Ungewöhnliche Stadt: Turin zeigt viele Facetten
Zwischen Licht und Schatten: Chronik einer Verführung

Im Herzen Turins, im Palazzo Carignano, einem der symbolträchtigsten Orte der italienischen Staatsgründung, bewahrt das Museo del Risorgimento die Erinnerung an jene Ideen, Konflikte und Hoffnungen des 19. Jahrhunderts, aus denen die Einheit Italiens hervorging und ein politischer Traum historische Wirklichkeit wurde.
 | Foto: Daniel J. Basler
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  • Im Herzen Turins, im Palazzo Carignano, einem der symbolträchtigsten Orte der italienischen Staatsgründung, bewahrt das Museo del Risorgimento die Erinnerung an jene Ideen, Konflikte und Hoffnungen des 19. Jahrhunderts, aus denen die Einheit Italiens hervorging und ein politischer Traum historische Wirklichkeit wurde.
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Eine Reise nach Turin: In die diskreteste Weltstadt Italiens und ihre esoterischen Welten

Wer einmal durch die eleganten Säulenalleen dieser Stadt gegangen ist — getragen von einer Leichtigkeit im Schritt, eingehüllt in einen weichen, warmen Zauber, der über dem Pflaster liegt, während der Duft von Espresso und Schokolade in der Luft schwebt —, spürt sofort, dass diese piemontesische Metropole einen anderen Aggregatzustand besitzt als die meisten Großstädte Europas: diskreter, aristokratischer, von einer Tiefenschicht unterlegt, die sich beim ersten Blick nicht preisgibt. Unter der strengen barocken Opulenz der Savoyer-Prachtfassaden, hinter den rund 18 Kilometern geschützter, meterhoher Arkadengänge, in denen das Licht zu jeder Stunde eine andere Nuance annimmt, verbirgt sich eine kontrastreiche urbane Kulisse mit doppeltem Boden: eine Welt der subtilen Chiffren, der geometrischen Dreiecke und der leisen Rätsel, die mit erstaunlicher Hartnäckigkeit an die Oberfläche drängen.

Als einstige Wiege des Risorgimento — jener Epoche im 19. Jahrhundert, in der die Stadt als erste Hauptstadt des neugegründeten Königreichs Italien zum intellektuellen und politischen Motor der nationalen Einigung avancierte — und als späteres Epizentrum industrieller Pionierleistungen, in dem der kühne Erfindergeist der FIAT-Ingenieure und der technologische Aufbruch der Moderne auf die gediegene, repräsentative Stille barocker Residenzen und royaler Paläste traf, behauptet das piemontesische Zentrum bis heute eine unverwechselbare, von rationaler Planungskunst und städtebaulicher Symmetrie geprägte Identität. Im alltäglichen Rhythmus kreuzt sich dieses politisch-industrielle Erbe organisch mit einer fast kontemplativen, zutiefst verwurzelten Lebenskunst und einer kulinarisch-regional verankerten Experimentierfreude. Inmitten dieses faszinierenden Spannungsfelds entfaltet sich eine urbane Magie, über die die Einheimischen selbst mit eleganter Ironie sprechen — all das verschmilzt hier zu einer Einheit, die sich in drei Mai-Tagen tief und nachhaltig ins Gedächtnis einschreibt.

Für den Bestsellerautor Dan Brown hätte die Morphologie dieses steinernen Ordnungsgefüges wohl die ultimative literarische Leinwand geboten — ein narratives Labyrinth, dessen verborgene Zeichen die versteckten Botschaften der weltbekannten Thriller Da Vinci Code oder Illuminati an historischer Komplexität und atmosphärischer Dichte mühelos in den Schatten gestellt hätten. Dieser Ort inszeniert sich nicht mit der lauten, selbsterklärenden Geste monumentaler Postkartenmotive; er tritt als noble, distanzierte Hüterin profunder Geheimnisse auf, die sie beharrlich bewahrt, statt sie dem flüchtigen Betrachter vorschnell preiszugeben. Eine Stadtlandschaft, die auf den Scheitelpunkten zweier entgegengesetzter magischer Dreiecke balanciert, polare Kräfte von Licht und Schatten in ihrer städtebaulichen Matrix trägt und seit langer Zeit ein Grabtuch aufbewahrt, das die Wissenschaft vor ein rational nicht aufzulösendes Rätsel stellt — sie hält das Rohmaterial für einen Roman bereit, den kein Autor je erfinden müsste. Man findet seine Hauptstränge einfach vor.

