Fußnote, die Glosse im Guller
Ein Küsschen für Tante Lotti

Im Augenblick winken wir uns zur Begrüßung nur freundlich zu. Händeschütteln ist absolut tabu. Dabei wäre es einigen lieb, wenn dies selbst nach Corona so bleiben würde. Denn sie finden die Berührung mit feuchten Schweißhänden, von denen man gar nicht wissen will, was sie vorher angefasst haben, grundsätzlich ekelig.

Händedruck und Charakter

Mancher glaubt ja, am Händedruck lasse sich das Wesen eines Menschen erkennen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Seit ich das weiß, bemühe ich mich trotzdem um eine angenehme Festigkeit, die aber nicht des anderen Finger zerquetscht. Dies ist laut Hobbypsychologen ein Indiz für eine aufrechte Persönlichkeit. Mag sein, dass ich einen fragwürdigen Charakter habe. Allerdings bin ich nicht so blöd, diese Info jedem sofort in die Hand zu geben.

Knicks und Diener

Übrigens war in meiner Kindheit ein fester Händedruck bei Frauen eher verpönt. Mädchen wurde eingebläut, sie müssten niedlich sein. Bei der Begrüßung von Erwachsenen reichten wir ein lasches Händchen und vollführten sogar einen Knicks. Buben durften fester zudrücken und machten einen Diener. Aus heutiger Sicht ist das vielleicht etwas befremdlich, aber es ging noch schlimmer. Mein absoluter Horror war als Kind, wenn es hieß: Gib der Tante Lotti ein Küsschen. Halleluja, wenn einem dann nur eine Wange hingehalten wurde. So manche Tante Lotti nutzte aber auch die Gelegenheit, arme Kinder an ihren üppigen Busen zu drücken, der nach Kölnisch Wasser roch. Denn 4711 war der Duft der gepflegten Frau in den 60er-Jahren. Anschließend wurden die armen Würmchen sehr feucht abgeknutscht, was entsprechend rote Lippenstiftabdrücke im zarten Kindergesicht hinterließ. Wenn es ganz übel lief, holte Tante Lotti ihr Spitzentaschentuch hervor, spuckte drauf, um dann die Spuren ihrer Schreckenstat zu entfernen.

Lieber Onkel

Onkels, so wurden selbst Männer genannt, mit denen man gar nicht verwandt war, kniffen Kindern dagegen gerne in die Wange. Das galt früher durchaus als liebevolle Geste, obwohl es oft schmerzhaft war. Wer als Knirps solche Begrüßungshöllen durchlebte, den kann kein noch so feuchter Händedruck mehr erschrecken.

Schuhspitzen und Ellbogen

Ich persönlich fände es schade, wenn Händeschütteln aus der Mode käme. Sich mit den Schuhspitzen anzutippen, ist mir zu unpersönlich. Außerdem fehlt mir in Pumps auf einem Bein schlicht die Standfestigkeit. Und das Anstupsen mit den Ellbogen erscheint mir alles andere als hygienisch, wenn jeder in seine Armbeuge niest und hustet. Da mache ich mir lieber die Hände schmutzig, denn die sind schnell gewaschen.
Anne-Marie Glaser

Autor:

Anne-Marie Glaser aus Offenburg

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