Kalligraf Waldemar Dahlke liebt Tusche, Feder und Katzen
Ein richtig heller, aber oft unterschätzter Kopf

Von einem Buch fasziniert: Der kauzige, meist behutete Gengenbacher Kalligraf Waldemar Dahlke schreibt momentan am "Kleinen-Prinzen-Nummer-zwei" – und zwar von Hand.
  • Von einem Buch fasziniert: Der kauzige, meist behutete Gengenbacher Kalligraf Waldemar Dahlke schreibt momentan am "Kleinen-Prinzen-Nummer-zwei" – und zwar von Hand.
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Gengenbach. Er ist Wassermann, Menschenfreund, Katzennarr, Empath – und er mag die niedrigintellektuelle Ergänzung zu seinem Vornamen "weil es im Wald geschah" aus lapidar-reimenden Stammtischpoeten-Mund überhaupt nicht. Waldemar Dahlke, Jahrgang 1958, ein aus Oberkirch stammender Gengenbacher, geht nicht nur deshalb immer "wohlbehutet" aus dem Haus. Denn ginge er hutlos, so "würde mich niemand erkennen". Darunter verbirgt sich ein heller, oft unterschätzter Kopf, ein Original, ein verschwiegener Tausendsassa, der in einer Schatztruhe lebt – nein, nicht in der der Fantasie, dafür aber im längst stillgelegten Gasthaus "Karlsberg" in der Bahnhofstraße.

Refugium und Katzenpension

Zwei tönerne Katzen bewachen dieses Refugium, seinen Kreativplatz, seine Katzenpension und seine immerwährende Vernissage. Hier wimmelt es von katholisch dreinblickenden Marias aus frühen Großeltern-Schlafzimmern, denen er frech 'nen Bollenhut aufgesetzt und eine Flasche Wein in den Arm gelegt hat. Darunter ein sozialistisch lächelnder Honecker, dem das Lachen verginge, wüsste er, dass ihn der Dahlke in jene Lederjacke gezwängt hat, die ihm einst Udo mit dem Sonderzug nach Pankow mitbringen wollte. Stilecht das "Badnerlied" in Gelb-Rot-Gelb, das blattgoldverzierte Gengenbacher Wappen und das der Teilgemeinden sowie eine Chronik des Kinzigtaljuwels in bestechender Schönschrift, die gerade noch so auf eine (Jung-)Kuhhaut geht.

Vorm Fenster ein liebevoll chaotisch-unaufgeräumter Schreibtisch, übersät mit Federn, Tusche, Safran aus Isfahan oder marokkanischem Purpur. Mit denen malt er bunte Initialen. Hier finden sich Dahlkes interessanteste Werke: Hermann Hesses "Siddhartha" in Dahlke- Feinhandschrift und Saint-Exupérys "Der kleine Prinz".

Noch ein Bruder für den "Kleinen Prinzen"

Es ist der zweite "Kleine Prinz", an dem er momentan schreibt. Mal morgens um Fünfe oder nachts, wenn er nicht schlafen kann – oder will. Den Ersten, sozusagen der kleine Bruder des momentan entstehenden "Kleiner-Prinz"-Nummer-zwei, verkaufte der gute Waldemar bereits 2008 an Ronald Pätel, einen "Kleiner-Prinzen"-Sammler im Odenwald. Für 'nen Appel und 'n Ei – Künstler halt, aber kein Geschäftsmann. "Heute würde ich das nicht mehr tun", kalibriert er sich und schreibt inzwischen die Stunden auf, die er an diesem Werk mit Feder und Akribie arbeitet. Die Odenwälder Sammlung wurde dann inklusive Dahlkes Erstlings-Prinzen vom weltgrößten "Kleiner-Prinz"-Sammler, dem Schweizer Jean-Marc Probst, aufgekauft. 

Als der rührige Reinhard End nebst Gattin Barbara dort nach Exponaten für die Ausstellung "Der kleine Prinz in Gengenbach" suchten, stießen sie auch auf ein handschriftlich gemaltes Buch des "Kleinen Prinzen". Fast schon wieder weggelegt, hat Barbara End dann doch nochmal genauer hingeschaut – es war das Buch des Gengenbacher Kalligrafens Waldemar Dahlke. Und so kehrte der Dahlke-Text wieder dorthin zurück, wo er hergekommen war: nach Gengenbach. Dort kann er momentan noch bis zum 19. April 2020 im Museum Haus Löwenberg bewundert werden.

Kunst des Schönschreibens

Waldemar Dahlke protzt nicht mit seinen Talenten, seinem Können, seiner Leidenschaft. Die Kunst des Schönschreibens von Hand, mit Federkiel, Pinsel, Tinte oder anderen Schreibutensilien ist für ihn Therapie. Die hat ihn – zumindest finanziell – nicht allzu weit gebracht. Es ist eine Kunst, die weh tut, wie ein Schreiber bereits im achten Jahrhundert beschrieben hatte: "O wie schwer ist das Schreiben: es trübet die Augen, quetscht die Nieren und bringt zugleich allen Gliedern Qual. Drei Fingerschreiben, und der ganze Körper leidet…" Bei ihm leidet auch die Seele – manchmal. Mit den Katzen Silly und Sally und seinen schnurrenden Katern Apollo, Bico, Bodo und Romeo lebt er knapp vor dem Abgrund der Depression – und vielleicht gäbe es ihn schon nicht mehr – wäre da nicht sein Weltschmerzaspirin: Die Kalligrafie, sein Schön-Schreiben-Können – und noch dazu das Wissen, dass viele, die ihn nur in Gengenbacher Kneipen Bier trinken sehen, gar nicht wissen, was alles in ihm steckt.

Seit er elf war, hat ihn "Der Kleine Prinz" begleitet – und ein Stück weit zu dem gemacht, was er heute ist: ein Mensch, der gern mit dem Herzen sieht. gg

Autor:

Daniela Santo aus Lahr

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