Doch die ehemalige Savoyer-Metropole benötigt keine nachträgliche Fiktionalisierung; sie ist selbst die vollendete Erzählung — von barocker Erhabenheit getragen, von piemontesischem Understatement gedämpft und von einem vielschichtigen Doppelboden durchzogen, der sich erst dem erschließt, der bereit ist, länger hinzuschauen, als es der gewöhnliche Stadtrundgang erlaubt.
Wenn der Wonnemonat Mai Einzug hält, geschieht etwas Unwiederbringliches mit dem Licht. Das Frühjahr beschenkt die Region mit seiner großzügigsten Qualität: einem klaren, weichen Lichtflaum, der die Barockfassaden in warmes Ocker taucht, die Konturen der nicht weit nördlich aufragenden Alpengipfel in eine fast unwirkliche Schärfe rückt und die langen Wandelgänge in goldene Fluchten verwandelt, die kein Ende zu nehmen scheinen. Die Temperaturen liegen oft um die zwanzig Grad, die Kastanien auf den Boulevards blühen, und auf den Terrassen der alten Caffè storici wird schon am späten Vormittag Aperitivo getrunken.
Für einen ganzen Tag führt mich Alessandra Palombo durch diese Straßen. Ursprünglich aus Rom stammend, hat sie hier vor vielen Jahren ihre Wahlheimat gefunden und arbeitet heute als lizenzierte Stadtführerin — eine Frau, die Turin nicht nur kennt, sondern versteht: passionierte Kennerin jedes Winkels, jeder Gasse, jeder Schicht dieses urbanen Gewebes.

Sie wartet am Denkmal des Conte Verde auf der Piazza Palazzo di Città, wo der sogenannte Grüne Graf mit erhobenem Schwert im ewigen Kampf erstarrt ist und Tauben schläfrig auf den Barocksimsen des Rathauses sitzen. Als die Rede auf die geheimnisvolle Seite der Stadt kommt, nickt sie — jeder, der hierher komme, bringe diese Neugier mit sich —, und sagt dann mit ruhiger Bestimmtheit: „Turin ist die einzige Stadt, die ich kenne, in der das Straßenraster der Römer und die Träume der Esoteriker exakt dieselbe Kreuzung teilen. Man muss nur langsam genug gehen, um beide zu lesen.“

Zwei Gesichter zwischen Legende und Geometrie

Kaum eine andere europäische Großstadt beansprucht eine derart eigentümliche Position im Koordinatensystem des Übernatürlichen: ein Schnittpunkt zweier entgegengesetzter Geometrie-basierter Kraftlinien — des Dreiecks der weißen Magie, das die Stadt mit Lyon und Prag verbindet, und des Dreiecks der schwarzen Magie, dessen Achsen nach London und San Francisco reichen. Ob man diese esoterischen Deutungen teilt oder sie als poetische Figuren eines kollektiven Unbewussten liest, ist am Ende zweitrangig; sicher ist nur, dass sie das Bild der Stadt seit dem späten 19. und vor allem im 20. Jahrhundert nachhaltig mitgeprägt haben. Die Grenze zwischen Licht und Schatten verläuft hier fließend. An der Piazza Castello, wo der barocke Stadtgrundriss seine repräsentativste Form gewinnt, begegnen sich sakrale und profane Stadträume in einer Architektur fein abgestufter Übergänge; die mythologischen Zwillinge Castor und Pollux flankieren den Eingang zum Königspalast und verleihen dem Ort die antikisierende Würde, die Turin so eigentümlich macht. Dass ihnen in der populären Lesart bisweilen sogar ein verborgenes Pentagramm zugeschrieben wird, gehört zu der Mischung aus Legende und Projektion, die der Stadt ihre mehrdeutige Tiefe bewahrt.

