Funktionaler Analphabetismus
Lesen und Schreiben ist für viele Ortenauer ein Problem

Für viele Menschen mit geringer Literalität ist das Ausfüllen eines Formulars eine fast unüberwindbare Hürde.
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Ortenau (mak). Die wichtigste Ressource in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, ist Bildung. Umso verwunderlicher ist es, dass es in Deutschland rund 6,2 Millionen Menschen gibt, die als funktionale Analphabeten gelten, die also nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können. Die entspricht etwa zwölf Prozent der Deutsch sprechenden Erwachsenen. "Von Menschen mit geringer Literalität, so die korrekte Bezeichnung, spricht man, wenn diese zwar einzelne Buchstaben, Wörter und Sätze lesen und schreiben können, aber beispielsweise nicht den Sinn eines kurzen Textes verstehen können", erklärt Bruni Deblitz vom Grundbildungszentrum (GBZ) Ortenau, eine Initiative der Volkshochschulen Lahr, Offenburg und Ortenau, die im Oktober 2019 mit der sogenannten aufsuchenden Bildungsarbeit begann.

50.000 Menschen betroffen

In der Ortenau haben rund 50.000 Menschen Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen, so Deblitz weiter.
Experten unterscheiden vier unterschiedliche Level von geringer Literalität. "Das sogenannte Alpha-Level 1 bedeutet, dass einzelne Buchstaben erkannt und geschrieben werden können. Personen auf Alpha-Level 2 können einzelne Wörter lesend verstehen und schreiben, aber keine ganzen Sätze oder Texte. Auf dem Alpha-Level 3 können die Betroffenen zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, scheitern jedoch an zusammenhängenden – auch kürzeren – Texten", sagt Deblitz. Auf dieser Stufe seien die meisten zu finden. Die 6,2 Millionen Funktionalen Analphabeten würden ausschließlich die Alpha-Level 1 bis 3 betreffen. Auf dem Alpha-Level 4 würden die Personen zwar die Textebene erreichen und würden somit nicht mehr zu den Funktionalen Analphabeten zählen, würden aber auch bei gebräuchlichen Wörtern langsam und oder fehlerhaft schreiben und lesen. "Hiervon sind weitere rund zehn Millionen Menschen in Deutschland betroffen", erklärt die Koordinatorin des Ortenauer GBZ.

Die Scham ist groß

Die Scham der betroffenen Personen sei unglaublich groß, so Deblitz weiter, ebenso die Kreativität, um die geringe Literalität zu verschleiern. "'Entschuldigung, ich habe meine Brille vergessen. Können Sie mir mal helfen?' ist wohl die bekannteste Ausflucht von Funktionalen Analphabeten", weiß Deblitz aus ihrer Erfahrung zu berichten. Es gebe aber auch noch andere Merkmale, an denen man dies erkennen könne. Dazu gehöre die Nicht-Reaktion auf schriftliche Informationen: Schriftliche Einladungen werden ignoriert, Anordnungen wird nicht nachgekommen, Arbeiten werden trotz schriftlicher Information falsch durchgeführt. Die Betroffenen würden aber auch zu Täuschungsstrategien greifen. Dazu gehöre neben dem Klassiker der vergessenen Brille die Ausrede, man habe sich die Hand verstaucht oder das Geschriebene sei zu klein. Auch der Wunsch vieler Betroffener, die Unterlagen mit nach Hause zu nehmen, um sie dort dann von Freunden oder Bekannten ausfüllen zu lassen, gehöre zu den Merkmalen, an den man Funktionale Analphabeten erkenne. Ebenso könne das Schriftbild der Betroffenen Aufschluss auf ihre geringe Literalität geben. "Das Schriftbild ist oft verzerrt und die Schrift wird eher gemalt", sagt Deblitz.

