Sonntagsporträt: Bruder Otto
Erfülltes Leben in freiwilliger Einsamkeit

Bruder Otto hat den "wahnsinnigen Kraftplatz" rund um die Jakobskapelle oberhalb Wolfachs für sich und sein Wirken entdeckt.
  • Bruder Otto hat den "wahnsinnigen Kraftplatz" rund um die Jakobskapelle oberhalb Wolfachs für sich und sein Wirken entdeckt.
  • Foto: Michael Bode
  • hochgeladen von Rembert Graf Kerssenbrock

Wolfach. Wer den Weg zu Bruder Otto finden möchte, erblickt sein Refugium oberhalb von Wolfach, wenn der St.-Jakobs-Weg aus dem Wald auf eine Lichtung führt. Das Wohnhaus und die Jakobuskapelle rücken sich an einem Berghang ins Blickfeld. "Hier wohnt Bruder Otto" steht an der Haustür. Ein Mann mit grauem Rauschebart, bekleidet mit dem Habitus, der Ordenstracht, öffnet die Tür: "Grüß Gott", erklingt seine fröhliche, jung gebliebene Stimme.

Aufregende Lebensreise

Bruder Otto ist 62 Jahre alt und hat wahrlich eine aufregende Lebensreise hinter sich, um diesen "wahnsinnigen Kraftplatz" zu finden. Er ist Eremit, einer, der lange brauchte, um seinen Platz zu finden und so die selbstgewählte Einsamkeit für sich entdeckt hat.

Aufgewachsen ist es in Vöhrenbach im Schwarzwald-Baar-Kreis als Otto Stahl. Gelernt hat er Buchdrucker, Schriftsetzer und Buchbinder. Die Freiheit des Wortes ist es gewesen, die ihn gereizt hat, diesen Beruf zu lernen. In Freiburg gehörte er der Punk-Szene an. "Demos, Häuserbesetzungen und Skinheads vermöbeln" gehörten zu seinem Alltag, verbunden mit Drogen und Alkohol. Die Begegnung mit einem japanischen Zen-Mönch in Freiburg sollte eine Wende werden. Der forderte ihn immer wieder auf, sein Kloster in Kyoto zu besuchen – so lange, bis er nachgab und dachte, dass er für zwei Wochen nach Japan reist. Aus zwei Wochen wurden zweidreiviertel Jahre und er vollzog die Wandlung vom "Punk zum Mönch". "Meditieren hat mich nicht mehr losgelassen", nennt Bruder Otto eine Erfahrung.

Als er zurückkehrte nach Freiburg war sein weniges Hab und Gut nicht mehr vorhanden. Seine Freunde entgegneten ihm: "Wir dachten, du bis tot." Nun suchte er weiterhin die erlebte Spiritualität. Er verbringt Zeit und Urlaube in wechselnden Klöstern, erlebt die Benediktiner und entschließt sich für den Orden der Franziskaner. Sein Postulat absolviert er im Kloster Eggenfelden, es folgt das Noviziat.

Leben ist außerhalb von Klostern mönchischer

Zur Ruhe kommt er deswegen nicht. "Außerhalb der Klostermauern kann das Leben viel mönchischer sein als hinter ihnen", stellt er fest. Bruder Otto wandert weiter und sucht Halt beim Lazarus-Orden in Remscheid. Dort steht er nach dessen Auflösung wieder mal vor dem Nichts. Einzelheiten berichtet Bruder Otto nicht, nur, dass er "tiefer, tiefer und tiefer und noch tiefer" abgesunken ist. Geblieben ist ihm die Erfahrung der Pflege von Alten und Bedürftigen. "Da habe ich gemerkt, dass Altenpflege meine Berufung ist." Er suchte eine Gemeinschaft, "und wenn es die Eremiten sind". Gefunden hat er die Eremiten-Vereinigung Frauenbründl in Bad Abbach, einer über 300 Jahre alte Verbindung von Männern und Frauen, die zölibatär leben. "Zu den Menschen gehen und Freude bringen – das war es, was ich gesucht habe." Der Franziskaner-Orden bleibt für ihn der Hafen. Als Eremit gehört er heute dem Dritten Orden an, einer Gemeinschaft, die außerhalb von Klöstern lebt und wirkt.

Er suchte nach Eremitagen, wo er sich niederlassen und wirken konnte. Auch diese Wanderschaft ist immer wieder mit Rückschlägen verbunden. Er lernt die Wolfacher Eremitage kennen, sie wird von Schwester Redempta bewohnt. In Gesprächen mit der Diözese bietet er etwa an, sie zu pflegen und zu begleiten. Daraus wird nichts, er muss warten.

Er ist im Frühjahr endgültig oberhalb von Wolfach angekommen. Bruder Otto muss seinen Lebensunterhalt selber verdienen. Dazu arbeitet er im Pflegeheim, dazu ist er in der Suchtberatung, Sterbebegleitung und als Seelsorger tätig. Als Gegenleistung für die Miete an die Diözese sorgt er für das Haus und Jakobuskapelle. Hinter dem Haus pflegt er seinen Kräuter- und Gemüsegarten. Zur Belohnung hat er einen herrlichen Blick über das Wolftal. Es sind nur wenige Schritte bis zur Kapelle, einer Station des Jakobswegs bis nach Santiago de Compostela. "Mit mir als Mönch kann man reden", ist Bruder Otto offen für Wanderer, Besucher und für jeden anderen. So gibt er auch Unterstützung bei Hausaufgaben per Videokonferenz.

Kalkutta, Tibet und zwei Mal den Franziskusweg nach Assisi – es gibt wenig, was Bruder Otto nicht erlebt hat. Heute weiß er, dies wird seine letzte Station sein.
Rembert Graf Kerssenbrock

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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