13. Mai 2017, 19:07 Uhr | 0 | 8 Leser

Fußnote
Verbrannter Herzchentoast

Es gibt heute etwas ganz Besonderes zu feiern: Muttertag. Einige Mütter fiebern diesem schon seit 364 Tagen entgegen. Andere legen gar keinen Wert darauf. Da gibt es unterschiedliche Typen.
Eine Kategorie ist die der Anspruchvollen. Sie erwarten das große Programm: Frühstück im Bett und Blumenstrauß in Wagenradgröße, in dem der Herr Papa etwas "Goldiges" für Finger oder Hals hat einbinden lassen. Das Gegenteil ist die Selbstlose. Sie erwartet nichts und freut sich über alles. Sogar über verbrannten Toast in Herzform zum Frühstück und das Flötenkonzert der Vorschulwichtel, selbst wenn diese nur wenige Töne treffen. Haben sich an ihrem Ehrentag die schon erwachsenen Kinder zum Besuch angekündigt, backt sie im Vorfeld deren Lieblingskuchen und bespaßt dann die Enkelkinder, damit die sich beim Familientreffen nicht langweilen.
Eine typische Vertreterin der Kategorie Märtyrerin tut das zwar auch alles. Sie vergisst jedoch das Seufzen nicht. Ihr Lustgewinn ist ein sichtbar schlechtes Gewissen der Familie. Es handelt sich dabei um die Sorte Mütter, die Bilder von ihren Schwangerschaftsstreifen auf Facebook posten. Während der Presswehen filmen sie sich selbst mit der Handykamera, damit sie den Film später ihrem Kind jedes Jahr am Muttertag vorführen können.
Manche bezeichnen sie als Egoistinnen, ich würde sie die Klugen nennen. Ihre Kinder sind oft schon im Teenageralter oder erwachsen. Jedenfalls entbinden sie diese von allen Muttertagspflichten und machen selbst einfach etwas, auf das sie wirklich Lust haben.
Verweigerin und Konsumkritische haben unterschiedliche Motive, das Verhalten ist jedoch ähnlich. Erstere legt keinen Wert auf diesen Feiertag, weil sie ihre Leistung als Mutter das ganze Jahr über gewürdigt sehen möchte. Einen Blumenstrauß als Zeichen der Wertschätzung nur einmal im Jahr empfindet sie eher als Beleidigung. Letztere sieht im Muttertag eine einzige "Geldmacherei", was sie schon aus Prinzip ablehnt. Einige erlauben ihren Kindern immerhin, ihnen einen Strauß mit selbstgepflückten Wiesenblumen zu überreichen.
Zu welcher Gruppe ich gehöre? Wenn ich ganz ehrlich bin, steckt wahrscheinlich von jedem Typ zumindest ein bisschen in mir. Aber inzwischen nehme ich es am Muttertag so, wie es kommt. Hat meine Tochter Zeit und macht großes Tamtam, genieße ich das in vollen Zügen. Falls nicht, ist es aber auch nicht schlimm. Um eines bin ich aber wirklich froh: Die Zeiten, in denen ich Freude über verbrannten Toast in Herzform heucheln musste, sind glücklicherweise vorbei.
Anne-Marie Glaser