An(ge)dacht: Ruth Scholz
Meinungsbildung ist sehr anspruchsvoll

Ruth Scholz

Christen feiern heute den Einzug Jesu in Jerusalem. Im Gottesdienst beschäftigt mich immer wieder der heftige Stimmungswechsel, von dem er gerade in der katholischen Kirche geprägt ist. Während man draußen vor der Kirche „Hosanna“ singt, herrscht drinnen „O Haupt von Blut und Wunden“ vor. Genau diesen Stimmungswechsel hat Jesus innerhalb weniger Stunden erlebt. Während das Volk bei seinem Kommen nach Jerusalem ihn wie einen großen Star feierte, brüllten wohl dieselben Leute kurze Zeit später: „Kreuzige ihn“.

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So sind wir Menschen: Wen wir heute hochjubeln, der wird morgen knallhart fallen gelassen. Etwa Olympiasieger, die ein Jahr später nichts mehr reißen, oder Fußballtrainer, die je nach Leistung ihrer Mannschaft bejubelt oder gefeuert werden. Oft ist dabei die Meinung des Einzelnen gänzlich von der der Gesellschaft bestimmt.

Das scheint mir auch bei der Einstellung gegenüber Politikern sowie bei manchen gesellschaftlich diskutierten Fragen so zu sein. Da gibt es dann oft nur Schwarz oder Weiß, ein komplett dafür oder komplett dagegen. Und man steht allzu leicht in der Gefahr, sich einfach der Mehrheitsmeinung anzuschließen.

Vielleicht könnte uns die Geschichte Jesu lehren, dass Meinungsbildung mehr ist als das Mitschreien der Mehrheitsmeinung und dass es zumeist einen differenzierteren Blick braucht. Dieser wäre schon bei Jesu Kommen nach Jerusalem hilfreich gewesen, denn er, der auf einem Esel ritt, wollte nicht als Star gefeiert werden. Seine Botschaft war: Kehrt um! Geschweige denn war das „Kreuzige ihn“ angemessen, nur weil er den Mächtigen auf die Füße getreten war.

Meinungsbildung ist anspruchsvoll! Ist es mir aber gelungen, dann brauche ich meine Meinung nicht täglich zu wechseln, dann kann ich Argumente abwägen und sogar diejenigen verstehen, die anderer Meinung sind. Und: Ich brauche dann nicht gnadenlos „Kreuzige ihn“ zu rufen, nicht gegenüber Politikern, Sportlern oder Trainern oder gegenüber wem auch immer.

Dr. Ruth Scholz, Dekenatsreferentin Offenburg-Kinzigtal

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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