Im Februrar ist Schluss
Oliver Rastetter tritt als Bürgermeister zurück

Oliver Rastetter (links) bei seiner Wahl am 23. April 2023 mit seiner Familie und dem Amtsvorgänger Michael Welsche. Er wurde mit 75,78 Prozent gewählt. | Foto: rek
  • Oliver Rastetter (links) bei seiner Wahl am 23. April 2023 mit seiner Familie und dem Amtsvorgänger Michael Welsche. Er wurde mit 75,78 Prozent gewählt.
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Rheinau (ag) Paukenschlag am Mittwochabend im Rheinauer Gemeinderat: Oliver Rastetter erklärte seinen Rücktritt als Bürgermeister. Begründet wurde dieser Schritt mit für ihn befremdliche Reaktionen auf seine mehrwöchige Erkrankung. Ein Politiker müsse für manche einem Idealbild entsprechen, zu dem auch eine nur vorübergehende Krankheit nicht passe. Jetzt sei er wieder gesund, habe sich aber für einen neuen selbstbestimmten Lebensabschnitt entschieden, bei dem er wieder Mensch sein dürfe. Am 15. Februar 2026 ist Schluss, dann erwartet ihn eine neue berufliche Aufgabe.
Oliver Rastetter war im April 2023 mit 75,78 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Rheinau gewählt worden. 2006 bis 2022 war er Bürgermeister von Lauf. Der verheiratete Vater von zwei Kindern trat dann aber nicht mehr zur Wahl an, sondern arbeitete unter anderem  an der Hochschule Kehl, der Verwaltungsschule Baden-Baden und an der Schule des Gemeindetages in Karlsruhe.

Rede des Bürgermeisters im Wortlaut:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
verehrte Kolleginnen und Kollegen des Gemeinderats,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Presse,
heute Abend trete ich vor die Öffentlichkeit, um eine persönliche Entscheidung bekannt zu geben:
Mit Dankbarkeit blicke ich auf insgesamt achtzehneinhalb Jahre in verantwortungsvoller Position zurück - sei es auf meine Tätigkeit als Bürgermeister der Gemeinde Lauf und nun auf die Zeit als Bürgermeister der Stadt Rheinau. Rechne ich noch die Jahre als Gemeinderat von Muggensturm dazu, so bin ich nun seit über einem viertel Jahrhundert aktiv in der Kommunalpolitik tätig. In dieser Zeitspanne durfte ich viele Erfahrungen sammeln und ich hoffe, dass ich einen nachhaltigen Beitrag zur Weiterentwicklung der genannten Kommunen leisten konnte.

Landrat ist informiert

Auch wenn es mir nach dieser langen aktiven Zeit in der Politik äußerst schwerfällt gebe ich bekannt, dass ich das Amt des Bürgermeisters der Stadt Rheinau zum 15.02.2026 vorzeitig beende. Landrat Thorsten Erny habe im Vorfeld darüber informiert.
Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht und ich weiß, dass es seit Wochen Spekulationen über meine Person gibt. Mich selbst befremdet es zu tiefst, dass man es einem Bürgermeister, der zuerst einmal Mensch ist, nicht zugestanden wird ein paar Wochen erkrankt zu sein.
Aber es gilt wohl immer noch, dass wenn Politiker erkranken – und sei es nur auf kurzer Dauer – ein seltsames Ritual aus Gerüchten und Deutungen entsteht. Bei Jedem hier im Raum ist die Gesundheit reine Privatsache, bei einem Politiker wiederum nicht. Wir müssen noch immer ein Idealbild erfüllen und es gehört wohl nicht zum Bild eines Politikers über mehrere Wochen erkrankt zu sein. Dabei ist eine Erkrankung nur allzu was Menschliches, denn es kann jeden treffen. Die Medien sehen dies anscheinend anders und ein Teil der Gesellschaft auch. Mit dieser Haltung entzieht man der Politik jegliche Menschlichkeit und dies zeigt welch hoher Anspruch gegenüber uns Bürgermeister besteht.

