3. Oktober 2017, 11:52 Uhr | 0 | 340 Leser

Westwallbunker "Anlage 4323"
"Ein Mahnmal für den Größenwahn der Nazis"

Erich Nagel an der Panzertür. 2011 konnte der Bunker erstmalig wieder betreten werden.
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Erich Nagel an der Panzertür. 2011 konnte der Bunker erstmalig wieder betreten werden. (Foto: Foto: gro)

Kehl-Neumühl (djä). In der Ortenau gibt es zahlreiche kunst- und kulturhistorische Stätten. Wer sorgt für die Erhaltung und dafür, dass Besucher diese Schätze besichtigen können? Wir stellen in unserer Serie historische Orte in der Ortenau vor, die es ohne das ehrenamtliche Engagement von Bürgern heute so nicht gäbe.

Auf den ersten Blick könnte man den Betonklotz am Ortseingang von Neumühl für eine alte Garage halten. Ältere Neumühler und Kundige wissen jedoch, was es mit dem Gebäude auf sich hat: es ist ein ehemaliger Westwallbunker. Genau gesagt handelt es sich um "Anlage 4323", von den Nationalsozialisten 1938 errichtet beim Ausbau der "Westbefestigungen".

Ein Fachwerkhaus, das als Tarnung auf dem Bunker stand, ließ der damalige Eigentümer 2008 abreißen. Der Abbruch des Bunkers selbst mit seinen eineinhalb Meter dicken Wänden erwies sich als zu kostspielig für ihn. Später kaufte die Städtische Wohnbau Kehl das Areal inklusive Bunker und baute Wohnungen darauf.

Was bewegt Bürger, sich für den Erhalt solcher Bunkeranlagen einzusetzen? "Die Tarnbunker veranschaulichen für mich die Sinnlosigkeit eines Krieges", sagt Klaus Gras, der sich seit vielen Jahren mit der Historie der Region befasst. Bunker 4323 sei über die Ortenau hinaus eine Anlage mit Alleinstellungsmerkmal. Als der Bestand des Bunkers gesichert war, kam der ebenfalls am Erhalt des historischen Bauwerks interessierte Erich Nagel mit der Idee auf ihn zu, den Bunker der Öffentlichkeit zu zeigen.

Gras arbeitete einen Nutzungsvertrag aus, warb weitere Helfer und führte Gespräche mit der Stadtverwaltung und Ortsvorsteher Fritz Vogt. 2011 war es soweit: Nagel und der Neumühler Siegfried Pagel machten sich mit weiteren Helfern daran, mit Presslufthämmern den Weg ins Innere des Bunkers freizulegen. Es war ein mühsames Unterfangen. 1945 hatten deutsche Kriegsgefangene unter französischer Aufsicht alles zubetoniert, da im Ort nicht gesprengt werden konnte. Offenbar hatten die Aufseher nicht dauernd hingesehen, denn die Ausgräber stießen nicht nur auf eine 300 Kilogramm schwere, unbeschädigte innere Panzertür, sondern auch auf verfüllte Bereiche aus Schutt und Kies.

"Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden Bunker systematisch abgerissen, meist mit dem Argument der öffentlichen Sicherheit", sagt Gras. Er habe die Gefahr gesehen, dass der Westwall verschwindet und damit ein historisches Erbe. Aus diesem Grund setzten sich der Historische Verein und die Arbeitsgemeinschaft Westwalltag für den Erhalt der verbliebenen Bauwerke ein. Seit 2005 sind nun alle Gebäude der "Westbefestigung" von den Denkmalbehörden des Landes Baden-Württemberg als Kulturdenkmal eingestuft worden.

Anfang 2017 war der Nutzungsvertrag mit der Kehler Wohnbau ausgelaufen. Ein neuer Mietvertrag mit dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Westwalltag, Friedrich Wein, ermöglicht es nun, das Projekt in Neumühl weiter voranzutreiben. Geplant ist, den Bunker für Gruppenführungen zugänglich zu machen. "Wir tun dies nicht aus Militär- oder Soldatenromantik", betont Wein. "Die Bunker sind Mahnmal für den Größenwahn der Nazis".

Alle Beteiligten legen Wert darauf, eine behutsame Aufbereitung der Bausubstanz in Zusammenarbeit mit den für Denkmalschutz und Baurecht zuständigen Behörden vorzunehmen. Originale Einrichtungsteile sollen einen authentischen Eindruck vermitteln. Westwallforscher haben bei der Untersuchung Tausender Bunker rund 200 Bautypen festgestellt. Bei Bunker 4323 handelt es sich um einen sogenannten Regelbau 10a, einen Gruppenunterstand für 14 Soldaten samt Ausrüstung. Dem Aufenthaltsraum ist der "Kampfraum" angehängt, wo zwei "Tische" aus Beton zu sehen sind, auf denen die Maschinengewehre standen.

Die ehrenamtlich Engagierten werden noch viel Arbeit und organisatorisches Geschick investieren müssen. Wenn der Bunker besichtigt werden kann, steht ein weiteres Ziel an: Auf ihm soll wieder ein Haus errichtet werden, das als Kommunikationszentrum dienen soll. Dort könnten sich Schulklassen kundig machen. "Nur eine aufgeklärte und informierte Jugend ist in der Lage, einen dauerhaften Frieden in Europa zu sichern", betont Gras.

Erich Nagel an der Panzertür. 2011 konnte der Bunker erstmalig wieder betreten werden.
Bunkerretter: Jury Kern (Städtische Wohnbau), Friedrich Wein, Michael Truttenbach, Florian Wein, Klaus Gras (v.l.)