Eine Frage, Frau Paleit
Warum fasziniert der Blick über den Gartenzaun?

Kristina Paleit betreut die Aktion "Offene Gartentür".
  • Kristina Paleit betreut die Aktion "Offene Gartentür".
  • Foto: Landratsamt Ortenaukreis
  • hochgeladen von Christina Großheim

Die Aktion "Offene Gartentür" ist seit 25 Jahren eine Erfolgsgeschichte. Christina Großheim sprach mit Kristina Paleit von der Beratungsstelle für Obst- und Gartenanbau im Amt für Landwirtschaft im Landratsamt Ortenaukreis, die die Aktion betreut, darüber, warum diese so viele Menschen anspricht.

Was macht für Sie den Erfolg der "Offenen Gartentür" aus?
Sie ermöglicht den interessierten Laien und Kennern den Blick über den Gartenzaun. Das allein ist schon eine spannende, anziehende Sache. Einmal sehen, was sich hinter der Hecke des Anderen verbirgt, das ist ein Anreiz. Gärtner sind oft sehr vielfältige Menschen und hinter ihre Gartentüren verbergen sich ebensolche vielfältigen Gärten. Man kommt in einen lebendigen Austausch mit Menschen, die man sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte, erfreut sich an den gleichen Themen. Die Besitzer von Privatgärten zeichnen sich oftmals durch ein sehr hohes gärtnerisches Wissen aus, das sie gerne weitergeben. Der Besuch unserer Gärten ist ein ästhetischer Genuss, den man sich über den Sommer einteilen kann, denn die Gärten öffnen ja an unterschiedlichen Terminen, passend etwa zu den Blühaspekten der eigenen Pflanzenwelt.

Ist es leicht, Gartenbesitzer für die Idee zu begeistern?
Im Ortenaukreis sind viele Gärten seit Anfang an dabei. Es gibt natürlich keine Verpflichtung zur Teilnahme. Die Gartenbesitzer können sich auch eine Auszeit gönnen, wenn ihnen danach ist. Nach der Pandemie haben einige, vor allem ältere Teilnehmer, nicht mehr mitgemacht, andere sehen die Chance, weiter im Gespräch und Austausch zu bleiben und öffnen wieder ihre Pforten. 2022 habe ich persönlich zum Anlass genommen, die "Offenen Gärten" um die aktuellen Themen Biodiversität und Klimaveränderung zu erweitern und Teilnehmer zu akquirieren. Es sind erfreulicherweise einige Biogartenbaubetriebe und Heilkräutergärten sowie die Solidarische Landwirtschaft hinzugekommen. Besonders hervorzuheben, ist eine Initiative eines ehemaligen Biolandwirts, der auf einer Streuobstwiese eine sachgemäße Streuobstwiesenmahd demonstrieren wird. Es sind nicht zuletzt genug positive Garten-Beispiele vorhanden, um den mittlerweile verbotenen Schottergärten Alternativen gegenüber zu stellen.

Die „offene Gartentür“ ist grenzüberschreitend – unterscheiden sich französische und deutsche Gärten und Gartenbesitzer?
Die Frage ist durchaus berechtigt, denn in der französischen Gartenkultur zeichnet sich bis heute oftmals der barocke Gartenstil, also eine sehr formale Gestaltung ab. Das ist im öffentlichen Grün hinter der Grenze immer wieder zu beobachten. Allerdings ist dies in den Privatgärten nicht so deutlich wahrnehmbar. Es sind oft sehr stilvolle Gärten, die bereits eine jahrzehntelange Tradition haben. Die elsässischen Gärten unserer Partner sind sehr großzügige Gärten, einer davon ist ein sehr bekannter und mit dem besonderen Label Jardin remarquable ausgezeichneter Garten.

Wie stark spiegeln sich Gartentrends wider?
Natürlich gehen Gärten und Gartenstile mit der Mode. Gärten spiegeln wie die Architektur immer den Zeitgeist wider. Das Bewusstsein heute ist ein anderes als vor 25 Jahren. Die Farbpalette hat sich gewandelt, früher war es eher kräftig bunt, heute verwendet man Farbharmonien, gerne Pastelltöne. Dazu kommt, dass der Gartenbesitzer ein viel breiteres Spektrum an Pflanzenangeboten zur Verfügung hat. Die Unkräuter sind nun „Beikräuter“, für die man sich auch interessiert und deren Wert als Heilkraut man anerkennt. Es werden mehr krautige Pflanzen wie zum Beispiel mehrjährige Stauden verwendet. Vor 25 Jahren waren eher Gehölze gefragt als krautige Pflanzen. Man orientiert sich an den Gärten der Engländer und Holländer und an deren Neuerungen. Es gibt unglaublich viele Zeitschriften, die den aktuellen Trend vorgeben und Beispiele liefern. Das sogenannte Friedhofsgrün der immergrünen Pflanzen, vornehmlich Koniferen, ist mehr und mehr einem artenreichen Garten gewichen. Im Gemüseanbau zum Beispiel sucht man nach alten Sorten, die sich bewährt haben, dazu samenfeste Sorten, die man weiter verwenden kann. Der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden im eigenen Garten ist sicherlich stark zurückgegangen, bei all denen, die Freude am eigenen Garten haben und den Garten nicht als notwendiges Übel ansehen. Man schaut mehr als zuvor und schon beim Kauf auf die Standortbedingungen der Pflanzen. Der Rasen kann auch mal etwas länger sein und in Bereichen blühen; es ist nicht mehr nur der klassische englische Rasen gefragt. Torfhaltige Erden werden mehr und mehr ersetzt durch Komposterden. Gärtner mit Bewusstsein pflanzen nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern achten auf Umweltfreundlichkeit und Biodiversität. Geranien etwa werden durch insektenfreundliche Pflanzen ersetzt. Nicht zuletzt holen viele Gärtner die Vielfalt in ihren Garten, die in der freien Landschaft durch die Intensivierung der Landwirtschaft verloren gegangen ist und tun damit Wertvolles zum Erhalt der Artenvielfalt.

Autor:

Christina Großheim aus Offenburg

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