Interview mit IHK-Präsident Dr. Steffen Auer
Ausbildung über Grenzen hinweg

IHK-Präsident Dr. Steffen Auer

Während im Ortenaukreis Fachkräftemangel herrscht, kämpft man auf französischer Seite mit Arbeitslosigkeit. Sie betrifft vorwiegend junge Erwachsene aus Straßburgs benachteiligten Vierteln. Die zögerliche Haltung der Franzosen, sich bei deutschen Firmen zu bewerben, liegt nicht nur an sprachlichen Barrieren, sondern auch an der Unkenntnis der guten Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Das 2016 von der Europäischen Union geförderte Interreg-Projekt hat zum Ziel, dem entgegenzuwirken und grenzüberschreitende Ausbildungs- und Wirtschaftsstrukturen zu fördern. Dazu gehören die Projekte „Ein auf 360 Grad offener Arbeitsmarkt" sowie „Eurostage" (siehe auch unten). Im Gespräch mit Gabriele Ritter betont Dr. Steffen Auer, IHK-Präsident und Unternehmer, die große Bedeutung grenzüberschreitender Zusammenarbeit in Sachen Fachkräftemangel.

Sie wollen die grenzüberschreitende Zusammenarbeit forcieren. Was bringt das den Firmen in der Region in Sachen Fachkräftemangel, gibt es schon positive Ergebnisse?
Wenn man sich die Geographie unserer Wirtschaftsregion vergegenwärtigt, führt an einer engen Zusammenarbeit mit Frankreich kein Weg vorbei. Sonst stehen unseren Betrieben nur 180 Grad an Arbeitsmarkt zur Verfügung. Wir müssen deshalb praktikable Wege finden, wie Fachkräfte aus Frankreich oder Personen, die sich zur Fachkraft ausbilden lassen möchten, dies grenzüberschreitend tun können und damit gleichzeitig einen persönlichen Vorteil daraus ziehen.
Die Suche nach diesen Wegen ist ein zähes Geschäft, das wir aber aus tiefster Überzeugung heraus weiter vorantreiben. Es geht hier um das Image dualer Bildung in Frankreich, um Fragen der formalen Anerkennungsmöglichkeiten von Berufsabschlüssen und so weiter. Ich nehme ein steigendes Interesse der französischen Jugendlichen wahr. Inzwischen haben wir auch durch unsere Netzwerkarbeit erreicht, dass mehrere hundert elsässische Schüler die Berufsinfomesse "BIM" und die "Job Start Börse" besuchen. Mehr als 200 elsässische Jugendliche haben im letzten Schuljahr einwöchige Praktika in unseren Ausbildungsbetrieben gemacht. Damit schaffen wir die Grundlage für die Fachkräftemobilität, die wir so dringend brauchen.

Der Fachkräftemangel wird zunehmend zu einem geschäftlichen Risiko. Wie unterstützt die IHK die Firmen, in welchen Bereichen ist sie wie tätig?
Der Schlüssel liegt hierbei vor allem in der Berufsorientierung. Wir sehen uns bei dieser Aufgabe als Botschafter für die vielfältigen Karrierechancen der Dualen Berufsausbildung und gleichzeitig als Türöffner für unsere Ausbildungsbetriebe. Deshalb haben wir unsere Aktivitäten in diesem Bereich kontinuierlich verstärkt. So organisieren wir beispielsweise Projekte zur praktischen Berufsorientierung für Schüler im IHK Bildungszentrum oder bieten IHK-Berufsprofiling an für junge Leute, die noch nicht entschieden haben, welchen Beruf sie erlernen möchten. Bei dem Projekt 'Unternehmer machen Schule‘ berichten die Unternehmer vor Ort über die Berufspraxis und nehmen sich Zeit für die Fragen der Schüler. Damit aus Geflüchteten bald Fachkräfte werden, gibt es bei der IHK Südlicher Oberrhein zwei Fachberater für Flüchtlingsintegration, sogenannte Kümmerer. Sie beraten Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchterfahrung, eine passgenaue Einstiegsqualifizierung oder Ausbildung zu finden. Darüber hinaus beraten wir Studienabbrecher über mögliche berufliche Perspektiven. Ab dem Schuljahr 2019/20 organisieren wir zudem das Projekt "Tag der Berufsorientierung", damit verstärken wir nochmals unsere Präsenz an den Schulen und stellen dort die Möglichkeiten der Dualen Berufsausbildung vor.

Was sehen Sie als die wichtigsten Handlungsfelder von staatlicher Seite an, der Entwicklung entgegenzusteuern?
Die wichtigste Aufgabe liegt darin, Zuwanderung von qualifizierten Mitarbeitern zu erleichtern, und das möglichst unbürokratisch. Außerdem muss die personelle Ausstattung der beruflichen Schulen unbedingt weiter verbessert werden, gerade im Bereich der technischen Berufe sowie in den Bereichen BWL und IT. Zudem sollten die Beratungsangebote für Studienabbrecher intensiviert werden, und Unterstützungsmaßnahmen für Flüchtlinge in der Ausbildung sollten weiter verbessert werden.

Autor:

Anne-Marie Glaser aus Offenburg

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