„Kehl erinnert sich“
Zeitzeugen-AG erzählt 35 Jahre Zeitgeschichte

Schüler kommen direkt mit Zeitzeugen ins Gespräch.

Kehl (st). „Kehl erinnert sich“, so lautet der Titel einer Internetseite der Kehler Zeitzeugen-AG. Erinnern, das tun hier rund 150 Interview-Partner, die Weimarer Republik, das NS-Regime, den Zweiten Weltkrieg und den anschließenden Wiederaufbau miterlebt haben. In rund 16 Stunden Hörmaterial sprechen sie über Krieg, Flucht, Ausgrenzung und Vertreibung, erzählen aber auch persönliche Alltags- und Familiengeschichten. Oral-History-Portal nennt sich das Projekt und ist entstanden in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und dem Hanauer Museum.

35 Jahre Zeitgeschichte, aufgeteilt in fünf Abschnitte und 147 Kapitel, bietet die Internetseite ihren Nutzern. „Jedes Kapitel hat einen eigenen thematischen Schwerpunkt und kombiniert die Stimmen zahlreicher Zeitzeugen zu einer Collage“, erläutert Lehrer Uli Hillenbrand, der die Zeitzeugen-AG am Einstein-Gymnasium betreut. Dadurch zeige das Projekt auch, wie ambivalent, subjektiv und komplex Erinnerungen sein können.

Die Zeitzeugen-Interviews sind allerdings nicht in erster Linie für die Homepage entstanden. Aus dem Rohmaterial – aufgenommen zwischen 2016 und 2019 – sind im Laufe des Projekts drei Hörbücher entstanden, die sich über die Jahre 1919 bis 1953 erstrecken, berichtet Uli Hillenbrand. Erst in einem nächsten Schritt sei das gesammelte Material digitalisiert worden und solle nun einen breiteren, unkomplizierten Zugang zu einem Stück Kehler Stadtgeschichte ermöglichen.

Entworfen wurde das Portal von Niklas Achauer, Schüler am Einstein-Gymnasium. Die Internetseite ergänzt die Tonaufnahmen um Bilder und weitere Informationen. „Es war auch eine gute Gelegenheit für Niklas Achauer, seine Fähigkeiten im Web-Design einzubringen“, berichtet Lehrer Uli Hillenbrand. Finanziell unterstützt wurde das Oral-History-Portal durch die Bürgerstiftung Kehl.

Bei der Suche nach Zeitzeugen, die mit Schülern über ihre Vergangenheit sprechen wollten, half Dr. Ute Scherb aus dem Hanauer Museum. Die Leiterin des Museums sowie des städtischen Archivs schätzt den historischen Wert des Schülerprojekts als sehr hoch ein. „Unsere Aufgabe ist es, Informationen über Geschichte zu sammeln und zu überliefern. Zeitzeugenberichte sind eine wichtige Ergänzung, die, anders als die Hinterlassenschaften der Verwaltung, individuelle Erfahrungen und Stimmungen widerspiegelt“, sagt Dr. Ute Scherb. Weil Zeitzeugenaussagen stets meinungsgefärbt sind und die Erinnerung durchaus trügen kann, ist das Stadtarchiv auch Ansprechpartner für die Schüler, wenn es darum geht, Informationen zu überprüfen. Auszüge aus den Interviews haben es zudem ins Museum geschafft, so zum Beispiel in die Ausstellung „Zwischenzeit“ aus 2016 oder in die Ausstellung zu den Goldenen Zwanzigern in Kehl aus dem vergangenen Jahr.

Zusätzlich unterstützt wird das Schülerprojekt vom Kulturbüro der Stadt. Aus dessen Projektfördertopf hat die AG rund 1.100 Euro erhalten, berichtet Kulturbüro-Leiterin Stefanie Bade. „Die im Rahmen der Zeitzeugen-AG entstanden Tondokumente sind von bleibendem Wert für alle historisch-interessierten Kehler. Zudem machen die beteiligten Schüler während des Projekts wertvolle Erfahrungen. Solche Initiativen unterstützen wir gerne“, erläutert sie. Der Projektförderfonds soll kulturelle Projekte in und für die Rheinstadt fördern. Ein Augenmerk wird hierbei auf kulturelle Bildung gelegt.Zu den finanziellen Unterstützern des Oral-History-Portals zählen ebenso der Historische Verein Kehl sowie der Förderverein des Einstein-Gymnasiums.

Weitere Zeitzeugen-Interviews sind bereits geplant. Anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Gymnasiums wollen Schüler mit früheren Wegbegleitern über dessen Geschichte sprechen. Weil persönliche Treffen mit Schülergruppen derzeit aufgrund der Corona-Situation nicht möglich sind, werden hier noch Alternativen gesucht.

Was ist die Zeitzeugen-AG?

Sie gilt im Einstein-Gymnasium als eines der Aushängeschilder und verfolgt das Ziel, den Schülern Geschichte, auch Lokalgeschichte, näherzubringen. Die Besetzung der Arbeitsgruppe wechselt von Schuljahr zu Schuljahr sowie von Projekt zu Projekt. Zuletzt engagierten sich rund 20 Schüler aus der 8. Klasse sowie der Jahrgangsstufen 1 und 2. „Ich glaube, dass die AG-Schüler Kenntnisse erwerben, die über den normalen Geschichtsunterricht hinausgehen“, sagt Lehrer Uli Hillenbrand. Er beobachtet, dass die Schüler durch den Lokalbezug angeregt werden, sich stärker mit der Gegenwart zu beschäftigen.

Link zur Internetseite

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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