Offensichtlich droht jetzt neuer Ärger
Bahn plant beim Ausbau der Rheintalstrecke Zusatzgleise für superschnelle Intercitys

Die Bahn will Vorfahrt für schnelle Züge.
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Ortenau (mam). Neuer Ärger scheint beim geplanten Bahn-Ausbau der Rheintalstrecke vorprogrammiert. Derzeit sorgen heftige Irritationen betroffener Gemeinden für weiteren Streit mit den Bahnexperten. Der Bundestag hatte nach jahrelangen Interventionen, Gesprächen und Bürgerdruck beschlossen, auf einer Bahn-Teilstrecke zwischen Offenburg und Kenzingen zwei neue Güterbahngleise nicht, wie ursprünglich vorgesehen, durch bisherige Ortschaften verlaufen zu lassen, sondern parallel zur Autobahn A5. Doch jetzt will die Bahn nicht nur die alten Bestandsgleise „ertüchtigen“, sondern daneben eine elf Kilometer lange doppelgleisige Überholstrecke zusätzlich bauen. Das sollte mit der Autobahnparallelen eigentlich gerade vermieden werden. Die Bahn muss ihre zwischen Rotterdam und Genua international genutzte Nord-Süd-Engpass-Magistrale zwischen Karlsruhe und Basel in jedem Falle mit zwei weiteren Gleisen ausbauen, auch um, wie mit der Schweiz staatsvertraglich vereinbart, nach Eröffnung des neuen Gotthardtunnels das vermehrte Güteraufkommen ökologisch sinnvoller auf der Schienen über die Alpen zu bringen.
Dies ist alles seit Jahrzehnten hinlänglich bekannt. Doch der politische Sieg für eine teils autobahnparallele Trassenführung scheint sich jetzt doch noch gegen die betroffenen Gemeinden zu richten. Denn, so bringt die Bahn jetzt überraschend vor, brauche man neben den bisherigen zwei Bestandsgleisen trotzdem zwei weitere zwischen Hohberg und Kenzingen – nicht für Güterzüge, sondern zum „fliegenden Überholen“ des langsamen Regionalverkehrs durch künftig hier laut Bahnplanung mit 210 bis zu 250 Stundenkilometern fahrende Hochgeschwindigkeits-Intercitys.
Für den „Streckenabschnitt 7.2“ südlich von Offenburg sieht Hohbergs Bürgermeister Klaus Jehle darin für die eigene Gemeinde noch kein drohendes Problem. Hier bleibt es bei einer schon bestehenden kurzen Überholstrecke, wo langsamere Züge warten können. Jedoch: „Wir werden trotzdem mit Argusaugen beobachten, was da mit extrem hohen Intercity-Geschwindigkeiten auf uns zukommen könnte.“ Das gilt auch für Lahr mit bislang ähnlich kurzen Ausweichgleisen. Richtig sauer ist Bürgermeister Dietmar Benz in Mahlberg. Da soll nämlich die elf Kilometer lange Doppel-Überholstrecke ab dem Orschweierer Bahnhof Richtung Süden dazugebaut werden, samt entsprechendem Landschaftsverbrauch und mitten durch einen auf Gemeindekosten vor wenigen Jahren zusätzlich angelegten und stets besetzten Parkplatz für Zug-Pendler. Benz versteht die Bahn-Welt nicht mehr: "Ich habe den Eindruck, dass hier eine Strafaktion läuft, weil wir die autobahnparallele Güterzug-#+trasse gegen die Bahnplaner mit guten Argumenten sogar durch den Bundestag bekommen haben." Außerdem sind Benz und Gemeinderat verärgert, dass die Umfahrung einer recht betagten Autobahnraststätte wiederum näher an Wohngebiete heranführen soll, trotz besserer Lösungsvorschläge.
Bei der kürzlichen Aktualisierung des Bundesverkehrswegeplans wurde beschlossen, dass die „Ertüchtigung“ alter Gleise trotz der Autobahnparallelen nötig ist und mit bezahlt wird, mit bewussten Überholgleisen. Erste Pläne dazu liegt nun vor, und das lässt auch Ringsheims Bürgermeister Heinrich Dixa nicht kalt. In seiner Gemeinde harren ohnehin schon spezielle Probleme mit Reisenden auf dem Weg zum Europa-Park auf schmalsten Bahnsteigen einer Lösung. Herbolzheims Bürgermeister Ernst Schilling macht aus seinem Herzen ebenfalls keine Mördergrube: "400 Millionen Euro für eine Überholstrecke auszugeben, die eine ganze Minute Zeitgewinn für die durchrauschenden Intercitys bringt, ist äußerst fragwürdig. Da sollte mal der Bund der Steuerzahler oder Rechnungshof drauf schauen." Auch bei Kenzingens Bürgermeister Matthias Guderjan herrscht eine ähnlich kritische Stimmung. In Kenzingen soll die Überholstrecke enden. Mal ganz abgesehen von den für die Intercitys notwendigen wesentlich höheren Schall- und Sicherheitsschutzwänden vermag er ebenso wenig begreifen, wie Landschaftsverbrauch, höherer Lärm auch durch lautere Stromabnehmer sich mit 400 Millionen Euro Zusatzaufwand für eine Minute Zeitgewinn rechtfertigen lassen sollen.
Die IG Bohr (Interessengemeinschaft Bahnprotest an Ober- und Hochrhein) als schon 2004 gegründetem Zusammenschluss von Bürgerinitiativen gegen die Jahrhundert-Ausbaupläne der Bahntechniker hat sich ebenfalls zu den neuen Geschwindigkeitsideen positioniert. Der BI-Vorsitzende Roland Diehl sagt klar: "Hier soll Geld zum Fenster herausgeworfen werden." Nämlich für einen Geschwindigkeitswahn, der allein schon wegen einer Kurvenführung bei Kenzingen an deutliche Grenzen stieße. Damit verbunden wären auch Brücken-#+erneuerungen und bis zu zehn Meter hohe neue Lärmschutzwände in Ortschaften. Diehl drückt sich dennoch zurückhaltend aus: „Wir wollen sachlich untersuchen lassen, ob die technischen Voraussetzungen stimmen und solche Kosten gerechtfertigt sind.“ Ein entsprechendes Gutachten soll bis zu 60.000 Euro kosten, einschließlich Informationen zur technischen Realisierbarkeit und zum erwartenden Lärm.
Dessen Finanzierung ist schon gesichert, denn bislang sind die Bahn-Anliegergemeinden Lahr, Mahlberg, Ringsheim, Herbolzheim und Kenzingen anteilig mit im Kostenbeteiligungs-Boot. Dazu kommen weitere fünf Gemeinden von südlicheren Bahnabschnitten, etwa Efringen-Kirchen mit seinem strittigen Katzenberg-Güterzugtunnel. Diehl: „Das ist Solidarität am südlichen Oberrhein.“ Erarbeitet wird das Gutachten vom Züricher Ingenieurbüro Basler und Partner. Mahlbergs Bürgermeister Benz: „Es macht keinen Sinn, auf Planfeststellungsunterlagen der Bahntechniker in zwei oder drei Jahren zu warten, wir müssen schon jetzt rechtzeitig aktiv werden und den Finger in die neuen Wunden legen.“

Die Bahn will Vorfahrt für schnelle Züge.
Mahlbergs Bürgermeister kritisiert die Pläne.
Autor:

Anne-Marie Glaser aus Offenburg

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