Frühe Hilfen im Ortenaukreises
Unterstützung, bevor innere Wut ausbricht

Das Glück der Kinder bedeutet Eltern viel. In der Not gibt es aber Ansprechpartner bei der Fachstelle Frühe Hilfen.
  • Das Glück der Kinder bedeutet Eltern viel. In der Not gibt es aber Ansprechpartner bei der Fachstelle Frühe Hilfen.
  • Foto: rek/LRA
  • hochgeladen von Rembert Graf Kerssenbrock

Ortenau (rek). Eine junge Familie wird schnell auf die Probe gestellt: Wieder eine Nacht, in der der Säugling nicht durchgeschlafen hat und die Eltern auf Trab hält. Und am Morgen geht das Gequengel des Kindes weiter. Der Wecker klingelt trotzdem, weil einer zur Arbeit muss. Findet das Neugeborene weiterhin keine Ruhe, obwohl gefüttert und frisch gewickelt, sind Nerven schon lange keine Drahtseile mehr. Erst recht, wenn sich solche Tage und Nächte schier endlos aneinanderreihen und der Kinderarzt auch keine Erklärung hat. Hilflosigkeit macht sich breit.

Vor zehn Jahren hat der Ortenaukreis das Modell Frühe Hilfen eingeführt und gehört mit seinem Netzwerk inzwischen bundesweit zu den "Blaupausen" für andere Regionen, wie Mechthild Paul, Leiterin des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH), erklärt. Seither, bilanziert Landratsamts-Dezernent Georg Benz diese Dekade, konnte 5.000 Familien mit Kleinkindern bis zu drei Jahren geholfen werden, 600 allein im vergangenen Jahr, mit steigender Tendenz. Jede Familie erhält bei der Geburt ihres Kindes den Flyer mit den Kontakdaten für die Frühe Hilfen im Ortenaukreis mit seinen fünf Anlaufstellen in Offenburg, Lahr, Kehl, Achern und Haslach. "Das alles basiert auf Freiwilligkeit", nennt Ullrich Böttinger, Leiter des zuständigen Amtes im Landratsamt, eine Grundvoraussetzung. Denn: "Wir gehen natürlich davon aus, dass Eltern nur das Beste für das Kind wollen." Erreichbarkeit, kurzfristige Termine und einfache Wege seien die Kriterien, damit sich Eltern auf das Angebot einlassen, so Böttinger.

Nach der ersten Information durch die Geburtsstation – dort, so Böttinger, sei der natürlichste Zugang – könne jederzeit das Netzwerk verschiedener Disziplinen aktiv werden. Dazu würden die Hebammen, die Kinderklinik, Haus- und Fachärzte wie Kinderärzte und Gynäkologen sowie weitere Bausteine des Gesundheitswesens gehören. Vorher seien es zwei getrennte Systeme gewesen, ohne zielgerichteten Ansprechpartner für die Eltern. "Unsere beste Empfehlung ist aber die Mund-zu-Mund-Propaganda", weiß Böttinger aus den Erfahrungen. Ist eine Beraterin vor Ort, gelte es, Abläufe zu beobachten, Stärken zu unterstützen und konkrete Hilfsangebote zu machen. Böttinger: "Das geht vom Wickeln über das Füttern bis zur Beschäftigung mit und für das Kind." Nicht nur die Sorgen um die Erziehung würde es Eltern schwer machen. Hinzu kämen Krankheiten, Stress und Erschöpfungen der Eltern aus anderen Lebenssituationen. Zu jedem Zeitpunkt sei die Freiwilligkeit der Eltern die Basis, erklären Paul und Böttinger übereinstimmend. "Etwas anderes ist es, wenn eine akute Gefährdung des Kindeswohls vorliegt. Dann wird es offiziell", nennt Benz die Grenze. Davor, erklärt Paul, "geben versierte und hochqualifizierte Berater in den Fachstellen ihre Einschätzung der Situation ab."

Die Ortenauer Frühen Hilfen sind inzwischen zu einem Projekt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geworden, mit Anleitung etwa für Vorhaben im indischen Neu-Delhi. Aus anfänglich 490.000 Euro als Etat für die Fachstellen sind inzwischen 1,2 Millionen geworden, so Benz. Unterstützung in Höhe von 180.000 Euro gibt es dazu von dem NZFH. "Unsere Erwartung ist, dass die soziale Rendite höher ist", erläutert Benz. Je früher Familien unterstützt würden, umso einfacher sei die Arbeit der Jugendhilfe später, am besten sei sie aber gar nicht mehr nötig. Das zentrale Ziel der Frühen Hilfen benennt Paul: "Die innere Wut der Eltern gilt es zu verhindern, die das Schreien des Kindes nicht mehr aushalten können."

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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