Sonderausstellung im Stadtmuseum
Leben und Alltag von Geflüchteten

Siamands Murmeln und Patronenhülsen aus Aleppo sind in der Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen.
  • Siamands Murmeln und Patronenhülsen aus Aleppo sind in der Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen.
  • Foto: Stadt Lahr
  • hochgeladen von Daniela Santo

Lahr (st). Die Sonderausstellung "Unbekannte Mitbürger – Leben und Alltag von Geflüchteten in Lahr“ im Stadtmuseum zeigt auch eines: Die geflüchteten Menschen haben in ihrer Heimat Hab und Gut zurücklassen müssen und auf ihrer Flucht auch noch das ein oder andere verloren. Oft sind es eher unbedeutende Dinge, die sie auf ihrem Fluchtweg nach Lahr retten konnten. Für sie haben sie aber einen unschätzbaren Erinnerungswert. Mirav Sido, die 36-jährige Kurdin aus Syrien, Mutter zweier Kinder – Siamand, 16 Jahre, und Rosel, 13 Jahre – hat beispielsweise einen Schlüsselbund und Murmeln mit nach Lahr gebracht und erzählt die Geschichten dazu:

Schlüssel, Murmeln, Patronen 

„Der Schlüssel gehörte zu meiner Eigentumswohnung in Aleppo. Das Haus war Teil eines größeren Wohnprojekts und hatte vier Stockwerke. Im Obersten wohnte ich mit meiner Familie. Im Haus lebten noch weitere neun Familien. Bevor wir einziehen konnten, haben wir sieben Jahre lang den Kaufpreis in Raten abbezahlt. Es war eine schöne Wohnung. Es gibt nur noch ein einziges Foto, das ich von der Wohnung habe. Es zeigt meine damals siebenjährige Tochter Rosel im Wohnzimmer. Sie zeigt stolz, dass sie sich – wie ich – ein Tuch um den Kopf gebunden hat, weil wir gleich in die Küche gehen wollten und unsere Haare den Essengeruch nicht annehmen sollten. Die anderen Fotos auf dem Handy sind auf der Flucht zerstört worden. Nach Zahlung der letzten Rate und dem Einzug konnten wir nur eineinhalb Jahre in der Wohnung leben, bis der Krieg und die Zerstörung Aleppos begannen. Nachdem der Rest unserer Familie nach Afrin gezogen war, lebten die beiden Kinder und ich von 2011 bis 2012 in der umkämpften Stadt, weil wir nicht durch die Kriegsparteien hindurch zu unserer Familie gehen konnten.
Es war ein Jahr ohne Elektrizität, und bald auch ohne Fenster, die durch die Bombenexplosionen zerborsten waren. Nur ein Mann lebte ebenfalls noch im Haus. Schließlich konnten wir ins Haus meines Vaters ziehen und erfuhren dort, dass unser Haus einen Tag später durch eine Bombe zerstört worden war. Als wir das Haus meines Vaters verließen, nahm ich die Schlüssel meiner Wohnung mit – in der Hoffnung, wieder zurückkehren zu können. Das Band am Schlüsselring hat übrigens die Farben Kurdistans. Die Patronen fand Siamand auf dem Dach des Hauses seines Großvaters, einige steckten auch im Mauerwerk. Er hat sie in einer kleinen Tasche mitgenommen – als Erinnerung an den Krieg in unserem Heimatland und in unserer Stadt. Und noch etwas ganz Gegensätzliches nahm er mit: Murmeln, mit denen er zusammen mit seinen Freunden spielte. Er hat in Deutschland noch keine Kinder mit Murmeln spielen gesehen.“

Die Sonderausstellung im Stadtmuseum in der alten Tonofenfabrik ist noch bis zum 10. November täglich von 11 bis 18 Uhr zu sehen. Weitere Informationen zu der Ausstellung gibt es im Internet unter stadtmuseum.lahr.de und freundeskreis-flüchtlinge-lahr.de.

Autor:

Daniela Santo aus Lahr

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