Der Kehler Wald und die Hitze
Eiche steht im Saft, Bergahorn stirbt ab
- Markus Gutmann, Revierförster im Kehl Wald, vor einem der Setzlinge, die durch Röhren vor Verbiss geschützt werden.
- Foto: Stadt Kehl/Annette Lipowsky
- hochgeladen von Christina Großheim
Kehl (st) Das Bild könnte kontrastreicher kaum sein: Stämme mit aufgerissener Rinde, kahle Äste, und wo noch Laub hängt, ist dieses gelb und welk. Direkt daneben ein dichtes Blattkleid aus sattem Grün. So stehen sich Bergahorn und Eiche im Bodersweierer Wald nach einem Hitzesommer gegenüber, in dem der Niederschlag seit April weitgehend ausgeblieben ist, so die Stadt Kehl in einer Pressemitteilung. Für Markus Gutmann, Revierförster im Kehler Wald, ist dies ein weiteres Zeichen dafür, dass der Aufbau eines Mischwaldes mit mehreren Baumarten vorangetrieben werden muss, damit der Wald im Klimawandel bestehen kann.
Verlierer des Sommers
Der Bergahorn gehört für Markus Gutmann, der sich seit inzwischen 20 Jahren um den Kehler Wald kümmert, eindeutig zu den Verlierern. Schon das Wort „Berg“ in seinem Namen deutet an, dass der Baum in der Rheinebene nicht unbedingt gut aufgehoben ist. Im Bergwald wurzelt er in lockerem Boden und in Rinnen mit sauerstoffreichem fließendem Wasser, beispielsweis an Rändern von Bächen. Im Auenwald dagegen wird ihm Staunässe in lehmigem Boden teilweise zum Verhängnis. Lässt die Hitze im Wald die oberen Bodenschichten austrocknen, kann er das Wasser in tieferen Bereichen nicht erreichen. Zuerst verliert er sein Laub, die Äste verdorren, die Rinde reißt auf, der Baum stirbt. „Wenn wir die toten Bäume in diesem Winter entnehmen“, sagt Markus Gutmann, „dann taugen sie noch als gutes Brennholz“. Aber auch mit ungewöhnlich regenreichen Jahren, wie es 2024 und 2025 waren, oder den im Auenwald üblichen Überflutungen kommt der Bergahorn nicht zurecht.
Damit die Bergahorne, welche die Sommerhitze nicht überlebt haben, noch fürs Kaminfeuer genutzt werden können, werden die Waldarbeiter über den Winter etliche Exemplare im Bodersweierer Wald fällen. Weil diese Baumart überdurchschnittliche viele Samen produziert und schnell wächst, sind die Forstarbeiter ohnehin damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass sie im Wald nicht dominiert. Der Bergahorn wächst schnell und „das Holz ist wertvoll“, weiß Markus Gutmann, aber in der Rheinebene fehlen ihm Klimaresistenz und Resilienz.
Verschiedene Baumarten erwünscht
Mindestens fünf oder sechs, am liebsten aber zehn verschiedene Baumarten wünscht sich der Förster im Wald. Neben der natürlich gewachsenen Stieleiche, die mit ihrer Pfahlwurzel Wasser aus tiefen Bodenschichten holt und der Nässe im Oberboden nichts anhaben kann, „sind auch Erle, Ulme, Hainbuche, Schwarznuss, Spitzahorn, Tulpenbaum, Linde, Kirsche und Pappel wertvolle Bäume für den Auenwald“. Damit die aber eine Chance haben, müssen sie da, wo sie durch Naturverjüngung nach oben kommen, freigepflegt werden, wie es in der Fachsprache heißt. Für den Laien übersetzt, bedeutet dies, dass die Waldarbeiter an solchen Stellen kleine Bergahorne gezielt entnehmen, um die anderen klimastabileren Baumarten zu fördern. Mindestens kniehoch müssen die anderen Emporkömmlinge sein, um nicht von dem schnell wachsenden Bergahorn verdrängt zu werden.
