Studie
Wie wirkt die Wildnis auf den Menschen?

Feldforschung im Nationalpark (v. l.): Umweltwissenschaftlerin Susanne Blech, Eike von Lindern (Dialog N), die Studentinnen Nathalie Wendorff und Elisabeth Vlastarakis von der Hochschule Darmstadt und Kerstin Ensinger vom Nationalpark Schwarzwald mit GPS-Geräten und Fragebögen an einem der Messpunkte.
  • Feldforschung im Nationalpark (v. l.): Umweltwissenschaftlerin Susanne Blech, Eike von Lindern (Dialog N), die Studentinnen Nathalie Wendorff und Elisabeth Vlastarakis von der Hochschule Darmstadt und Kerstin Ensinger vom Nationalpark Schwarzwald mit GPS-Geräten und Fragebögen an einem der Messpunkte.
  • Foto: Anne Kobarg
  • hochgeladen von Sebastian Thomas

Seebach (st). Über die wohltuende Wirkung des Waldes ist schon einiges bekannt. Aber wie verhält es sich mit Wildnis? Erleichtert sie die Entspannung, weil sie noch ungewohntere Bilder und Erfahrungen liefert oder wirkt sie eher verstörend? Solchen Fragen widmet sich eine neue Studie im Nationalpark Schwarzwald.

Natur als Kontrast zum Alltag

„In der umweltpsychologischen Forschung ist seit Jahrzehnten belegt, dass naturnahe Umwelten Erholung von Stress und ermüdeter Konzentrationsfähigkeit bieten, wenn sie als faszinierend erlebt werden und ein Kontrasterleben zum Alltag ermöglichen. Allerdings wissen wir noch nicht, welche Rolle Wildnis hierbei spielt“, wird Eike von Lindern vom Unternehmen Dialog N – Forschung und Kommunikation für Mensch, Umwelt und Natur, der die Studie gemeinsam mit der Umweltwissenschaftlerin Susanne Blech leitet, in einer Pressemitteilung des Nationalparks Schwarzwald zitiert.

An drei Tagen hätten Studierende der Universität Landau und der Hochschule Darmstadt drei Wege im Schutzgebiet genau unter die Lupe genommen: mit Fotokameras, um besonders wilde Anblicke einzufangen, und Fragebögen, um ihr Erleben möglichst genau zu beschreiben. „Wir haben außerdem alle Teilnehmer mit Herzfrequenz-Sensoren und GPS-Geräten ausgerüstet, um die Herzfrequenzraten mit Punkten in der Landschaft zusammenbringen zu können“, erläutert Eike von Lindern.

Wo können Gäste im Nationalpark am besten erholen?

Die Studierenden lernen gleich doppelt: „Neben Erkenntnissen über ihr subjektives Wildniserleben bekommen sie hier anwendungsbezogene Forschung mit – und das eben auf einem noch ganz neuen Gebiet“, sagt Kerstin Ensinger, die den Sachbereich Erholung und Tourismus im Nationalpark leitet und im Sommer 2016 mit einer ersten Pilotstudie den Grundstein für diese besondere Wildnisforschung gelegt hat.

Die getesteten Wege in der neuen Studie – Schliffkopfrunde, Wildseeblick-Runde und Wildnispfad – wurden übrigens in enger Zusammenarbeit mit dem Ranger- und Pädagogenteam des Nationalparks ausgewählt, die später wiederum ganz praktisch von den Ergebnissen profitieren. „Wenn wir genauer wissen, welche Anblicke und Orte wie auf Menschen wirken, können wir das in unsere Führungen einfließen lassen und die Gäste genau dort abholen“, erklärt Kerstin Ensinger.

Natürlich seien die Daten nicht repräsentativ für alle Besucher – „aber sie geben uns weitere Ansatzpunkte“, sagt die Psychologin. Die Arbeit mit Studierenden sei hier die beste Lösung gewesen, „weil sie auch die Ausdauer und Motivation hatten, wirklich drei Tage lang mitzuforschen“, ergänzt Eike von Lindern. Allerdings hätten sich relativ spontan noch einige Urlauber entschieden, ebenfalls an dem Projekt mitzuwirken.

Komplexe Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt

Mit ersten Ergebnissen rechne Kerstin Ensinger Anfang nächsten Jahres, schließlich müsse das Team von Dialog N nun einen riesigen Datenberg durchforsten und auswerten. Aber – so viel kann Eike von Lindern bereits jetzt sagen – „die Methode, Wildnishaftigkeit mit verschiedenen Fragen zu erfassen, hat auf jeden Fall funktioniert, das ermöglicht uns ein vertiefendes Verständnis von den komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt“.

In Zukunft könne darauf aufbauend vielleicht sogar eine App entwickelt werden, „mit der Nationalparkgäste ihre eigenen Reaktionen auf den wilder werdenden Wald erforschen können“, verrät Kerstin Ensinger. Das wäre dann laut eigener Aussage die nächste Pionierarbeit.

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