Alessandra führt westwärts, dorthin, wo die Portiken schwerer wirken und die Gassen enger werden. Man spürt den Wechsel, noch bevor man ihn benennen kann — eine kaum greifbare Verdichtung der Atmosphäre, als hätte die Luft selbst ein längeres Gedächtnis. Die Piazza Statuto empfängt uns als unbestrittener Scheitelpunkt der Schattenseite. In der römischen Antike lag hier eine Nekropole außerhalb der Stadtmauern; später wurde der Ort im Mittelalter und bis weit ins 19. Jahrhundert mit dem Galgenplatz, dem Rondò della Forca, verbunden. Der Westen war von jeher die Seite des Übergangs, das Terrain des Abendlichts, die Himmelsgegend, an der die Sonne erlischt. Diese Prägung sitzt tief — tiefer als jede esoterische Überlieferung, tiefer als jede Legende.
In der Mitte des Platzes ragt das monumentale Denkmal für die Gefallenen des Fréjus-Tunnels empor, das 1879 nach einem Entwurf von Graf Marcello Panissera di Veglio und den Bildhauern Luigi Belli und Odoardo Tabacchi errichtet wurde — eine Hommage an die Arbeiter, die beim Bau des ersten großen Eisenbahntunnels durch die Alpen ihr Leben ließen. Ein wuchtiger Fels aus Quarzit, gewonnen aus dem Tunnelausbruch selbst, an dem sich menschliche Figuren emporkämpfen — und an der Spitze ein geflügeltes Genie, das je nach Betrachtungswinkel und innerer Verfassung des Betrachters als Engel oder als Symbol des Widerspruchs erscheint. Esoteriker sahen in dieser Gestalt seit jeher den Lichtträger. Als besonderer Hinweis galt ihnen der fünfzackige Stern, der die Figur einst krönte. 2013 verschwand er, 2021 wurde er im Zuge von Restaurierungsarbeiten wieder angebracht. Wer heute vor dem Denkmal steht und nach oben schaut, sieht ihn wieder — und fragt sich unwillkürlich, ob sein Verschwinden je nur ein Versehen war.

Ich stehe lange vor dem Monument, dessen Quarzit im warmen Maimittag eigentümlich grünlich schimmert. Es ist nicht unheimlich; es ist wuchtig und in sich gekehrt, mit einer Schwerkraft, die tiefer reicht als die Stadt und älter ist als ihr Name. Alessandra blickt hinauf, lange, bevor sie sagt: „Das Faszinierende hier ist nicht, dass man weiß, was wahr ist. Das Faszinierende ist, dass dieser Ort nie aufhört, diese Fragen zu stellen."
Dieses Wechselspiel zwischen Mythos und Vernunft spiegelt sich auch in der historischen Analyse wider. Ein im Oktober 2025 erschienener Beitrag der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Stadt des Teufels?" machte darauf aufmerksam, dass die vermeintlich okkulte Geographie der Stadt fast vollständig auf das strenge, rechtwinklige Straßenraster der Römer zurückgeht, die Augusta Taurinorum im Jahr 28 v. Chr. gründeten. Dieses Bauprinzip trennte nicht im Sinne eines nachweisbaren religiösen Plans die Welt der Lebenden im Osten und die der Toten im Westen, vielmehr lieferte die rationale Grundordnung der Antike späteren Deutungen den perfekten Nährboden. Die Teufelsrituale entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als ein literarisch und touristisch gepflegter Mythos des 19. und 20. Jahrhunderts, der das bürgerliche Zentrum in Zeiten rasanter Industrialisierung und politischer Umbrüche mit einer Aura des Geheimnisvollen umhüllen sollte.

Auf dem Rückweg queren wir die Piazza San Carlo — das strahlende Herz des hellen Pols, wo das Mysterium dem bürgerlichen Selbstbewusstsein weicht. Unter den barocken Arkaden pulsiert das Leben, bunte Pralinenberge locken in den Schaufenstern der Chocolatiers, und die Fassaden spiegeln den Glanz der Savoyer-Dynastie wider. Dennoch bleibt eine noble Melancholie spürbar — das intellektuelle, heitere Klima, das auch Friedrich Nietzsche im Winter 1888 faszinierte. Von seiner Wohnung in der Via Carlo Alberto 6 schwärmte er in Briefen von der Architektur und der gediegenen Atmosphäre; sinngemäß hielt er fest, dass er sich kaum etwas Besseres vorstellen könne, als in Turin zu bleiben, kurz bevor ihn das Dunkel seines eigenen Schicksals einholte.

