Gedenktag am 22. Oktober
80 Jahre Deportation der badischer Juden

Stolpersteine in der Lotzbeckstraße in Lahr
  • Stolpersteine in der Lotzbeckstraße in Lahr
  • Foto: Stadt Lahr
  • hochgeladen von Daniela Santo

Lahr (st). Der Deportation badischer Juden wird am Donnerstag, 22. Oktober, gedacht. Vor 80 wurden an diesem Tag über 6.500 badische, pfälzische und saarländische Bürger jüdischer Abstammung festgenommen und in Sonderzügen in das unbesetzte französische Gebiet gebracht. Weder die französischen Behörden noch die betroffenen Menschen waren vorher informiert. Mit der euphemistisch als „Evakuierung“ bezeichneten Deportation wollten die Gauleiter Josef Bürckel (Saar/Pfalz) und Robert Wagner (Baden) ihre Machtbereiche „judenrein“ machen. Alle registrierten Juden, die irgendwie transportfähig waren, mussten mit: kleine Kinder, alte und gebrechliche Menschen, Männer und Frauen. Nur wer mit einem „arischen“ Partner verheiratet war, konnte bleiben.

45  Lahrer waren von der Deportation am 22. Oktober 1940 betroffen. 23 von ihnen wurden direkt aus Lahr verschleppt, die übrigen lebten zu diesem Zeitpunkt in anderen badischen Städten.

Internierungslager

Das unbesetzte Frankreich, das vielen Verfolgten in der Zeit des Nationalsozialismus ein, oft allerdings unzuverlässiges, Tor zur Freiheit schien, bedeutete für die badischen und saarpfälzer Juden Gefangenschaft, Hunger und Krankheit. Sie wurden im Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen eingesperrt. Das Lager war als Auffanglager für Republikaner aus Spanien errichtet worden, die vor dem Terror Francos nach Frankreich flüchteten, dort aber nicht willkommen waren. Im Oktober 1940 schnellte die Zahl der Inhaftierten von 900 auf über 13 000 Menschen hinauf. Niemand war vorbereitet auf diese große Zahl von Menschen. Und die Ankömmlinge hatten nichts mitgebracht, womit sie das Elend hätten bessern können. Das Gepäck war in eigenen Waggons transportiert worden und blieb tagelang im Regen liegen, bis die Besitzer ihre Koffer und Taschen wiederfanden.

In den ersten Nächten mussten viele auf dem nackten Holzboden schlafen. Erst nach einigen Tagen kam schließlich Stroh, auf das sie sich legen konnten. 60 Menschen hausten in einer Baracke. In jeder Baracke stand ein Ofen, der aber zu klein war und wegen der fehlenden Isolierung keine Wirkung zeigte, außerdem mangelte es ständig an Brennmaterial. Bei einigen Baracken war das Dach undicht und alle hatten nur hölzerne Klappen statt Fenster. Die Menschen saßen also entweder bei geschlossenen Klappen im Dunkeln oder mussten mit dem Licht auch Kälte und Regen hereinlassen.

Regen als bestimmenden Motiv

Wenn es regnete, und in den Erinnerungen der Überlebenden ist der Regen ein bestimmendes Motiv, wurden die unbefestigten Wege zwischen den Baracken zu knietiefem Morast, der mit der unzureichenden Wasserversorgung dazu beitrug, dass sich die hygienischen Verhältnisse zunehmend verschlechterten. Die Verbreitung von Ungeziefer und Epidemien wurde dadurch zusätzlich begünstigt.

Viele alte und geschwächte Menschen überlebten den ersten Winter in Gurs nicht. Für die übrigen sollte es, unvorstellbar genug, noch schlimmer kommen. Für Tausende jüdischer Menschen endete ihr Leidensweg nach Gurs schließlich in Zügen in die Vernichtungslager von Majdanek, Sobibor und Auschwitz.

Der 22. Oktober 1940 war ein großer Schritt in Richtung der später beschlossenen Vernichtung der europäischen Juden. Vom ersten Tag der nationalsozialistischen Herrschaft an hatte die jüdische Bevölkerung unter immer neuen Schikanen und Repressionen gelitten. Die Menschen durften ihren Beruf nicht mehr ausüben, nicht ins Schwimmbad gehen, nicht einmal auf Parkbänken sitzen. Und trotzdem konnten sie sich nicht vorstellen, was noch folgen würde. Sie waren dort zuhause. Als Ärztin, Rechtsanwalt, Fabrikant oder Lehrerin setzten diese Menschen ihre Kraft und Zeit zum Wohl ihrer Stadt und der Menschen ein. Manche von ihnen hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft und für Deutschland ihr Leben riskiert.

Stolperteine

Es lag sicher nicht an fehlenden Bemühungen sich zu integrieren, dass Juden in den Augen ihrer Mitbürger nie so richtig dazu gehörten. Selbst Taufe und christliches Bekenntnis halfen da nicht. Wenn wir heute an die Lahrer erinnern, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden, dann sind darunter auch Christen und Konfessionslose, denen wegen ihrer jüdischen Herkunft eine fiktive jüdische „Rasse“ zugeschrieben wurde.

Den Menschen, die im Oktober 1940 nach Frankreich deportiert wurden, wurde alles genommen: die Heimat, ihre Angehörigen, ihre Identität, das Leben. Auch wer überlebte, wurde die Erfahrungen von Verfolgung, Haft, Todesangst, Flucht, Hunger, Verzweiflung und Verlust nie wieder los. An diese Schicksale, an ganz reale Menschen, an Nachbarn, Freundinnen, Kollegen, erinnern in Lahr 23 Stolpersteine vor den letzten Wohnhäusern der Deportierten. Mit der Erinnerung an ihre Namen soll den Opfern auch ein Stück ihrer Identität zurückgegeben werden.

Auf der Website der Stadt Lahr wird zum Gedenktag ein Film eingestellt, den Schüler des Scheffelgymnasiums zu dem Thema erstellt haben.

Autor:

Daniela Santo aus Lahr

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