
Selbstbeherrschung aufzubauen. Und es ist natürlich auch ein
Unterschied, ob man unmittelbar Betroffener am Ort des Geschehens ist
oder wie wir etwas weiter davon entfernt ist.

Was macht einen Brand in einer Behindertenwerkstatt besonders problematisch?
Wie der einzelne Mensch in einer solchen Situation reagiert, kann niemand
voraussagen. Auch bei nicht behinderten Menschen nicht. Bei dem von uns
betreuten Personenkreis gibt es jedoch Einschränkungen in der Mobilität
und Orientierungsschwierigkeiten. Hinzu kommt, dass einige unserer
Mitarbeiter Einschränkungen haben, die sie daran hindern, die Tragweite
einer Gefahrensituation zu erkennen und sie deshalb auch falsch
einschätzen. In unseren Einrichtungen wird deshalb alles Notwendige
getan, um im Notfall niemanden alleine zu lassen.

Wie sehen die Brandschutzmaßnahmen in den Werkstätten aus?
Zu den gesetzlich geforderten baulichen Maßnahmen, die regelmäßig
überprüft werden, gibt es auch  einen Flucht- und Rettungsplan. Darin
sind alle Mitarbeiter namentlich erfasst und einem Verantwortlichen
zugeteilt, der im Ernstfall für ihn zuständig ist. Dabei wird genau
unterschieden: Ist es ein Rollstuhlfahrer? Hat jemand eine
Sehbehinderung? Liegt Orientierungslosigkeit vor? Wer geht nochmals die
Sanitärbereiche ab, damit dort niemand vergessen wird? Im Brandfall weiß
bei uns jeder – vom Personal im Büro bis zum Betreuer – genau, was er zu tun hat.

Gibt es Notfallübungen in Behindertenwerkstätten?
In unserer Einrichtung werden regelmäßig verschiedenste Szenarien
nachgestellt. Sei es bei einer Übung der verschiedenen Feuerwehren in
den einzelnen Orten oder dass sich Feuerwehrmänner in voller Montur
inkl. schweren Atemschutzgerät als Helfer in einer Notsituation
vorstellen. Sei es bei Schulungen, wie man richtig mit Feuerlöschern
umgeht oder bei Begehungen während der Feuerwehrprobe. Wir sind sehr
dankbar über die enge Zusammenarbeit mit den Feuerwehren vor Ort.

Besprechen Sie dieses Thema mit den Menschen mit Behinderungen, die bei Ihnen arbeiten?
Ja, das machen wir sehr intensiv. Wir wurden auch am Morgen nach dem großen
Unglück, vor allem in der Werkstatt in Elzach, mehrfach darauf
angesprochen, ob das bei uns auch passieren könnte. Hier war bei einigen
Menschen mit Behinderungen Angst und Unsicherheit zu spüren, die sich
auf das Ereignis in Titisee-Neustadt zurückführen lassen. Vielen
Menschen mit Behinderungen hat auch geholfen nach den Gesprächen über
das Thema, die Fluchtwege gemeinsam abzuschreiten.

Werden Sie etwas in Sachen Brandschutz in Ihren Häusern verändern?
Sicherlich werden wir nach diesem tragischen Unglück unsere Sicherheitsstandards
in allen Bereichen überprüfen und noch sensibler mit dem Thema
Brandschutz umgehen.

Autor: Daniel Hengst

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