Ein Monat nach dem Mord an einem Arzt
Wenn die Normalität noch immer in weiter Ferne liegt

Auch einen Monat nach der Tat liegen Blumen und Kondolenzschreiben vor der ehemaligen Hausarztpraxis.
Auch einen Monat nach der Tat liegen Blumen und Kondolenzschreiben vor der ehemaligen Hausarztpraxis. (Foto: Sebastian Thomas )

Offenburg (set). An einem Donnerstag im August betritt ein Mann aus Somalia eine Arztpraxis in der Offenburger Oststadt. Er geht in ein Behandlungszimmer und sticht auf den Arzt ein. Danach verletzt er eine Praxismitarbeiterin und flüchtet. Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Tatverdächtige gefasst. Ein Monat ist seither vergangen. Noch immer erinnern Kerzen, Blumen und Kondolenzschreiben, abgelegt vor der ehemaligen Praxis, an die Tat.

Flüchtlingshilfe möchte Vertrauen wiederherstellen

"Ich bin noch immer schockiert", sagt Heribert Schramm, Koordinator der Flüchtlingshilfe Rebland. Er fühle mit der Familie des Opfers und auch der verletzten Mitarbeiterin. Der ermordete Mediziner habe viele Flüchtlinge behandelt. Diese müssten sich nun einen neuen Arzt suchen. Dass einer der Ärzte nun Vorbehalte gegen Flüchtlinge habe, sei ihm nicht bekannt.
Dennoch: Um Vertrauen wiederherzustellen, hatten er und sein Team eine Idee: "Wir haben anfangs die Flüchtlinge zu ihren Arztterminen begleitet."

Menschen spenden weiterhin Hilfsgüter

Die Stimmung in der Bevölkerung, so wie er es wahrnimmt, sei trotz allem unverändert positiv: "Die Menschen spenden Hilfsgüter wie bisher", sagt er. Nur die Mahnwache unmittelbar nach der Tat mache ihn nachdenklich: "Die AfD hat das als Vorwand benutzt, um ihre Thesen in die Bevölkerung zu tragen." Auf dieser Demo habe es Menschen gegeben, die zu den Äußerungen geklatscht hätten. Um diesen Menschen keinen Vorschub zu leisten, wünscht er sich zur Vorbeugung mehr Austausch zwischen allen handelnden Akteuren, wie unter anderem der Polizei, Landratsamt und Flüchtlingshilfe.

Chef der Kreisärzteschaft möchte keinen Alarmknopf in seiner Praxis
 

Wie Heribert Schramm ist auch Ulrich Geiger, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Ortenau, von der Tat betroffen. Für ihn komme aber so etwas wie ein Alarmknopf in seiner Praxis nicht infrage. "Dass so eine Tat nochmal passieren kann, dieses Risiko trage ich", sagt er. "Ich könnte so nicht mehr arbeiten, wenn ich ständig Angst hätte. Dafür liebe ich meinen Beruf zu sehr." Diese Haltung habe er auch unter seinen Kollegen erlebt. Die Tat sei schrecklich, der Straßenverkehr sei aber gefährlicher, sagt der Mediziner.

"Ich spüre keinen Unterschied und ich mache auch keinen."

Sein Blick richtet sich eher auf seine Mitarbeiter: "Sie haben es teilweise mit aggressiven Patienten zu tun", sagt er. Daher sei es ihm wichtig, dass Deeskalationstrainings für die Praxen angeboten werden. "Ich möchte in meiner Praxis ein Umfeld schaffen, in dem alle in Ruhe und ohne Druck arbeiten können", erklärt Geiger. Ob sich denn etwas im Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund geändert habe? Bei dieser Frage sagt der Mediziner deutlich: "Ich spüre keinen Unterschied und ich mache auch keinen."

Leiter Polizeirevier: Polizeipräsenz stärkt Sicherheitsgefühl der Bürger

Den sieht auch Simon Schmitt, stellvertretender Leiter des Polizeireviers in Offenburg, nicht. Zumindest was das Verhalten der Bevölkerung angeht. Im Gegenteil: "Die Menschen gehen weiterhin auf öffentliche Veranstaltungen", sagt er. Als Grund führt er die erhöhte Polizeipräsenz an. "Bereits vor dem Mord wurde das Revier durch zusätzliche Kräfte unterstützt. Jedoch wurde deren Anzahl in der Folge nochmals erhöht", erklärt er. "Wir streben an, die zusätzliche Einsatztruppe, bestehend aus acht Beamten pro Tag, bis mindestens Ende 2018 in der Stadt einzusetzen." Sie stärke das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. "Dazu bekommen die Polizeibeamten in Gesprächen mit Bürgern positive Rückmeldungen", sagt Schmitt.

Die Tat vergessen werden die Menschen wohl nie: Vor der ehemaligen Arztpraxis stehen zwischen verwelkten auch frische Blumen. Eine Grabkerze flackert im Wind. Auf einer Beileidsbekundung appelliert der Verfasser in Druckbuchstaben: "Bleibt menschlich und liebt euren Nächsten."

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