Mit Salutschüssen und Hirsebrei
Zürcher Delegation legt in Kehl an
- In ihren mittelalterlichen Kostümen fuhren die Teilnehmer an der Hirsebreifahrt von Zürich nach Straßburg auf ihren Langbooten in Kehl ein und winkten den Schaulustigen auf den Brücken zu.
- Foto: Stadt Kehl
- hochgeladen von Matthias Kerber
Kehl (st) Mit zwei heftigen Salutschüssen haben die Zürcher am Samstag, 22. August, kurz nach 12 Uhr ihre Einfahrt in Kehl angekündigt. Nach drei Tagen auf dem Wasser – am Freitag bei strömendem Regen, Blitz und Donner – winkten sie bestens gelaunt von ihren vier Langschiffen den Schaulustigen auf der Passerelle des deux Rives, der Europa- und der Trambrücke zu, bevor sie in den Kehler Yachthafen einliefen. Etwa 90 Personen aus der größten Stadt der Schweiz hatten die abenteuerliche Fahrt auf den hölzernen Booten auf sich genommen. Weitere Dutzende Mitglieder von 25 Zürcher Zünften – allesamt in aufwendigen und farbenfrohen mittelalterlichen Gewändern – waren mit dem Bus angereist. Und hatten den berühmten Hirsebrei mitgebracht.
Der Brei – seit 40 Jahren zubereitet von Tomas Prenosil, Chef der Zürcher Confiserie Sprüngli – spielt schließlich die Hauptrolle bei den nur alle zehn Jahre stattfindenden Hirsebreifahrten. Und das kam so: Im Jahr 1456 besiegelten die Städte Straßburg und Zürich ein Schutzbündnis. Um zu beweisen, wie schnell sie Straßburg im Notfall zu Hilfe eilen könnten, packten junge Zürcher einen mit Stroh und Lehm umwickelten Kupferkessel mit Hirsebrei auf ihr Boot. Als sie 20 Stunden später in Straßburg anlangten, soll der Brei noch so heiß gewesen sein, dass sich der erste Straßburger, der ihn probierte, die Lippen verbrannte. So will es die Legende. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die beiden Städte daraus ein wiederkehrendes Ereignis entwickelt, um ihre im Mittelalter begründete Beziehung zu pflegen: Alle zehn Jahre machen sich die Langboote seither aus Zürich auf den Weg nach Straßburg – und dabei darf der Hirsebrei natürlich nicht fehlen.
Den Hirsebrei, der am Samstagnachmittag auf dem Straßburger Marché-aux-poissons kostenlos verteilt wurde, hat Tomas Prenosil allerdings am Morgen in Zürich frisch zubereitet, wie er verrät. Hirse, Milch, Rahm, Honig und Mandeln hat er darin verarbeitet und „ganz wenige Rosinen“ – auch wenn das historische Rezept sicherlich ein anderes war. „Die Leute im Mittelalter waren schließlich arm.“ Für den Fall, dass der Brei auf der Reise zu stark quillt, hat er immer noch Milch zum Verdünnen dabei. In Militärkisten abgefüllt, wurde der Brei über die Straße nach Kehl transportiert. „Die größte Herausforderung ist immer, ob er über den Zoll kommt“, sagt der Konditor und schmunzelt. Erst in Kehl wird ein Teil des Breis in den traditionellen Kupferkessel gefüllt.
Welche Bedeutung die Hirsebreifahrt für die fünf Zürcher Gesellschaften (Limmat-Club Zürich, Zunft zur Schiffleuten, Schützengesellschaft Zürich, Stadtmusik Zürich, Bogenschützen Zürich) sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport hat, zeigt der Umstand, dass in diesem Jahr eines der Langschiffe ersetzt werden musste. Kostenpunkt: 250.000 Franken. Mitte Juni wurde das neue Boot, das auch mit einer Kanone für Salutschüsse ausgestattet ist, getauft.
Angeführt wurde die Hirsebreifahrt vom neugewählten Stadtpräsidenten Raphael Golta, der von zwei Stadträten, Daniel Leupi und Michael Baumer, begleitet wurde. Für die Stadt Kehl begrüßte der Erste Beigeordnete, Thomas Wuttke, die bunte Gruppe im Yachthafen: Es sei eine Ehre, dass Kehl Teil der traditionsreichen Hirsebreifahrt sein dürfe, sagte er. Dies freue ihn auch deshalb besonders, weil es ebenfalls Tradition habe, dass Kehl in Straßburger Großveranstaltungen mit einbezogen werde. Das war so, als Straßburg 2024/2025 UNESCO Welthauptstadt des Buches war, in diesem Jahr werde das 800-jährige Bestehen der Münsterbauhütte gemeinsam begangen. Dass sowohl die Geschichte des Buches als auch die Erhaltung des Münsters rheinübergreifend sei, zeige wie eng die Verbindung der beiden Städte bereits in weit zurückliegenden Jahrhunderten gewesen sei. Nicht nur durch den Garten der zwei Ufer, den Bau der Passerelle des deux Rives sowie der Trambrücke sei der Rhein von einem Grenzfluss zu einem integralen Bestandteil eines gemeinsamen Lebensraumes geworden, der nur noch als Einheit funktioniert. Raphael Golta betonte, wie wichtig ihm und der Gruppe der Stopp sei, schließlich führe die Hirsebreifahrt durch drei Länder. In zehn Jahren, versprach er, werde man gerne wiederkommen. Besonders in der heutigen Zeit müsse man solche Bräuche und solche Kontakte pflegen. Für ihn als neues Stadtoberhaupt handle es sich um die erste Auslandsreise.
Zwei Premieren für den Yachthafen
Für den Kehler Yachthafen war am Samstag nicht nur die Hirsebreifahrt eine Premiere, zum ersten Mal fuhr auch ein großes Straßburger Ausflugsboot ein: Für den Schiffsführer war dies eine mindestens so große Herausforderung wie für die Zürcher das Verzollen des Hirsebreis: Das Batorama-Boot La Strasbourgeoise ist nur wenig kürzer als der Yachthafen breit. Mit dem Ausflugsschiff fuhren die Mitglieder der Zürcher Delegation nach Straßburg, die auf den vier Langbooten keinen Platz gefunden haben. Unter ihnen auch Thomas Wuttke.





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