Nachpflanzungen versucht Markus Gutmann möglichst nur auf kleinen Flächen umzusetzen, weil diese der Witterung in besonderer Weise ausgesetzt sind. Die kleinen Bäumchen in ihren Röhren, die sie vor Wildverbiss schützen, stehen auf den Pflanzflächen voll im Licht und waren damit der intensiven Sommersonne schutzlos ausgesetzt. Das Ergebnis: Vier von fünf im März 2026 im Bodersweierer Wald ausgebrachten Baumsetzlingen sind abgestorben. Ganz anders stellt sich die Lage auf einer nur etwa hundert Meter entfernten Fläche dar: Mehr als 90 Prozent der Jungbäume unterschiedlicher Arten haben die Hitzeperiode wohl unbeschadet überstanden. Für Markus Gutmann liegt die Erklärung auf der Hand: Sie sind im regenreichen Vorjahr gepflanzt worden und „konnten mit vollem Akku in den heißen Sommer starten“.
Wasserbedarf über Regen decken
Was für die Nachpflanzungen im Besonderen gilt, ist für den gesamten Baumbestand im Wald wichtig: 80 Prozent ihres Wasserbedarfs decken die Bäume über den Regen, der in den Wintermonaten und im Frühjahr fällt. Weil das zwei Jahre hintereinander gut funktioniert hat, stellt Markus Gutmann im Kehler Wald – vom Bergahorn und den frischgesetzten Jungbäumchen abgesehen – kaum Hitzeschäden fest. Das kann sich allerdings schnell ändern: Sollte es über den Winter zu wenig regnen und der nächste Sommer wieder heiß werden, könnte der Wald in einen ähnlichen Trockenstress geraten, wie das 2018 und 2019 der Fall war. „Da war es auch so, dass im zweiten Jahr deutlich mehr Bäume zu Schaden kamen und abgängig waren als im ersten“, erinnert sich Markus Gutmann.
Weil aber die heißen und trockenen Sommer durch den Klimawandel zunehmen werden, ist aus seiner Sicht die Anpassung des Kehler Waldes zu einem vielfältigen Mischwald umso dringlicher. Vielfalt bedeutet zum einen, durch zielgerichtete Pflege Monokulturen zu verhindern und die Naturverjüngung gewünschter Baumarten zu unterstützen, zum anderen geht es aber auch um „die Lichtdosierung“ wie Markus Gutmann formuliert. „Wir sind hier in Bodersweier in der glücklichen Situation, dass wir häufig gemischte Bestände haben, mit Stieleiche, mit Hainbuche, teilweise mit Spitzahorn.“ Diese Struktur sorgt, verbunden mit dem regelmäßigen Durchforsten durch das Waldarbeiterteam, dafür, dass ein leicht durchbrochenes Blätterdach entsteht. Für Markus Gutmann die Idealform des Waldes: Durch die Lücken gelangt der Regen auf den Waldboden, gleichzeitig wird die Sonneneinstrahlung so dosiert, dass sich Jungbäume ansamen und Sträucher sich entwickeln, die den Boden gut durchwurzeln, ihn vor Austrocknung schützen und die Wasserführung ermöglichen. Durch die Schattenwirkung bleibt das Waldökosystem und der Waldboden lange deutlich kühler und feuchter.
Während dies für den gesamten Kehler Wald gilt, bringt Markus Gutmann das Ziel für den auf Bodersweierer Gemarkung gelegenen Teil so auf den Punkt: „Dass wir hier eine Mischung reinbekommen, so dass möglichst jeder zweite Baum eine andere Baumart ist als der Bergahorn.“ Hier sieht der Förster auch die Jäger mit in der Pflicht: Sie müssten dafür sorgen, „dass auf solchen neuralgischen Flächen die Verbissbelastung an die natürlichen Verhältnisse angepasst ist und sich viele verschiedene Baumarten ansamen und aufwachsen können.




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