Paritätischer Wohlfahrtsverband
Dramatischer Anstieg psychischer Erkrankungen
- Wolfgang Dürr, Vorsitzender des Paritätischen Kreisverbands Ortenau und Geschäftsführer von Leben mit Behinderung Ortenau, und Annika Beutel, Regionalleitung Südbaden im Paritätischen Baden-Württemberg.
- Foto: Paritätische Regionalverbund Südbaden
- hochgeladen von Karen Christeleit
Offenburg (st) Anlässlich des Tags der Jugend am 12. August hatte der Regionalverbund Südbaden des Paritätischen Wohlfahrtsverbands seine Mitgliedsorganisationen zu einem runden Tisch eingeladen unter dem Titel „Hinsehen. Handeln. Verbessern. – Die psychosoziale Situation von Kindern und Jugendlichen verbessern“. Die Bilanz der Diskussion mit Vertretern aus kommunaler Verwaltung, der Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie, Schulen und Praxis fällt laut Pressemitteilung alarmierend aus: Psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen deutlich zu. Gleichzeitig werden die Rahmenbedingungen für eine wirksame Unterstützung immer anspruchsvoller, während präventive Angebote angesichts der angespannten kommunalen Haushaltslage und sinkender finanzieller Spielräume für freiwillige Leistungen zunehmend unter Druck geraten.
„Die Einrichtungen der Jugendhilfe erleben täglich, dass die psychosozialen Belastungen von Kindern und Jugendlichen zunehmen“, berichtet Wolfgang Dürr, Vorsitzender des Paritätischen Kreisverbands Ortenau und Geschäftsführer von Leben mit Behinderung Ortenau e. V. „Umso wichtiger ist es, frühzeitig in Prävention zu investieren und die seelische Gesundheit junger Menschen zu stärken, bevor Belastungen zu Erkrankungen werden.“ Dazu gehören eine gut ausgestattete Schulsozialarbeit, die Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern sowie ein altersgerechter und bewusster Umgang mit digitalen Medien. Ergänzt durch niedrigschwellige Unterstützungsangebote und Programme zur Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen kann Prävention Resilienz stärken, Risiken frühzeitig erkennen und langfristig persönliches Leid sowie Folgekosten für das Gesundheits- und Sozialsystem reduzieren.
Daniel Drancourt, Geschäftsführer der Jugendberufshilfe Ortenau e. V. stellt klar: "Was es aus Sicht der Jugendhilfe jetzt dringend braucht, sind einerseits flächendeckende kurzfristig verfügbare therapeutische Angebotsstrukturen für betroffene Kinder und Jugendliche und deren Angehörige. Andererseits aber auch eine regelhafte und formalisierte Öffnung an den Schnittstellen zwischen den Systemen Schule und Jugendhilfe, um im Bedarfsfall möglichst frühzeitig präventiv zu kooperieren und sozialraum- und familienorientiert unterstützen zu können."
Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe
Die Fachkräfte vor Ort berichten von einem eklatanten Zuwachs an psychischen Herausforderungen junger Menschen. Was früher zwei bis drei herausfordernde Fälle pro Jahr waren, ist heute Tagesordnung. Die gestiegenen Anforderungen an die Mitarbeitenden werden dabei durch eine schwieriger werdende Haushaltslage zusätzlich verschärft. Die Herausforderungen für das Personal sind erheblich gestiegen – und das ist auch eine enorme Belastung für die Mitarbeiter, die die Einrichtungen halten möchten, um ihr Angebot stabil zu bewahren. Hier zeigt sich die doppelte Belastung: Mehr psychisch belastete Jugendliche bei gleichzeitig schwieriger werdenden Bedingungen für die Fachkräfte. Zusätzliche Schulungen und psychologisch geschultes Personal sind notwendig – Ressourcen, die in vielen Fällen fehlen.
Fehlende Kapazitäten und lange Wartezeiten behindern wirksame Hilfe
Fehlende stationäre wie ambulante Kapazitäten und lange Wartezeiten führen dazu, dass Jugendliche zum Zeitpunkt der Aufnahme ihrer Therapie nicht mehr an dem Punkt stehen, an dem sie sich Hilfe gesucht haben. Häufig hat sich ihre Situation in der Zwischenzeit verschlechtert.
Politische Rahmenbedingungen verschärfen die Krise
Die Vertreter verschiedener Einrichtungen äußerten tiefe Sorge über die aktuelle politische Entwicklung: Schwierige politische Rahmenbedingungen und mögliche Kürzungen im sozialen Bereich gefährden gegebenenfalls bestehende Angebote und Niedrigschwellige Angebote – oft als freiwillige kommunale Leistungen klassifiziert – sind besonders von Sparmaßnahmen bedroht.
Annika Beutel, Regionalleitung Südbaden im Paritätischen Wohlfahrtsverband, betont: „Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen dürfen niemals Gegenstand von Sparmaßnahmen sein. Ihr Wohl ist keine Frage des Budgets, sondern eine Frage der Menschenwürde und der sozialen Gerechtigkeit. Der Paritätische wird dieses Anliegen mit Nachdruck in die politische Diskussion einbringen.“
Der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg ist konfessionell, weltanschaulich und parteipolitisch unabhängig. Ihm sind in Baden-Württemberg über 940 selbstständige Mitgliedsorganisationen mit insgesamt rund 2.000 sozialen Diensten und Einrichtungen angeschlossen sowie rund 50.000 freiwillig Engagierte und 80.000 Hauptamtliche. Der Regionalverbund Südbaden ist mit gut 330 Mitgliedsorganisationen und -einrichtungen der zweitgrößte Regionalverbund im Paritätischen Baden-Württemberg. Er wurde 2019 von den Kreisverbänden Emmendingen, Freiburg/Breisgau-Hochschwarzwald, Lörrach, Ortenau und Waldshut-Tiengen gegründet. Die mitgliederstärksten Bereiche sind Familie, Kinder, Migration, Bürgerschaftliches Engagement, Selbsthilfe, Gesundheit, Menschen mit Behinderung.






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