Fußnote – die Glosse im Guller
Völlig ohne Koffer in Berlin

24,2 Prozent der DB-Fernzüge waren im Mai unpünktlich. Eigentlich waren es noch viel mehr. Aber für die Deutsche Bahn gelten wohl nur die Züge als verspätet, die mehr als sechs Minuten überfällig sind. Das ist der Grund, warum so viele ihre Anschlussverbindung verpassen, obwohl ihr Zug laut Statistik eigentlich pünktlich im Bahnhof ankam.

Nun sorgen Zugverspätungen bei vielen Menschen für Unzufriedenheit. Auch bei Richard Lutz, wie er jetzt ausdrücklich betonte. Darüber sollten sich alle Bahnkunden freuen, denn er ist Bahnchef. Wenn jemand bei der DB überhaupt etwas in Sachen Pünktlichkeit bewirken kann, dann ja wohl er. Man stelle sich nur vor, er wäre damit zufrieden, dass immerhin mehr als drei Viertel der Fernzüge mit einer Toleranz von sechs Minuten pünktlich sind. Schließlich gibt es genug Menschen, für die ist das Glas nie halb leer, sondern immer halb voll – in diesem Fall sogar zu über drei Viertel. Dann würde er womöglich gar keinen Handlungsbedarf sehen.

Ich selbst sitze eigentlich fast immer in den 24,2 Prozent der Züge, die mehr als sechs Minuten Verzug haben. Gerne fallen sie auch ganz aus. Denn Gewerkschaften scheinen nur darauf zu warten, dass ich eine Fahrkarte in der Hand halte, um einen Streik auszurufen.

Wenn es um innerdeutsche Fernverbindungen geht, ist Fliegen aber nicht verlässlicher. Zunehmend wird es beispielsweise zum Roulettespiel, ob Passagiere vom Flughafen bei Baden-Baden nach Berlin transportiert werden und vor allem wieder zurück. So konnte ich vergangene Woche zwar für den Hinflug nach Berlin einchecken, nicht jedoch für den Rückflug am gleichen Abend. Am Schalter der Fluggesellschaft erklärte mir morgens eine prinzipiell hilfsbereite Dame, "das Problem lasse sich in Berlin lösen". Also flog ich arglos nach Berlin, um dort zu erfahren, dass der Rückflug überbucht ist. Im Klartext: Es wurden mehr Tickets verkauft als es Plätze im Flugzeug gibt und ich hatte keinen. Aber es gab noch Hoffnung: Sollten drei Leute ihren Flug nicht antreten, könnte ich mit. Für den Fall, dass dies nicht geschieht, hatte die Dame aber auch schon zwei pfiffige Ideen: Ich fliege einfach wo anders hin oder aber erst am nächsten Tag.

Was mich vor allem fassungslos machte, das war die gelangweilte Selbstverständlichkeit, mit der mir das erklärt wurde. Die Angestellte der Fluggesellschaft war völlig mit sich im Reinen und konnte kein bisschen nachvollziehen, warum ich weder nach Stuttgart noch nach München und absolut nicht über Nacht in in der Bundeshauptstadt bleiben wollte. In diesem Zusammenhang sei bemerkt: Ich hatte keinen Koffer in Berlin, sondern stand nur mit meiner Handtasche da und hatte nicht einmal einen Schlüpfer zum Wechseln dabei.

Letztendlich ging aber alles gut und ich durfte den geplanten und bereits Wochen zuvor bezahlten Flug antreten. Die Fluggesellschaft freute sich ebenfalls, denn die drei nicht erschienenen Passagiere haben unter Umständen keinen Anspruch auf Erstattung ihres Geldes und es wurde doppelt verdient.

Überbuchungen gehören übrigens bei vielen Fluggesellschaften zur gängigen Praxis. Ob ich es vielleicht doch mal wieder mit der Bahn probieren soll?
Anne-Marie Glaser

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