Härte des Politikbetriebs

Ich selbst bin froh wieder gesund zu sein, habe jedoch die Zeit der Genesung genutzt, um mir darüber im Klaren zu werden, ob ich als Bürgermeister die für mich nicht mehr tragbare Härte des Politikbetriebs weiterhin mitmachen möchte. Daraus ist dann die Entscheidung gereift, eine neue berufliche Aufgabe anzustreben.
Ich möchte dabei betonen, dass das Niederlegen des Amtes als Bürgermeister der Stadt Rheinau kein Ausdruck von Unzufriedenheit oder Amtsmüdigkeit ist und ich bereue keine Minute. Vielmehr ist es eine Entscheidung für einen neuen selbstbestimmten Lebensabschnitt, bei dem ich wieder mehr Mensch sein darf.
Die Politik ist zweifelsohne ein spannender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben. Dazu ist die Welt auch viel zu facettenreich und der größte Fehler ist es, das eigene Leben in der ganzen Vielfalt nicht zu leben.
Wir Politiker sind alle ersetzbar und wir sollten uns deshalb nicht selbst überschätzen. Papst Johannes XX III. hat mal zu sich selbst gesagt „Nimm dich nicht wo wichtig, Giovanni!“. Diesen tiefsinnigen Satz sollten wir alle verinnerlichen und zu dieser Bescheidenheit gehört es auch, sich die eigene Freiheit zum Loslassen zu nehmen, wenn es sich richtig anfühlt. Dies tue ich nun.

Wehmut und Dankbarkeit

Ich werde mit viel Wehmut gehen und mit Dankbarkeit blicke ich auf meine Zeit als Bürgermeister der Stadt Rheinau zurück. Gemeinsam haben wir viel erreicht und zweifelsohne waren für mich der Festakt zum 50-jährigen Jubiläum der Stadt, die Begleitung des Gründungsprozesses der Nachbarschaftshilfe als auch der Spatenstich für das neue Wohnhaus der Diakonie Kork meine schönsten Momente.
Rheinau ist eine Stadt mit reichhaltiger Kultur und engagierten Menschen. Dankbar bin ich daher für die wundervollen Begegnungen mit den Menschen vor Ort, sei es im persönlichen Gespräch, bei Geburtstagsbesuchen oder im Rahmen von Veranstaltungen. Miteinschließen in den Dank möchte ich auch unsere Freunde aus Gambsheim, mit denen ich viele schöne Stunden im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft erleben durfte.
Ich bedanke mich bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihren tagtäglichen Einsatz zum Wohl der Stadt. Mir selbst war es immer wichtig, allen Mitarbeitern das Gefühl zu geben, eine bedeutsame Funktion unabhängig von ihrer Tätigkeit inne zu haben. Auch hier versuchte ich, mir selbst treu zu sein, denn ich wollte sein, was ich bin: Zuerst Mensch, dann Bürgermeister.
Bedanken möchte ich mich beim Stadtrat, dem Bezirksbeirat, den Ortschaftsräten, dem Seniorenrat als auch dem Jugendgemeinderat für die konstruktive Zusammenarbeit. Besonders bedanken möchte ich mich bei meinen drei Stellvertretern Reinhold Schmidt, Peter Kress und Horst Siehl. An Euch drei: Vielen Dank für das gute Miteinander!
Abschließend bedanke ich mich bei allen, die mich in meinem Amt begleitet und unterstützt haben. Insbesondere bedanke ich mich bei meiner Familie für den wichtigen Rückhalt.

Neue berufliche Aufgabe

Bis Mitte Februar nächsten Jahres werde ich das Amt des Bürgermeisters der Stadt Rheinau ausüben. Danach beginnt ein neuer Lebensabschnitt. So wartet auf mich eine neue berufliche Aufgabe, bei der ich meine Erfahrungen einbringen kann. Ein politisch interessierter Mensch werde ich gewiss weiterhin bleiben.
Ich wünsche der Stadt Rheinau von Herzen für die Zukunft alles erdenklich Gute!
Danke.

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