Fußnote, die Glosse im Guller
Scheinheilige Empörung

An der Fleischtheke: Ein Kunde möchte gerne Schweineschnitzel. Bei der Kaufentscheidung sind ihm verschiedene Punkte wichtig, die er dem Metzger mitteilt. So soll nicht irgend eine arme Sau in seiner Bratpfanne landen, sondern das Fleisch eines glücklichen Schweines aus der Region.

Glückliches Schweineleben

Es soll sein Leben in einem großen, hellen Stall mit Freigelände gemeinsam mit einigen wenigen Artgenossen verbracht haben. Sein Speiseplan war abwechslungsreich und bestand aus Eicheln, Bucheckern, Getreide, Heu sowie ab und zu einem Sträußchen Petersilie als besonderen Leckerbissen. Weil so ein glückliches Schwein pumperlgsund ist, hat es nie Antibiotika bekommen. Wenn dann die vorab festgelegte Stunde des Todes naht, führt der Bauer das Tier in eine mobile Schlachtkabine, singt ihm leise Wiegenlieder ins Ohr und streichelt ihm beruhigend über die Borsten, bis der Schlachter mit sanfter Hand dem glücklichen Leben ein Ende setzt.

Fröhliche Metzgerburschen

Anschließend wird das Tier von fröhlichen, übertariflich bezahlten, einheimischen Metzgersburschen zerlegt, die jeder für sich in einer luxuriösen Penthauswohnung leben. Auf dem Nachhauseweg können sie umweltfreundlich auf dem Fahrrad mit Kühlanhänger das Fleisch gleich beim Metzger abliefern.

Billige Fleischprodukte

Genau so ein Schweineschnitzel möchte der Kunde gerne kaufen. Dann entscheidet er sich aber letztendlich doch lieber für ein Stück Fleisch, das aus einem Mastbetrieb mit Massentierhaltung aus größerer Entfernung stammt und in einem Großschlachthof von osteuropäischen Arbeitern mit Werksvertrag in pfannengerechte Portionen gebracht wurde. Die kosten im Sonderangebot nämlich nur 5,55 Euro das Kilo.

Größter Schlachtbetrieb

Der aktuelle Corona-Ausbruch im größten deutschen Schlachtbetrieb sorgt mal wieder für Aufregung über die Schattenseiten billiger Fleischpreise – diesmal konkret die Unterbringung von Arbeitern. Als ob dies bislang unbekannt gewesen wäre. Es wird halt nur gerne verdrängt.

Schnelles Vergessen

Natürlich kann der Kunde durch bewusstes Kaufverhalten Einfluss nehmen. Aber machen wir uns doch nichts vor: Der Preis ist in der Realität für manchen entscheidend. Warum das so ist, dafür gibt es viele Gründe. Ich werde hier bestimmt nicht den Moralapostel spielen. Aber diese regelmäßige kollektive Empörung, wenn wir mal wieder mit unschönen Realitäten konfrontiert werden, finde ich scheinheilig. Zumal diese schnell wieder vergessen ist.
Anne-Marie Glaser

Autor:

Anne-Marie Glaser aus Offenburg

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