Multiresistente Erreger
Mit Händewaschen ist schon viel erreicht

In einer flachen, durchsichtigen Petrischale werden bakterielle Kulturen angelegt.
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Ortenau (set). Antibiotika gehören zu den wohl bedeutendsten Entwicklungen der Medizin. Sie hemmen die Vermehrung von Bakterien und töten diese ab. Daher galt dieser Arzneistoff lange Zeit als das Allheilmittel gegen bakterielle Erkrankungen. Doch mit dem vermehrten Einsatz von Antibiotika entstanden auch multiresistente Keime. Wie die moderne Medizin damit umgeht, weiß Ulrich Geiger, Vorsitzender der Kreisärzteschaft, zu berichten.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff multiresistente Keime?
Wenn Bakterien ständig mit Antibiotika in Berührung kommen, werden sie resistent, das heißt sie lernen dazu. Die Erreger entwickeln eine Widerstandsfähigkeit gegen die zur Behandlung der Infektionskrankheit eingesetzten Medikamente beziehungsweise Arzneistoffe.

Wie sind multiresistente Erreger in unserer heutigen Zeit entstanden?
Multiresistente Keime sind bei uns vor allem dort entstanden, wo viele Antibiotika im Umlauf sind, wie in der Massentierhaltung und in den Kliniken. Über Jahrzehnte hinweg wurde Schweinen und Hühnern Antibiotika ins Futter gemischt, damit sie nicht erkranken. Deren Fleisch gelangte über den Verkauf zum Endverbraucher. Auch in den Krankenhäusern werden Antibiotika an die Patienten verabreicht. Dadurch bilden sich ebenso Resistenzen. Einer der bekanntesten Keime heißt MRSA. Weitere sind die sogenannten MRGN3 oder MRGN4. Die Zahl steht dafür, dass dieser Erreger gegen drei beziehungsweise vier der fünf großen Antibiotika-Familien eine Widerstandsfähigkeit entwickelt hat. Vor allem bei MRSA und MRGN4 kann es bei der Behandlung mitunter kritisch werden.

Ab welchem Stadium einer Krankheit sollten Antibiotika eingesetzt werden?
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass derlei Medikamente nur bei bakteriellen Erkrankungen helfen. Gerade bei viralen Infekten, beispielsweise der Atemwege, helfen Antibiotika nicht. Da sollten gerade Kopfschmerzen oder Fieber nicht fehlinterpretiert werden. Sie sind normal und zeigen, dass sich der Körper gegen die viralen Erreger wehrt. Generell sind Antibiotika Medikamente der zweiten beziehungsweise dritten Reihe und sollten deshalb erst eingesetzt werden, wenn es der Körper von allein nicht mehr schafft gesund zu werden.

Welche Rolle spielt die Problematik von multiresistenten Erregern in der Ortenau?

Generell spielt das Thema im Hochrisikobereich eine Rolle, also auf den Intensivstationen oder in den OP-Sälen. Speziell in der Ortenau gab es immer wieder mal solche Vorfälle, wie der Ausbruch von Leggionellen in der Kinderklinik. Hier wurden aber in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um schnell auf solche Infektherde reagieren zu können und Risiken zu minimieren.

Was wird heute schon in den Kliniken getan, um multiresistente Keime zu bekämpfen?
Ärzte und Pflegepersonal müssen von vornherein auf Hygiene achten, damit es zu keiner Keimkontamination kommt. Alle Kliniken schulen daher intensiv das Personal. Zudem schreibt das Landeshygienegesetz vor, dass jeder Landkreis Maßnahmen gegen multiresistente Erreger entwickelt. Dazu wurde eigens das sogenannte MRE-Netzwerk Baden-Württemberg ins Leben gerufen, welches die Weiterverbreitung von multiresistenten Keimen bekämpft. Das Netzwerk ist dezentral und regional organisiert. In diesem Zusammenschluss treffen sich auf Ebene des Landkreises regelmäßig Vertreter des Gesundheitswesens.

Was wird in Bezug auf die Patienten getan?

Auch in diesem Bezug gibt es ein einheitliches Vorgehen in den Kliniken. So wird jeder neue Patient, der in ein Krankenhaus kommt, auf multiresistente Keime, wie MRSA und MRGN4 gescreent.

Was glauben Sie, kann in Zukunft unternommen werden, damit Krankheitserreger nicht weiterverbreitet werden?
Vieles schafft bereits die gängige Basishygiene, so wie zum Beispiel regelmäßiges Händewaschen. Daneben ist vor allem die Vorbeugung der Keimverbreitung sehr wichtig, zum Beispiel beim Niesen nicht die Hand, sondern den Ellbogen vor die Nase halten. Darüber hinaus ist in unserem Kulturkreis der Händedruck gerade im Winter eine häufige Infektionsquelle. Gegebenenfalls könnten andere Möglichkeiten zur Begrüßung gefunden werden. Ansonsten plädiere ich dafür, dass Patienten ihrem Körper bei einer Erkrankung auch Zeit lassen sollen. Der Organismus braucht Ruhe, um seine Kräfte auf das Gesundwerden zu konzentrieren. Ein Antibiotikum ist nur dann effektiv, wenn Bakterien die Bühne beherrschen.

In einer flachen, durchsichtigen Petrischale werden bakterielle Kulturen angelegt.
Ulrich Geiger, Allgemeinmediziner und Vorsitzender der Kreisärzteschaft Ortenau
Autor:

Sebastian Thomas aus Achern

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