An(ge)dacht: Martin Grab
Der "Wuschel-Segen" und andere Formen

Martin Grab

In diesen Tagen spielt in Gottesdiensten der Segen eine wichtige Rolle: die Tauffamilien, Konfirmanden und Firmanden werden gesegnet, beim Konfirmationsjubiläum wird der Segen erneuert, bei Trauungen bekommen zwei den Segen Gottes zugesprochen. Es ist eine segensreiche Zeit.

Kürzlich habe ich eine Frau aus unserer Gemeinde gefragt, ob sie mit mir am Ende eines der kommenden Gottesdienste den Segen sprechen wolle. Nach einer Bedenkzeit teilte sie mir dann mit, dass sie das nicht könne und sich nicht als "die" Christin erlebe.

Ich habe das Nein dieser gewissenhaften Frau natürlich akzeptiert. Und gleichzeitig denke ich: Es braucht keine Lizenz zum Segnen. Auch keiner zusätzlichen Würde. Die haben sicher auch wir Pfarrer nicht. Wenn nur die ganz Würdigen, die 100 prozentigen, segnen dürften – die Menschheit bliebe für immer ungesegnet!

Segnen – das ist nichts Magisches. Segnen heißt eigentlich „nur“: jemandem Gottes Nähe und Geleit wünschen, und diesen Menschen das auch spüren zu lassen oder es ihm zu sagen.
Segnen – wahrhaftig nicht nur eine Aufgabe für Geistliche! Im Gegenteil: Auch Sie haben schon Menschen gesegnet. Wenn Sie jemandem hinterher winken, das ist ein Überbleibsel der ursprünglichen Segens-Geste. Und wenn Sie Ihrem Kind oder Enkelkind vor dem Gang in die Schule durch das Haar streichen, diese Geste heißt nicht grundlos auch „Wuschel-Segen“.

Einander zu segnen gehört zu den wunderbaren Alltags-Aufgaben von uns Christenmenschen.
Klar, wir sagen einander nicht „Sei gesegnet!“ Aber auch im „Mach's gut“ steckt er wieder drin, der Segen. Oder wenn meine Mutter mich, bevor ich zu einer Bergtour aufbreche, verabschiedet mit den Worten „Fahr Gott befohlen“, auch das ist eine Segensbitte. Genauso wie wenn Sie jemandem sagen: „Komm gut wieder zurück!“

Sprechen Sie anderen Menschen den Segen Gottes zu! Allen! Flüstern Sie dem, der Sie genervt hat, ein „Auch du bist gesegnet“ hinterher – und wenn es noch so schwer fällt. Legen Sie Ihrem Kind bewusst die Hand auf den Kopf.

Es geschieht so viel Ungutes auf der Welt. Wir selbst richten so viel Unheil an.
Deshalb: Lassen Sie uns auch das Gegenteil tun: den Anderen segnen und ihm Gottes Segen wünschen – und nicht selten werden wir dabei auch selbst etwas von Gottes Nähe spüren.

In diesem Sinne: eine gesegnete Zeit!

Martin Grab,
evangelischer Pfarrer für Rheinbischofsheim, Hausgereut und Holzhausen

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