Corona-Nachwirkungen
Maske fehlt oder: Ohrfeige gewinnt an Akzeptanz
- Die Corona-Pandemie hat bei vielen Jugendlichen deutliche Spuren hinterlassen.
- Foto: Symbolfoto: Annette Lipowsky/Stadt Kehl
- hochgeladen von Matthias Kerber
Kehl (st) Monatelang nur Online-Unterricht, kein Sport im Verein, viel zu viel Medienkonsum und noch mehr Unsicherheit: Corona ist inzwischen zwar zu einer halbwegs normalen Infektionskrankheit geworden – und hat bei vielen Jugendlichen doch gravierende, psychische Langzeitfolgen. Die einen hat die Pandemie dauerhaft zu Stubenhockern gemacht, andere sind in Depressionen abgeglitten. Egoistisches Verhalten hat zugenommen, während die Empathie verloren ging und die Ohrfeige an Akzeptanz gewinnt. In den städtischen Jugendeinrichtungen kommen immer mehr Kinder an, „die durch alle Raster fallen“, beschreibt Binja Frick, bei der Stadt zuständig für Jugend- und Jugendsozialarbeit, die Lage drei Jahre nach dem offiziellen Ende der Pandemie, schreibt die Stadt Kehl in einer Pressemitteilung.
Eigentlich sind die Jugendhäuser und -treffs auf Gruppenangebote ausgelegt, doch „wir müssen immer mehr intensive Einzelbegleitung machen“, erklärt sie. Die Mitarbeiter der Offenen Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit an Schulen, die sich an diesem Morgen im Team treffen, nicken bestätigend. „Manche mögen die große Pause nicht mehr“, ist so eine Beobachtung, die sich durchzieht. Diese Jugendlichen blieben lieber im Schulgebäude, als raus auf den Hof zu gehen. Gruppen mit mehr als zehn Personen sind ihnen suspekt. Sie fürchten, dass (wieder) jemand ausrasten könnte.
„Viele sind noch nie Tanzen gegangen“, sagt die städtische Präventionsfachkraft Elise Buchelet und legt ihre ganze Verwunderung in diesen Satz. Clubs sind kaum noch gefragt. Dort – oder in der Pause auf dem Schulhof – ist zu viel los. „Aber wenn nichts los ist, geht es auch nicht“, beschreibt Isabella Leser, Leiterin des Jugendtreffs Badhiesel in Goldscheuer, die Zerrissenheit einiger Jugendlicher. „Kinder können mit Langeweile überhaupt nicht mehr umgehen“, ergänzt Binja Frick: „Sie fragen immerzu, was kann ich machen, und was jetzt und was jetzt?“ Das Einfordern von Dauerbespaßung hänge auch mit Social Media zusammen, konstatieren die Sozialarbeiter. „Der kreative Moment ist verloren gegangen“, bedauert Binja Frick. „Die Kinder brauchen alle 25 Sekunden einen neuen Reiz“, fügt Elise Buchelet hinzu. „Am besten viele bunte Farben.“
Fenja Becherer, Jugendsozialarbeiterin an der Albert-Schweitzer-Schule, berichtet von einem Viertklässler, der die Maske vermisst. „Er fand es gut, sich ein bisschen verstecken zu können.“ Das Material, das vor Infektion schützen sollte, verbarg schließlich auch seine Mimik. „Die Maske kaschierte Unsicherheit“, formuliert es Zoe Krieg, Duale Studentin der Sozialen Arbeit im Jugendzentrum. „Nach dem Ende der Maskenzeit ist die Unsicherheit noch größer.“ Während einige Sozialarbeiter von einem mangelnden Sicherheitsgefühl sprechen, beobachten andere bereits die Stufe darüber: „Es gibt Ängste, sich festzulegen“, erlebt Alex Neumann, Leiter des Hauses der Jugend, „auf eine Ausbildung, auf ein Studium“. Manchmal auch nur auf eine Aktivität.
„Corona war sehr angstbesetzt“, versucht Anika Hug, Jugendsozialarbeiterin an der Söllingschule, eine Erklärung. Dass man als Kind oder Jugendlicher keine Freunde treffen, keinen Hobbys nachgehen und oft nicht mal Sport machen konnte, „wurde als negative Erfahrung gespeichert“. Daher rühre die Angst, dass sich so etwas wie die Pandemie erneut ereigne, „und dass es dann wieder so ist“, schlussfolgert die Jugendsozialarbeiterin. Manche Jugendlichen trauerten den verpassten Erlebnissen nach: „Alle erzählen von ihrer Abschlussfahrt oder von ihrer Abschlussfeier – die Corona-Jahrgänge konnten nicht feiern“, erinnert Melanie Krauß, Projektkoordinatorin Jugendarbeit bei der Stadt Kehl. Sie kennt zwei Mädchen, die nach Corona eine Depression entwickelt haben: „Sie waren die ganze Zeit allein.“ Die gewohnten Aktivitäten in Vereinen waren weggebrochen; in die Videokonferenzen des Freundeskreises wurden sie nicht integriert. Während das eine Mädchen nach der Pandemie wieder Tritt fassen konnte, brauchte das andere noch lange Zeit eine Therapie.
