Fußnote
Geschenke für Kredite

Es gab einmal eine Zeit, da befanden sich in nahezu jedem kleinen Ortsteil in der Ortenau Geldinstitute. Ich rede von richtigen Gebäuden, in denen echte Menschen arbeiteten. Damals trugen selbst Erwachsene am Weltspartag ihre Sparschweine in die Geldinstitute, weil sie wie die Kinder kleine Geschenke bekamen. Der Inhalt wurde auf dem Sparbuch gutgeschrieben. Kein Witz, es gab richtige kleine Büchlein. Darin wurden Ein- und Auszahlungen sowie Zinsen mit der Schreibmaschine eingetragen und der Bankangestellte unterschrieb mit Hand.
Das Sparen lohnte sich übrigens nicht nur wegen der kleinen Geschenke, sondern auch wegen der Zinsen. Sage und schreibe satte 2,5 Prozent gab es mal für Guthaben auf dem Sparbuch. Die Bankberater kannten ihre Kunden oft von Kindesbeinen an, wenn sie wöchentlich drei Mark auf ihr Taschengeldkonto einzahlten. Und sie berieten sie meist immer noch, wenn sie bereits eine Familie gegründet hatten und einen Kredit zum Häuslebau benötigten.
Apropos Häuslebau: Damals schloss nahezu jeder zeitgleich mit dem ersten festen Arbeitsvertrag einen Bausparvertrag ab. Nicht direkt bei den Menschen in den echten Gebäuden, die Geldinstitute in nahezu jedem Ortsteil in der Ortenau unterhielten. Aber diese vermittelten sie in dieser Angelegenheit gerne mit aufmunterndem Lächeln an Partner.
Heute müssen Ortsteile froh sein, wenn es einen Geldautomaten gibt. Die Höhe des Sparguthabens steht auf losen Blättern, die aus Druckern kommen. Und kein Erwachsener wird dafür belohnt, wenn er sein Sparschein in ein Geldinstitut bringt, weder mit Geschenken und schon gar nicht mit üppigen Zinsen. Den Bausparvertrag gibt es aber noch. Allerdings dürfen bestimmte Verträge von den Bausparkassen gekündigt werden. Nämlich dann, wenn schlaue Sparfüchse sie als langfristige Geldanlage nutzen, weil die einst vertraglich vereinbarte Verzinsung höher ist als heute. Ihre empörten Schreie waren nicht zu überhören, als ein Gericht dies jetzt erlaubte.
Ach, das hätte es in der guten alten Zeit nicht gegeben! Oder doch? Waren Banker früher bessere Menschen? Nun, genauso wie das aufmunternde Lächeln lernten sie damals in der Ausbildung auch den bedauernden Blick, einzusetzen bei Ablehnung eines Kredits. Geldinstitute waren noch nie Wohlfahrtsunternehmen. Bei der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank gibt es an Sparern halt nichts mehr zu verdienen – im Gegenteil. Es wird schon gemunkelt, dass der Weltspartag durch den Weltschuldentag ersetzt werden soll. Kleine Geschenke bekommt dann derjenige, der sein Konto überzieht. Die Geldautomaten müssen nur noch mit Geschenkausgabefächern ausgestattet werden. Anne-Marie Glaser

Autor:

Isabel Obleser aus Gengenbach

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