Ein vertikaler Traum aus Backstein

Das unumstrittene architektonische Symbol Turins schraubt sich mit selbstverständlicher Grandiosität 167,5 Meter hoch in den Himmel: die Mole Antonelliana. Als alltägliches numismatisches Denkmal ziert ihre Silhouette die italienische Zwei-Cent-Münze, während sie im Jahr 2006 – anlässlich der Olympischen Winterspiele – gar auf einer Zwei-Euro-Sonderprägung im glanzvollen Großformat verewigt wurde. Es ist ein Bauwerk, das wie kaum ein zweites den kühnen, fast hybriden Geist des 19. Jahrhunderts repräsentiert.
Die Baugeschichte der Mole ist ein faszinierendes Dokument aus maßlosem Ehrgeiz und statischer Genialität. Im Jahr 1863 beauftragte die jüdische Gemeinde der Stadt den Architekten Alessandro Antonelli mit dem Bau einer repräsentativen Synagoge, um die kurz zuvor gesetzlich verankerte Religionsfreiheit zu feiern. Antonelli, 1798 in Ghemme bei Novara geboren und einer der eigenwilligsten Köpfe des italienischen Historismus, sprengte rasch jeden konventionellen Rahmen. Aus den ursprünglich geplanten 47 Metern Höhe erwuchs ein monumentales, vertikales Abenteuer. Er trieb die traditionelle Mauerwerkstechnik an ihre absoluten Belastungsgrenzen: Ohne Eisenbeton stabilisierte er die ziegelgemauerten Wände durch ein ausgeklügeltes System aus Mauerblenden und Bögen und erzielte damit eine beispiellose statische Wirkung bei maximaler Höhe.

Als die Kosten explodierten und das ursprüngliche Budget von 280 000 Lire um mehr als das Doppelte überschritten wurde, zog sich die Gemeinde aus dem Projekt zurück. Die Stadt übernahm das unvollendete Bauwerk, widmete es zu einem Denkmal für die nationale Einheit um und vollendete es 1889. Für lange Zeit galt die Mole als das höchste Backsteingebäude Europas — eine Pionierleistung, die häufig mit der späteren Formensprache anderer Monumentalbauten in Beziehung gesetzt wurde. 1953 stürzte die Turmspitze nach einem Sturm ab; sie wurde originalgetreu wiederaufgebaut.
Heute beherbergt dieser sakrale Raum der Moderne das Museo Nazionale del Cinema. Dass ausgerechnet dieses Gebäude zum Tempel der Filmkunst wurde, ist kein Zufall: Die Stadt war im frühen 20. Jahrhundert die Wiege der italienischen Stummfilm-Industrie und Sitz bedeutender Produktionsstudios, bevor das faschistische Regime die Traumfabrik in den dreißiger Jahren nach Rom verlegte. Beim Betreten der gigantischen zentralen Aula del Tempio hält man unwillkürlich inne. Die Wände ragen 40 Meter empor, bevor sie sich in die gewaltige Kuppelfläche weiten; ein spiralförmiger Balkon schraubt sich aufwärts und macht die Architektur selbst zur Leinwand.
Alessandra blickt hinauf zur Decke, an der Filmausschnitte flimmern, und sagt mit leiser Begeisterung: „Hier versteht man, warum diese Stadt und das Kino füreinander bestimmt waren: Beide machen aus dem Unmöglichen eine Geschichte, der man glaubt."
Auf vielen Etagen entfaltet das Museum eine der facettenreichsten Ausstellungen weltweit. Die Reise beginnt bei den frühesten optischen Illusionen der Filmprähistorie — mit kunstvollen Laterna-magica-Apparaten, Phenakistoskopen (Wunderscheiben) und Schattenspielen —, führt durch die Epoche des großen Stummfilms und endet bei Kulissen und Originalrequisiten des modernen Kinos. In der Aula del Tempio liegen Besucherinnen und Besucher auf Chaiselongues, während über ihnen die Filmgeschichte an den Wänden vorbeizieht und das Zeitgefühl sich sanft auflöst.

Das Highlight ist die Fahrt im Panoramalift: eine gläserne Kapsel, die frei an dünnen Seilen hängend durch den leeren Raum der Kuppel nach oben schwebt und in weniger als einer Minute die Aussichtsplattform auf 85 Metern Höhe erreicht. Der Blick, der sich dort oben bietet, ist von schlichter Überwältigung: Unter einem die geometrisch exakten Dächer der Wohnviertel, östlich die bewaldeten Hügel mit der Superga-Basilika, und im Halbrund des Nordens und Westens der majestätische, im Mai noch schneebedeckte Alpenbogen, der die piemontesische Hauptstadt wie eine gewaltige steinerne Kulisse umschließt.

