Fußnote, die Glosse im Guller
Wahrlich eine Köpenickiade

Frankreich, das in Fragen der Revolution eine erfolgreiche Tradition hat, scheint sich derzeit mit Lethargie der Situation zu ergeben. Irgendwie ist es ruhig, westlich des Rheins. Zu ruhig? Dabei gehen die Nachbarn sofort auf die Straße, wenn es um ihre Rente, Arbeitszeit oder andere soziale Maßnahmen des Staatspräsidenten geht. Woran liegt's?

Und was machen wir?

Nun, es gibt Behauptungen, dass man ruhig zu seinem Lieblings-Franzosen für ein ordentliches Menü gehen solle. Natürlich könne man nicht vorne durch die Tür reinmarschieren. Man solle stattdessen nach der Hintertür suchen und klopfen – schon werde dem Gast Einlass gewährt und die Menükarte angeboten. Ungesehen kann man sich das eigentlich nicht vorstellen. Oder ist das etwa der Grund, warum die Infektionszahlen so in die Höhe schnellen bei den Nachbarn, weil der Lockdown in all seinen Ausmaßen einfach ignoriert wird? Wenn dem so wäre, funktioniert das Spiel der Stillen Post, des getuschelten Weitersagens dieser Information, so gut, dass es bis zum letzten Glied der Kette erstens jeder versteht und zweitens keiner laut petzt. Dass Franzosen jetzt nicht zu den klassischen Mallorca-Urlaubern zählen, war bekannt. Das eigene Ferienhaus an der Küste soll aber trotz aller Mahnungen und Bitten, das Reisen zu unterlassen, immer wieder regelmäßig aufgesucht worden sein. Allein der Run auf die Bahnhöfe, als Frankreich selbst inländische Risikogebiete auswies, sprach Bände.

Bei uns Deutschen, ohne den Hintergrund einer erfolgreichen Revolution, hängt eher der Makel an: Einer bestimmt und alle folgen im Gänsemarsch – und sei es ins Verderben. Aber es gibt auch die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick, der – allerdings auch mit gutgläubigen Gefolgsleuten in Uniform – das Rathaus besetzte. Auch jetzt – 13 Monate nach Beginn der pandemischen Auswirkungen – flüchten wir eher in die Köpenickiade. Den lupenreinen Lebensmittelladen gibt es kaum noch. Stattdessen findet man zwischen Nudeln und Gemüse vielerorts auch Unterwäsche und Bürobedarf. Das Fachgeschäft aber, das auf Unterwäsche und Bürobedarf spezialisiert ist, muss seine Kunden nach Bestellung und ohne Beratung mit einer Lieferung oder Abholung vertrösten.

Und was machen wir damit? Wir zeigen dem System den Irrsinn auf: Bekleidungsgeschäfte werden zu Toilettenpapieranbietern, Schuhgeschäfte zu Hofläden für Spirituosen. Geschäftsideen für Gaststätten sind derzeit besonders gefragt. Übrigens: Reisebüros dürfen öffnen, reisen ist aber nicht erwünscht. R. Graf Kerssenbrock

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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