Die Lage am Arbeitsmarkt
Fachkräfte im Unternehmen halten oder gewinnen

Theresia Denzer-Urschel

Offenburg. Die Agentur für Arbeit unterstützt nicht nur Arbeitssuchende, sondern berät auch Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften. Christina Großheim sprach mit Theresia Denzer-Urschel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg, über den Fachkräftemangel.

Warum fehlen Fachkräfte in den Unternehmen?
Das Thema Ausbildung zur Sicherung der Fachkräfte bleibt natürlich dauerhaft wichtig und sollte nicht vernachlässigt werden. Der Hauptgrund liegt aber in der demografischen Entwicklung. Es ist schon lange bekannt, dass mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als eintreten. 1972 kamen auf einen Rentner sechs Beitragszahler, heute finanzieren zwei Beitragszahler einen Rentner. Wir haben deutlich weniger Menschen in der Altersgruppe zwischen 15 und 54 Jahren als in der zwischen 55 und 60 Jahren. Diese Entwicklung wurde etwas verschlafen. Außerdem hat sich die Halbwertszeit der Ausbildung verändert. Von einer Berufsausbildung kann man eine Zeit lang profitieren, aber nicht mehr ein Leben lang. Wird nicht ständig nachqualifiziert, sind die Fachkräfte einfach nicht mehr auf dem neuesten Stand.

Was tun die Unternehmen, um Fachkräfte zu gewinnen?
Im Moment versuchen sie über Einschaltung der Arbeitsagentur oder Anzeigenschaltung, die fertige Fachkraft zu bekommen. Abwerbung ist zunehmend ein Thema geworden, ganz weit vorne ist das Empfehlungsmarketing – also im Unternehmen die Mitarbeiter nach möglichen Bewerbern zu fragen. Dort werden zum Teil Prämien gezahlt. Manche versuchen, Arbeitskräfte im Ausland zu finden, stellen aber fest, dass wir ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz haben und kein Einwanderungsgesetz. Deshalb kann gerade aus Drittstaaten gar nicht jeder kommen. Es müssen gewisse berufliche Vorerfahrungen mitgebracht werden, so dass eine Chance auf Nachqualifizierung besteht. Die Person muss in einem Referenzberuf Vorkenntnisse haben. Das haben sich viele anders vorgestellt. Aber die Zuwanderung von Fachkräften ist an relativ hohe Hürden geknüpft. Auch der europäische Arbeitsmarkt hat sich erholt, deshalb ist der Zustrom an jungen Fachkräften aus den europäischen Ländern absolut rückläufig.

Wie kann die Agentur für Arbeit Unternehmen in Sachen Fachkräftemangel unterstützen?
Das Einfachste ist die Vermittlung, aber dafür braucht es eine Stelle und den passenden Bewerber. Unser Premiumprodukt ist die Beratung. Das beginnt bereits bei der Art, wie Unternehmen ihre Stellenanzeige aufbauen. Es sollten sich nicht nur die Erwartungen darin wiederfinden, sondern auch, was das Unternehmen zu bieten hat. Das können nicht-monetäre Angebote wie die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs für Auszubildende sein. Besonders wichtig ist es, die Entwicklungsmöglichkeiten der Mitarbeiter aufzuzeigen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein großes Thema. Arbeitgeber könnten gezielt Frauen ansprechen, sie sind gut ausgebildet und manches Mal unfreiwillig in Teilzeit und würden mehr Stunden leisten. Es geht darum, den Betrieben das Potential bei den vorhandenen Mitarbeitern aufzuzeigen. Auch wenn die Arbeitslosenquote gering ist, Arbeitnehmer über 50 Jahren finden nur schwer eine neue Stelle. Dabei bringen sie Erfahrung mit, sind sehr loyal zum Unternehmen und nicht weniger produktiv. Die Unternehmen sollten nicht nur auf rein formale Kompetenzen schauen, sondern auch, ob jemand gut ins Team passt. Heute geht es aber auch darum, Mitarbeiter zu halten und zu entwickeln. Das fängt bei der Möglichkeit zu mobilem Arbeiten an und endet bei der Weiterbildung.

Welche Programme gibt es, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Neben der Beratung zu Qualifizierungsmaßnahmen können wir auch finanziell im Rahmen des Qualifizierungschancengesetzes Kosten übernehmen. Für die Weiterbildung selbst, aber auch als Zuschuss zum Arbeitsentgelt. Es macht Sinn, sich von unserem Arbeitgeberservice über die Möglichkeiten beraten zu lassen. Wir haben die Initiative "Der Diamant im Unternehmen", bei der es um die gezielte Suche nach Mitarbeitern mit Potential geht.

Wie läuft die deutsch-französische Arbeitsvermittlung?
Die deutsch-französische Arbeitsvermittlung hat unter der Pandemie gelitten, vor allem durch die Grenzschließungen. Sie ist nun wieder gut angelaufen. Nach wie vor kommen durch die Vermittlung mehr Menschen aus Frankreich nach Deutschland. Die Herausforderungen haben sich wenig geändert: Auf Platz eins ist noch immer die Sprache – in beide Richtungen. Allerdings hat sich der französische Arbeitsmarkt massiv verändert. Er ist deutlich aufnahmefähiger geworden. Wir haben viele Branchen, in denen auf beiden Seiten des Rheins großer Bedarf besteht, etwa in der Pflege oder in der Logistik.

Autor:

Christina Großheim aus Offenburg

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