Epilog am Fluss: Der Blick auf den Gral

Am Abend führen die Stufen hinunter zur Piazza Gran Madre di Dio, dem von der Abenddämmerung sanft umhüllten Platz am rechten Ufer des Po, wo die Kirche gleichen Namens wie ein neoklassizistisches Echo des römischen Pantheons über dem Fluss thront. Direkt vor der großen Freitreppe steht das kolossale Marmorstandbild König Viktor Emanuels I. von Sardinien-Piemont — ein fast zehn Meter hohes Werk des Bildhauers Giuseppe Gaggini, 1869 auf Geheiß Viktor Emanuels II. vollendet. Er blickt würdevoll über den Fluss und weist — entgegen mancher esoterischer Fremdenführer — mit seiner Hand keineswegs den Weg zum Gral. Die wahre Legende verdichtet sich seitlich der Freitreppe um zwei allegorische Frauenfiguren des Bildhauers Carlo Chelli, geschaffen 1828: links die Fede, die Allegorie des Glaubens — eine Gestalt, die in der rechten Hand ein aufgeschlagenes Buch hält und mit der linken einen Kelch gen Himmel hebt. In der Esoterikszene gilt diese Figur als weit mehr als eine bloße Personifikation: Einer hartnäckigen Überlieferung nach stellt sie die Jungfrau Maria dar, die den Heiligen Gral hält — und die Geometrie ihrer Blickachse sowie die Anlage der gesamten Treppenanlage sollen den Weg zum Versteck des legendären Kelches irgendwo unter dem Boden Turins weisen. Ob Legende oder Spiegelung eines tieferen Sehnsuchtsmusters — die Frage bleibt offen, und die Statue schweigt.
Während ich hier am Flussufer stehe, wird in dieser rätselhaften steinernen Sehrichtung die tiefe Sehnsucht einer Epoche spürbar, die im Übergang zum industriellen Kapitalismus nach metaphysischem Halt suchte. Es ist faszinierend zu verstehen, wie wir Menschen immer wieder aufs Neue versuchen, unseren Lebenssinn sowohl emotional als auch rational zu begreifen und in den geheimnisvollen Symbolen der Vergangenheit eine Antwort auf die eigene Vergänglichkeit zu finden.

Vom Fuß dieser Treppe führt der Ponte Vittorio Emanuele I über den träge glitzernden Po hinüber — eine Brücke, die zwei Welten verbindet: das stille, leicht entrückte Borgo Po auf der einen Seite und das goldene, abendlich erleuchtete Panorama der Piazza Vittorio Veneto auf der anderen, der größten vollständig von Arkaden gesäumten Piazza Europas. Eine barocke Raumkomposition, in der sich Säulengänge, weite Pflasterflächen und das ferne Leuchten der Stadtlichter zu einer Szene von fast theatralischer Vollkommenheit fügen. Man folgt dem Blick der Glaubensfigur unwillkürlich, sucht den Fluchtpunkt jenseits des Wassers — und blickt genau in die Schaufenster der historischen Kernstadt, dorthin, wo die Realität so herrlich vernünftig geordnet ist.
Hier liegt das eigentliche, kulturhistorisch scharfsinnige Augenzwinkern dieses Ortes. Die Statue blickt starr an der Magie vorbei und fixiert mit steinerner Nüchternheit den städtebaulichen Verstand der Savoyer. Es ist, als wolle sie sagen: Der Gral ist eine hübsche Geschichte für das Tourismus-Marketing, aber die wahre Erleuchtung liegt in der Geometrie. Turin lockt den Esoteriker mit dem metaphysischen Mysterium und erlöst ihn am Ende mit einem perfekt geschichteten Bicerin — dem Dreiklang aus heißem Espresso, flüssiger Schokolade und kühler Sahne, den das Caffè Al Bicerin seit seiner Gründung im Jahr 1763 an der Piazza della Consolata mit der rituellen Andacht einer säkularen Messe serviert. Hier wird das Übernatürliche nicht angebetet, sondern flüssig konsumiert; man trinkt das Geheimnis und zahlt diskret an der Kasse.

Die wahre Alchemie dieser 850 000 Einwohner-Kommune liegt ohnehin tiefer: Es ist die feinsinnige Dialektik, mit der Turin die wuchtige, monolithische Schwere seiner Industriemoderne in die schwebende Eleganz einer urbanen Kulturform überführt. Ein Gemeinwesen, dessen kollektives Gedächtnis so tief von der unerbittlich rationalen Taktung der FIAT-Fließbänder geprägt wurde, bedarf keiner okkulten Geisterbeschwörungen — es transformiert den funktionalen Übergang vom Tag zur Nacht schlicht in das weltliche, fast sakrale Abendritual des Aperitivo. Mit der Erfindung des Wermuts schenkte Antonio Benedetto Carpano 1786 der Erschöpfung des frühen Industriezeitalters eine philosophische Zäsur: einen kultivierten Schwebezustand zwischen Pflicht und Muße, in dem der kühle Verstand des Arbeitstages im bitteren Kräuteraroma des Abends verraucht. Das Museo del Cinema setzt diesem Prinzip die Krone auf, indem es das Spiel mit der optischen Täuschung mitten in Antonellis kühner Kathedrale des Backsteins zur höchsten Kunstform adelt. Die Einheimischen lächeln über die Mythen vom Teufel mit dem typisch piemontesischen Understatement, das genau ahnt: Das einzig unumstößlich Metaphysische, das Turin wirklich beherrscht, ist die Verwandlung des Alltäglichen ins Vollkommene — eine Disziplin, die diese Stadt seit den Savoyern kultiviert: als innere Gewissheit, dass Schönheit keine Geste braucht, um zu wirken.