Weil die Offene Jugendarbeit auch in der Pandemie als systemrelevant anerkannt war, „konnten wir unsere Arbeit wenigstens minimal machen“, sagt Binja Frick. Die Mitarbeiter der Jugendarbeit sind damals mit ihren als Lounges eingerichteten Kleinbussen an unterschiedliche Plätze gefahren und konnten dort über das „Jugendhaus to go“ zumindest drei oder vier Jugendlichen zeitgleich eine kleine Auszeit bieten. „So haben wir wenigstens ein paar nicht verloren.“
Für Isabella Leser gilt dies jedoch nur für die Kernstadt. „In den Ortschaften haben wir viele Kinder gar nicht erreicht.“ Mit der Folge, dass einige bis heute „nicht mehr rauskommen“.
Verhaltensänderungen
Bei den Kindern und Jugendlichen, die in die Jugendtreffs kommen, stellen die Mitarbeiter eine ganze Reihe an Verhaltensänderungen fest:
- Die Aufmerksamkeitsspanne hat sich deutlich verkürzt, also quasi bestimmten Social-Media-Formaten angepasst. „Die Pandemie hat den Medienkonsum beschleunigt“, bringt es Nadine King, Jugendsozialarbeiterin an der Tulla-Realschule, auf den Punkt.
- Der Egoismus hat zugenommen, vor allem, wenn es ums Essen geht: „Es wird nicht mehr gesehen, dass es für alle reichen soll; viele denken nur an sich“, sagt Isabella Leser und führt das auf das von den Erwachsenen übernommene Horten (nicht nur von Klopapier) in der Pandemie zurück.
- „Es wird gemeckert, aber die meisten bringen keine Energie mehr auf, um Dinge zu verändern“, stellt Fenja Becherer fest. Alex Neumann pflichtet ihr bei: „Vieles wird einfach hingenommen und nicht mehr hinterfragt. Das ist ein neues Phänomen.“
- Kinder und Jugendliche wollten Konflikte nicht mehr alleine lösen, versuchten es nicht mal, sondern wollen lieber alles melden, beobachtet Fenja Becherer.
- Vanessa Balbrink, Leiterin des Jugendzentrums, ist in der Kinderstadt in den Pfingstferien aufgefallen, „dass die Kinder deutlich unselbstständiger sind“. Das Niveau sei deutlich gesunken, bei vielen Dingen sei nicht mehr klar, wie sie funktionieren.
Empathie und Gewalt
Wohl ebenfalls bedingt durch den Medienkonsum in den Corona-Jahren ist Empathie in vielen Fällen abhandengekommen, parallel dazu ist die Akzeptanz von Gewalt gewachsen. „Wenn du nicht tust, was ich dir sage, kannst du dich von deiner Nase verabschieden.“ Wer solche Sätze von sich gebe, werde in der Schule am meisten respektiert, berichtet Jugendsozialarbeiterin Lisa Haupt, Jugendsozialarbeiterin an der Grundschule Sundheim. „Respekt wird häufig mit Dominanzverhalten und Angst verwechselt.“ Ohrfeigen würden bisweilen sogar von den Opfern als verdiente Strafe gewertet. „Das braucht man halt manchmal“, hat sie in solchen Fällen schon von Kindern zu hören bekommen, die gerade geschlagen worden waren.
Die Pandemie „hat Trends verstärkt oder ins Extreme gepuscht“, fasst Binja Frick zusammen. Weil auch die Erwachsenen in einer sich rasant verändernden Welt nicht wüssten, wie sie mit den multiplen Krisen umgehen sollten, „spiegelt sich das bei den Kindern und Jugendlichen“.
Aber auch einen gegenläufigen Trend gibt es: „Natur ist wieder gefragt“, weiß Melanie Krauß. Spazierengehen im Wald zum Beispiel, „vor allem Spazierengehen mit Hund“. Und das, stellt sie fest, gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche. Und hier auch für coole pubertierende Jungs. Eine Kindergruppe, die sich immer donnerstags im Haus der Jugend trifft, genießt es, wie sie weiß, wenn ganz analog aus einem Buch vorgelesen wird.





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