Ursachen sind vielfältig

Die Ursachen, warum Menschen nicht richtig lesen und schreiben können, seien vielfältig und nicht monokausal zu erklären, berichtet sie weiter. Häufig seien es negative Schulerfahrungen, verbunden mit häufigem Schulwechsel, großen Klassen und strengen Strafen bei Schulversagen. Aber auch ein geringes Selbstbewusstsein und damit einhergehend wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten könne dazu führen, dass Menschen den Anschluss verpassen. Hinzu würden oft auch Probleme im Elternhaus kommen. Zudem sei das Bildungsniveau und die soziale Herkunft der Eltern häufig eine Ursache, warum die Betroffenen als Erwachsene die Grundfähigkeiten lesen, schreiben, rechnen nicht beherrschen würden. "Wenn im Elternhaus nicht vorgelesen wird, keine Bücher zur Verfügung stehen, dann überträgt sich dies sehr oft auf die Kinder. Die Gründe für eine geringe Literalität sind vielfältig und bedingen sich oft gegenseitig", sagt Deblitz.

Trotzdem Schulabschluss

Erstaunlich ist, dass 76 Prozent der Betroffenen in Deutschland einen Schulabschluss erreicht haben, die meisten von ihnen – rund 40 Prozent – haben einen Hauptschulabschluss. "Die Schulpflicht, so sollte man meinen, macht das alles unmöglich. Früher gab es zum Beispiel keinen Hauptschulabschluss, also keine Prüfung. Man konnte nach neun Jahren die Schule verlassen und anfangen, zu arbeiten. Aber auch heute können viele Schulabgänger nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. In den höheren Klassen geht man davon aus, dass diese Kenntnisse vorhanden sind und im besten Falle kann man die Deutschnote mit einer anderen Note ausgleichen und somit einen Abschluss schaffen", erläutert Deblitz.
In Offenburg haben von den aktuell acht Lernenden, die von ihr im GBZ betreut werden, zwei einen Förderabschluss, zwei haben noch keine Schule besucht, zwei haben die Schule nach einigen Jahren abgebrochen und zwei haben einen Hauptschulabschluss, haben aber keine Prüfung gemacht. Vier der Lernenden gehen einer geregelten Arbeit nach. Das entspricht fast den bundesweiten Zahlen. Rund 60 Prozent der Menschen mit geringer Literalität stehen im Berufsleben, oft unbemerkt ob ihres Handicaps.

Grundbildungszentrum

Deshalb zielt die Arbeit des GBZ vor allem auch auf Unternehmen ab. Aber ebenso Institutionen wie die Caritas, die Diakonie oder die Tafel würden kontaktiert, um auf das Angebot des GBZ aufmerksam zu machen. "Wir bauen auf die Unterstützung des 'mitwissenden Umfelds', weil die Betroffenen nur sehr schwer zu erreichen sind. Das Tabu-Thema 'nicht lesen und schreiben können' wird von den Wenigsten freiwillig angesprochen. Zu groß ist die Scham. Deshalb bleibt uns nur, die Öffentlichkeit mit einzubeziehen, damit wir den Vorurteilen entgegentreten können", sagt Deblitz.

Im GBZ in Offenburg werden kostenlose Kurse für Erwachsene angeboten, die ihre Fähigkeiten im Lesen und Schreiben verbessern möchten. Ab September wird ein weiterer Kursus angeboten. Darüber hinaus gibt es ein Lerncafé, das mittwochs von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 16 Uhr stattfindet. Das Lerncafé ist offen für alle, ohne Anmeldung und ohne Bedingungen. Dort finden Betroffene Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen. In Lahr findet der Kursus mittwochs von 14.30 bis 15.15 Uhr statt. Mehr Infos gibt es unter www.grundbildungszentrum-ortenau.de.

Für viele Menschen mit geringer Literalität ist das Ausfüllen eines Formulars eine fast unüberwindbare Hürde.
Gemeinsames Lesen kann geringer Literalität vorbeugen.
Autor:

Matthias Kerber aus Offenburg

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