Fußnote
Sturm im Eisbecher

Die Fastenzeit ist kein Zuckerschlecken für mich. Und da bis Ostern die Zeichen noch auf Verzicht stehen, wurde ich auch noch nicht mit den diesjährigen Preisen in Eisdielen konfrontiert. Doch skandalöse Nachrichten aus Tübingen haben mich nun aus meinem Dornröschenschlaf gerissen. Der Donnerhall war in ganz Baden-Württemberg zu hören und schreckte sogar die Beamten des Wirtschaftsministeriums auf. Denn in der Universitätsstadt wurde der Preis eiskalt auf 1,50 Euro pro Kugel erhöht.
Wenn in Tübingen der Durchschnittspreis zuvor aber bei 1,20 Euro lag und zeitgleich drei Eisdielen auf satte 1,50 Euro erhöhen, dann ist sogar OB Boris Palmer verblüfft. Bestimmt war er das schon, als sich Schüler bei ihm im Ratshaus darüber beschwerten. Als eine Woche später dann in Medien stand, dass sich drei Eisdielenbesitzer möglicherweise preislich abgesprochen hätten, konnte der wackere Politiker nicht mehr an sich halten. Via Facebook redete er ihnen ins Gewissen. Und weil der OB glaubt, dass Italiener zwar das beste Eis machen, aber "das deutsche Wettbewerbsrecht anscheinend nicht" kennen, gab er ihnen gleich den guten Ratschlag mit, das Ganze zu überdenken: "Sonst macht es womöglich das Kartellamt und verhängt auch noch Strafen." Ui, ui, ui, da hat Politlöwe Palmer ja mal wieder einen Brüller losgelassen. Ob er wohl auch seine Runden durch die Tankstellen macht, wenn diese mal wieder in stillem Einvernehmen die Benzinpreise erhöhen?
In der Ortenau, so wurde mir von Kollegen versichert, liegt die Kugel Eis zwischen 1,10 und 1,20 Euro. Bestimmt schauen die Eisdielenbesitzer hier alle eingeschüchtert nach Tübingen und warten atemlos ab, was die Landeskartellbehörde unternimmt. Wen diese im Visier hat, der kann sich nämlich warm anziehen. Das Wirtschaftsministerium hat sogar schon angekündigt, dass die betroffenen Betreiber jetzt schriftlich angehört werden. Das klingt nach gefährlicher Entschlossenheit. Immerhin handelt es sich um einen Präzedenzfall im Ländle. Bislang gab es Preisabsprachen unter Gastronomen hier wohl noch nicht. Zumindest wurden sie noch nicht behördlich angeprangert.
Ich persönlich finde schon 1,20 Euro für eine Kugel eine Menge Geld. Da ich aber gutes hausgemachtes italienisches Eis aus hochwertigen Produkten sehr liebe, würde ich auch 1,50 Euro dafür bezahlen. Egal, was es für Absprachen in der Genuss-Gastronomie gibt, die Kunden entscheiden letztendlich trotzdem, was sich durchsetzt. Da können sich OBs und Kartellbehörden den Sturm im Eisbecher ruhig sparen.
Anne-Marie Glaser

Autor:

Anne-Marie Glaser aus Offenburg

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