Wer aus der politischen Wiege eines ganzen Staates abreist — aus dem Ort, an dem das Risorgimento seine erste Hauptstadt fand und ein geeintes Italien seinen Anfang nahm —, begreift erst unterwegs, was er mitgenommen hat: einen Lichtwinkel auf Backsteinfassaden, den Nachhall von Kakao und geröstetem Kaffee, das langsam aufgehende Bewusstsein, dass diese einstige Savoyer-Residenz eine andere Wesensart besitzt als alles, was danach kommt — dichter, doppelbödiger, mit einem Untergrund, der weiterarbeitet, lange nachdem man gegangen ist. Sonnenlicht und Schattenwurf, Ratio und Irrationalität, Barock und Industrie, Nietzsche und der Gral — hier sind es keine Gegensätze, die sich ausschließen, sondern Sedimente, die sich überlagern und gemeinsam den eigentümlichen Aggregatzustand erzeugen, der einen schon beim ersten Schritt unter die Arkaden erfasst und nicht mehr loslässt. Es ist das Porträt einer einstigen Kapitale, die in ihrer feinen Balance aus Ratio und Mythos das Unnahbare sucht und es letztlich mit absoluter, weltlicher Akkuratesse in der schmelzenden Symmetrie eines einzigen Gianduiotto findet.

In diesem legendären Produkt - eine der berühmtesten Pralinen der Welt - schmilzt das Turiner Paradoxon buchstäblich auf der Zunge: ein samtiges Konfekt aus Kakao und der edlen piemontesischen Langa-Haselnuss, dessen charakteristische Form eines umgedrehten kleinen Bootes — einem eleganten Schiffskiel ähnlich — wie eine städtebauliche Signatur anmutet. Es ist das kulinarische Dekret der einstigen Königsstadt: die vollendete Kunst, das Unfassbare und Rauschhafte des Mythos formvollendet zu bändigen, barock zu rahmen und im diskreten Understatement eines einzigen, unendlich schmelzenden Moments aufgehen zu lassen.

Text / Fotos: Daniel J. Basler

Reise-Infos und Tipps

Hilfreiche Auskünfte zur Region Piemont, zur Metropolregion Turin, ihrer Geschichte und Kultur, den vielfältigen kulinarischen Spezialitäten und den historischen Residenzen und attraktiven Ausflugszielen ihrer Umgebung finden sich auf folgenden Webseiten:

www.turismotorino.org/en/, www.italia.it/de/piemont/turin, www.visitpiemonte.com/ , www.visitpiemonte.com/en/outdoor-experience, www.italia.it/de/piemont, www.turismotorino.org/en/visit/things-to-do-and-things-to-see/food-and-wine/traditional-dishes, www.italia.it/de/piemont/erlebnisse-und-sehenswertes/das-piemont-ist-eine-aussergewoehnliche-werkstatt-fuer-produkte--die-alle-genossen-und-getrunken-werden-koennen und www.visitlmr.it/de/was-zu-erleben/routen/staedtische-routen/alba

Ausgewählte historische Cafés und Patisserien

Caffé San Carlo: www.costardibros.it/caffe-san-carlo-torino/

Stratta – Torino 1836: www.stratta1836.it/en/

Baratti & Milano: www.barattiemilano.it/caffe-baratti

Mulassano: www.caffemulassano.com/

Al Bicerin: www.bicerin.it/

Bedeutende Sehenswürdigkeiten

Museo Nazionale del Risorgimento Italiano: www.museorisorgimentotorino.it/

Ägyptisches Museum: www.museoegizio.it/en/

Mole Antonelliana und Nationales Filmmuseum: www.museocinema.it/it/museo-e-fondazione-ma-prolo/mole-antonelliana

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