Neuartige Verbrennungsanlage auf dem Kahlenberg?
Ausgeklügelte Verwertung statt stinkender Müllkippe

Die vom Zweckverband entwickelte Anlage bei Ringsheim soll erweitert werden.
  • Die vom Zweckverband entwickelte Anlage bei Ringsheim soll erweitert werden.
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Ringsheim (mam). Im Volksmund ist der Kahlenberg noch immer als "stinkende Müllkippe“ bekannt. Dabei ist die längst so gut wie aufgefüllt. Nun soll am Hausberg der Gemeinde Ringsheim neben einer hier entwickelten, europaweit als hoch modern geltenden Müllverarbeitungs- Technologie auch noch eine neue Verbrennungsanlage realisiert werden.

Das Verbrennungs-Projekt findet deutliche Sympathien im Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg (ZAK). Den hatten die Landkreise Emmendingen und Ortenau einst gegründet, um ihren Hausmüll gemeinsam und zentral zu verwerten. 2005 wurde die Abfalleinlagerung weitgehend eingestellt, weil die Lagerkapazitäten nahezu ausgeschöpft waren. Deponieleiter Georg Gibis entwickelte samt Mitarbeitern eine neue Methode der Müllbehandlung. Es entstand eine europaweit patentierte mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage.

Der Kahlenberg hat eine Vorgeschichte. Schon vor 2.000 Jahren wurde hier nach Eisenerz geschürft, in einem verzweigten Stollensystem und zudem bis 1968 oberirdisch. Als sich die Rohstoffgewinnung nicht mehr rentierte, schlug die Stunde des kreisübergreifenden Mülls. Der wurde hier bis 2005 abgelagert. Die Ringsheimer Bevölkerung litt oft unter großen Gestankswolken.

Patentierte Vorgeschichte

Gibis schuf nach seinem Amtsantritt als Deponiechef Vertrauen mit offener Dialogbereitschaft. Heute ist vieles abgedeckt und übelste Gerüche gehören zumeist der Vergangenheit an. Und: Mit dem unterirdisch gesammelten Deponiegas wird ein Fernwärmenetz für Ringsheimer Ortsteile mitbetrieben. Es ging weiter: In einer ausgeklügelten selbst entwickelten Anlage wird längst der angelieferte Hausmüll grob sortiert, dann mechanisch-biologisch separiert behandelt. Da werden rückgewonnene wertvolle Rohstoffe verkauft und Ersatzbrennstoffe für Heizkraftwerke produziert, um fossiles Öl und Kohle zu sparen. So landen mittlerweile weit über 90 Prozent des Kahlenberg-Mülls nicht mehr ungenutzt auf der Halde, bei jährliche derzeit rund 100.000 Tonnen.
Die hier entwickelte Müllbehandlungsanlage funktioniert prächtig, ist patentiert und findet nicht nur europaweit Interesse.

Schließlich geht es um Rohstoff- und Energiepotentiale des früher komplett vergrabenen Hausmülls. Nun wird eine ZAK-Anlage im thailändischen Bangkok gebaut, im chinesischen Hangzhou arbeitet eine Demonstrationsanlage, weitere konkrete Projektaussichten bestehen in Shanghai. Landrat Frank Scherer ist begeistert: „Thailand und China sind ein großer Markt für Umwelttechnologien.“ Da hätte man mit der patentierten Maximum-Yield-Technologie (MYT) aus Ringsheim eine große Vermarktungschance.

Aktuell soll eine weiteres Projekt auf dem Kahlenberg seinen Platz finden: eine Verbrennungsanlage für rund 30 Millionen Euro, die neben anderen wertvollen Rohstoffen unter anderem auch Phosphor-Dünger aus der Asche rückgewinnen kann. Die geplante Inbetriebnahme ist für Mitte 2022 angepeilt. Damit sollen dann auch klimagefährdende CO2-Emissionen bei herkömmlicher Energiegewinnung reduziert werden. „Thermische Verwertung und Rückgewinnung von Rohstoffen aus Ersatzbrennstoffen“ heißt das Heiz-Vorhaben etwas sperrig.

Das funktioniere allerdings künftig nur, warnt Gibis, wenn in den beiden Landkreisen keine Bio-Tonne eingeführt werde, denn deren Inhalt braucht der Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg (ZAK) unsortiert als Biomasse zum Resthausabfall mit rund 28 Prozent Anteil. Das wäre wesentlich kostengünstiger als mit einem teuren separaten Biomüll-System, wirbt Georg Gibis.
Das neue Kahlenberg-Heizwerk soll samt emissionsarmer Abluftreinigung jährlich für 13.000 Tonnen andernorts einzusparendem Kohlendioxid sorgen.

Drei Tonnen pro Stunde sollen verbrannt werden, mit sieben Tonnen Asche pro Jahr nur noch ein Prozent übrig bleiben – das bei 2,2 Megawatt elektrischer Leistung. Gibis versichert, dass dabei gesetzliche Emissions-Grenzwerte von Staub, Stickoxiden und gar Dioxinen weit unterschritten würden. Künftiger Lärm soll bei 45 dB(A) auf den Entstehungsort beschränkt bleiben.

Während noch im Mai der ZAK einen Beschluss zum Start der millionenschweren Hightech-Verbrennungsanlage fällen will, haben die Ringsheimer Bürger vorsichtshalber einige Bedenken angemeldet. Ihr Gemeinderat hat in einer Resolution beschlossen, die Standortfrage „ergebnisoffen auf Alternativen zu prüfen“. Schließlich sei Ringsheim mit dem bestehenden Werk vorbelastet. Der Gemeinderat fordert höchstmögliche Betriebssicherheit und Transparenz im Planungs- und Genehmigungsprozess.

Resolution

Jedoch fordern die Ringsheimer auch „gutachterliche Nachweise von unabhängigen dritten Instituten über alle Arten von Emissionen“. Und: „Noch immer auftretende Geruchsemissionen“ sollen verstärkt vermieden werden. Gleichzeitig versichert der Ringsheimer Gemeinderat, dass sein Positionspapier „ausdrücklich ein konstruktiver Beitrag zur Gesamtbetrachtung des geplanten Projektes" sei.

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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