Einsatz für die Natur
Vierbeinige Landschaftspfleger

Die Ziegen klettern sogar an Baumstämmen hoch, um auch den Efeu in den Baumkronen zu erreichen.
  • Die Ziegen klettern sogar an Baumstämmen hoch, um auch den Efeu in den Baumkronen zu erreichen.
  • Foto: Stadt Kehl
  • hochgeladen von Rembert Graf Kerssenbrock

Kehl (st). Sie fressen mit Vorliebe stachelige Brombeerranken, alles überwuchernden Efeu oder nicht heimische Pflanzengattungen wie die Amerikanische Goldrute und tragen auf diese Weise zum Erhalt einer Kulturlandschaft bei: Eine Herde Ziegen und sieben Rinder betreiben derzeit Landschaftspflege im Naturschutzgebiet Sundheimer Grund und halten die ehemalige Streuobstwiese auf natürliche Weise von verholzten Sträuchern und krautigem Dickicht frei. Seltene Pflanzen- und Tierarten bekommen dadurch die Möglichkeit, sich wieder auf dem knapp zwei Hektar großen Areal anzusiedeln.

„Das ging jetzt schneller als gedacht“, erklärt Landschaftsökologe Jochen Bresch von der BHM Planungsgesellschaft mbH schmunzelnd, während er die 25 Burenziegen, vier Zwergzebus und drei Galloway-Rinder dabei betrachtet, wie sie beflissen an Blättern und Halmen knabbern, kopfschüttelnd kleine Mücken vertreiben oder gemütlich im Schatten dösen. Denn die großflächig abgegrasten Bereiche zwischen dem dichten Gestrüpp beweisen, wie effizient die vierbeinigen Landschaftspfleger sind.

Fressen für mehr Artenvielfalt

Die Tiere befinden sich seit zwei Wochen auf der ehemaligen Streuobstwiese. Noch mindestens bis Anfang Juli sollen sie dort die Vegetation abfressen, damit wieder mehr Licht an den Boden gelangt und eine größere Artenvielfalt entstehen kann. Denn die Ziegen und Rinder fressen nicht nur Gras und Laub, sondern auch dominante Pflanzen wie die Amerikanische Goldrute oder Indisches Springkraut, welche die heimische Flora verdrängen.

„Ungefähr 15 bis 20 Arten weist das Areal derzeit auf“, schätzt Jochen Bresch. Ziel sei, dass sich diese Zahl mit der Zeit mindestens verdopple und auf der Streuobstwiese auch wieder seltene Orchideenarten wie das Helmknabenkraut oder Stauden wie die Wiesenflockenblume zu finden seien. Würde man die Fläche einfach mähen, könnten die dominanten Pflanzen schnell nach oben wuchern. Seltene Arten, die häufig konkurrenzschwach seien und viel Licht bräuchten, stünden dann wortwörtlich im Schatten der unerwünschten Gewächse und hätten keine Chance zu wachsen.

Schonendste Form der Beweidung

Die Ziegen und Rinder dagegen hielten die Fläche frei, indem sie die unerwünschten Pflanzen schwächen. Gleichzeitig sei diese Form der Beweidung auch am schonendsten für die Tierwelt.
„Die gewöhnliche Mahd schneidet alles auf einmal weg und beseitigt so beispielsweise auch Ameisenhaufen und kleine Wurzelstöcke, in denen Insekten leben“, bestätigt die städtische Umweltreferentin Sarah Koschnicke. Für die Tierwelt so wichtige Totholzstapel müssten zudem vorher weggeräumt werden, damit der Mäher durchkomme. Vögel und Insekten würden dadurch auf einen Schlag Nahrung und Rückzugsort genommen. Ganz im Gegensatz zur Beweidung.

„Die Tiere fressen um die Holzstapel herum und zupfen praktischerweise sogar die Pflanzen im Inneren heraus“, sagt Jochen Bresch. Wolle man dort den gleichen naturschützerischen Wert halten, müsse man diese sonst aufwändig mit der Hand entfernen, damit sie das Holz nicht nach und nach komplett überwucherten. Außerdem ließen die Rinder und Ziegen überall kleine Weidereste stehen, sodass die Tierwelt ausreichend Ausweichfläche habe.

Mit etwas Glück könnten sich in dem Naturschutzgebiet so auch wieder seltene Vogelarten wie der Wendehals oder der spektakulär aussehende Wiedehopf ansiedeln. „Der Gartenrotschwanz hat die Weide schon entdeckt und brütet in einem der Nistkästen“, freut sich Jochen Bresch. Bei seinen Rundgängen über das Gelände hält der 53-Jährige regelmäßig Ausschau nach weiteren Neuankömmlingen, auch wenn er weiß, dass es noch einige Jahre dauern kann, bis sich die Tier- und Pflanzenwelt komplett regeneriert hat.

„Ich muss mir die Fläche ja sowieso anschauen und überprüfen, wie lange die Weide noch Futter bietet“, erklärt er. Der passionierte Landschaftsökologe oder einer seiner Mitarbeiter sieht jeden Tag nach seinen Tieren, um sicherzugehen, dass es ihnen an nichts fehlt und alle wohlbehalten sind. „Als erstes zählen wir immer durch, die Ziegen sind ziemlich findig im Ausbüchsen“, lacht er.

Da Ziegen von Natur aus unglaublich neugierig seien, fänden sie jedes noch so kleine Schlupfloch.
„Ich rechne damit, dass es noch zwei bis drei Wochen dauert, bis die Tiere mit der Fläche fertig sind“, schätzt er. Danach geht es auf die nächste Weide, wo die Ziegen und Rinder fleißig ihrer Arbeit als vierbeinige Landschaftspfleger nachgehen dürfen.

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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