Artenschutz
Nationalpark Schwarzwald startet den Notfallplan Auerhuhn

Auerhahn und Auerhenne  | Foto: Walter Finkbeiner/Nationalpark Schwarzwald
  • Auerhahn und Auerhenne
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Seebach (st). Das Auerhuhn ist ein häufiger Anblick im Schwarzwald – allerdings nur als historisches Präparat oder als Abbild auf Logos und Wappen. Die tatsächlich noch im Schwarzwald lebenden Auerhühner sieht man so gut wie nie. Weil sie sehr scheu sind, aber vor allem, weil es nur noch so wenige sind: Das Auerhuhn droht in den nächsten Jahren aus dem Schwarzwald zu verschwinden. Von den verbliebenen Auerhühnern im gesamten, 6.000 Quadratkilometer großen Schwarzwald lebt ungefähr jedes fünfte Tier im lediglich 100 Quadratkilometer großen Nationalpark Schwarzwald, im Norden des Mittelgebirges. „Es sind mittlerweile so wenige Auerhühner, dass das Überleben jedes einzelnen Huhns und jedes einzelnen Hahnes für den Erhalt der gesamten Auerhuhnpopulation im Schwarzwald wichtig ist. Zu ihrem Schutz und Bestandsstabilisierung setzen wir seit diesem Jahr im Nationalpark ein striktes, bislang beispielloses Schutzkonzept um, unseren sogenannten Notfallplan Auerhuhn“, sagt Friedrich Burghardt, Leiter des Wildtiermanagements im Nationalpark Schwarzwald.

„Die größten Gefahren für die Auerhühner gehen von der Verschlechterung der Lebensräume und den Störungen durch den Menschen aus: Wege zerschneiden die Lebensräume der Tiere, und diese Wege werden im Schwarzwald rege genutzt. Auch im Winter und in der Balz-, Brut- und Aufzuchtzeit. Die Tiere reagieren in dieser sensiblen Zeit empfindlich auf Störungen, halten sich versteckt und können so weder in Ruhe auf Futtersuche gehen noch in Ruhe balzen oder für ihren Nachwuchs sorgen“, erklärt Raffael Kratzer, Forstwissenschaftler und Wildtiermanager. Er ist im Nationalpark zuständig für das Auerhuhnmonitoring.

Ein anderes Problem: Die Landschaften im Schwarzwald verbuschen und verwalden großflächig – Weidetiere und Rothirsche gehören nicht mehr überall zum typischen Schwarzwaldbild, große Weidegänger wie Wisente oder wilde Pferde gibt es dort schon lange nicht mehr. Lichte, strukturierte Wälder aber sind wichtig, um den bodenbrütenden Hühnern wärmendes Sonnenlicht, Deckung, eine Begehbarkeit durch niedrigen Bewuchs und Nahrung zugleich zu bieten.

Ziel ist Stabilisierung der Population

Seit der Nationalparkgründung werden im Schutzgebiet schon Maßnahmen für den Auerhuhnschutz durchgeführt: Die typischen Bergheiden, im Nordschwarzwald Grinden genannt, werden durch Beweidung und maschinelle Eingriffe offengehalten, vergrößert und vernetzt; Gebiete mit Auerhühnern werden beruhigt, Wege teilweise gesperrt. Eine Stabilisierung der Population konnte durch diese Maßnahmen allerdings nicht erreicht werden. Nun soll ein neu aufgebautes, konsequent durchgeführtes Schutzkonzept dem Auerhuhn auf die Sprünge helfen. „Auch wenn eine Trendumkehr schwierig scheint, müssen wir alle sinnvollen Maßnahmen ergreifen. So haben wir zumindest die Chance auf eine Stabilisierung der Population. Wenn wir nichts tun, wird das Auerhuhn in wenigen Jahren im Schwarzwald ausgestorben sein“ sagt Raffael Kratzer. Wichtig hierbei: Der Nationalpark alleine kann die Auerhühner nicht retten – eine kleine Inselpopulation hat langfristig keine Überlebenschance, weil der genetische Austausch fehlt. Schwarzwaldweit müssen Maßnahmen für den Auerhuhnschutz ergriffen werden.

Auf Grundlage der Monitoringdaten wurden Schlüsselfaktoren für den Nationalpark identifiziert und der Notfallplan ausgearbeitet. Es sollen alle aktuell bekannten, zielführenden Maßnahmen im Schutzgebiet ergriffen werden, um den bestmöglichen Beitrag zum Schutz der hier lebenden Auerhühner zu leisten. Das Schutzprojekt ist vorerst auf fünf Jahre festgelegt; die Umsetzung der Maßnahmen hat in diesem Jahr begonnen. Am Projektende findet eine Evaluation statt und die Maßnahmen können dann angepasst werden. Der Notfallplan Auerhuhn beeinflusst dabei drei wichtige Bereiche im Nationalpark: Die bereits regelmäßig durchgeführte Pflege der Lebensräume wird verstärkt, die Besucherlenkung wird situationsbedingt angepasst und das Wildtiermanagement weist größere Ruhezonen aus.

Ruhezonen für Tiere

Dabei stehen die traditionellen Balzplätze und die bekannten Kükenaufzuchtgebiete im Fokus. Dort kann es jetzt regelmäßig zu zeitlich begrenzten Wegsperrungen kommen, damit die Auerhühner weniger gestört werden. Dabei wird jedes Jahr neu entschieden: Sind im Monitoring erhöhte Balz- oder Brutaktivitäten erkennbar, werden Sperrungen eingerichtet. „Wir sperren die Wege nur, wenn es nötig ist und werden über diese Sperrungen natürlich informieren. Auch werden dann Alternativrouten angeboten“, fügt Raffael Kratzer hinzu.

Im Wildtiermanagement werden Bereiche von mindestens 100 Hektar um alle kartierten Balzplätze und die angrenzenden Kükenaufzuchtgebiete zukünftig konsequent beruhigt. Das soll dazu führen, dass sich vermehrt Rothirsche in diesen Bereichen aufhalten. „Rothirsche sind im Grunde wilde Weidetiere und wichtig für die Gestaltung der Landschaft. Sie können entscheidend mithelfen, passende Lebensräume für die Auerhühner zu schaffen, indem sie Heidelbeersträucher kurzhalten und offene Flächen durch Tritt- und Liegestellen schaffen“, sagt Friedrich Burghardt. „Um möglichst vielen Wildtieren hier rund um die Balzplätze passende Lebensräume zu schaffen, werden diese nun als Wildruhebereiche ausgewiesen. Damit gehen wir erstmals einen neuen Weg im Auerhuhnschutz!“

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