Zwischenbilanz Integrationskonzeption
OB Vetrano: „Unabdingbare Säule der Stadtentwicklung“

Ob Toni Vetrano

Kehl. Im Juni 2016 hat der Gemeinderat die Integrationskonzeption beschlossen – zwei Jahre später sind 88 Prozent der darin enthaltenen Maßnahmen entweder bereits umgesetzt oder in der Umsetzung begriffen. Oberbürgermeister Toni Vetrano freute sich über die stolze Zwischenbilanz, welche die städtischen Integrationsbeauftragten Raya Gustafson und Robyn Tropf ziehen konnten. „Die Zuwanderung ist nicht die Mutter aller Probleme“, distanzierte sich der OB klar von der Äußerung von Bundesinnenminister Horst Seehofer und bezeichnete es als „völligen Blödsinn“, wenn behauptet werde, „die Flüchtlinge sind die Ursache des Wohnungsproblems“.

Für ihn sei Integration ein elementares Thema und die Umsetzung der Integrationskonzeption „eine notwendige und unabdingbare Säule der Stadtentwicklung“, erklärte er vor Gemeinderäten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Bereich Familie und Bildung, Sozialplanung sowie Bürgerinnen und Bürgern, die an der Erarbeitung der Integrationskonzeption beteiligt waren. Diese hatte im Juli 2015 begonnen; in einem knappen Jahr hatten vier Foren, drei Experten-Workshops, eine Online-Befragung, vier Zukunftswerkstätten, eine Podiumsdiskussion und eine Abschlussveranstaltung stattgefunden.

Dabei waren 52 Maßnahmen in den Handlungsfeldern Bildung, Arbeit und Ausbildung, Freizeit, Kultur und Religion sowie Partizipation und Ehrenamt identifiziert worden, von denen inzwischen 33 umgesetzt und weitere 13 in Arbeit sind. Lediglich sechs Maßnahmen sind noch nicht begonnen, wie die städtischen Integrationsbeauftragten Raya Gustafson und Robyn Tropf berichteten. Als konkrete Beispiele nannten die Integrationsbeauftragten Projekte wie Alphabetisierungskurse für Frauen, internationale Frauenbegegnungen, die interkulturelle Woche oder das Festival der Europäer, das im Garten der zwei Ufer stattgefunden hatte. Auch dass es inzwischen gelungen sei, eine städtische Bildungskoordinatorin zu installieren, wertete Raya Gustafson als Erfolg der Integrationskonzeption: Aurore Wenner bemühe sich hier konkret um die Verbesserung der Bildungschancen von Jugendlichen in der Kreuzmatt und von Hauptschülerinnen.

Gezielt um Flüchtlinge, die in der sogenannten Anschlussunterbringung, also in eigenen Wohnungen, leben, kümmert sich das fünfköpfige Integrationsmanagement-Team mit vier vom Land Baden-Württemberg finanzierten Vollzeitstellen, das sich und seine Arbeit im Haus der Jugend ebenfalls vorstellte: 563 Geflüchtete konnten seit Oktober 2015 in vorwiegend private Mietwohnungen vermittelt werden – im Integrationsmanagement-Team ist vor allem Johanna Bung Ansprechpartnerin sowohl für wohnungssuchende Flüchtlinge als auch für Haus- und Wohnungsbesitzer, die bereit sind, an Geflüchtete zu vermieten.

Insgesamt hat das Team vom 1. Januar 2017 bis Ende August dieses Jahres 3.882 Beratungsgespräche geführt – davon etwa die Hälfte mit Familien und mit Einzelpersonen. Die meisten Beratungen finden während der acht Sprechzeiten statt, welche die Team-Mitglieder anbieten, in knapp 500 Fällen haben die Integrationsmanager Geflüchtete auch zu Behörden oder Einrichtungen begleitet – zum Beispiel zur Anmeldung von Kindern in Schulen oder Kindertageseinrichtungen.

Birgitt Mylo, die sich im Team schwerpunktmäßig um alleinerziehende Mütter sowie alleinstehende Frauen kümmert, sucht auch Familien auf, die nicht von sich aus zu den acht Sprechzeiten des Integrationsmanagement-Teams kommen – Hausbesuche machen etwa 22 Prozent der Tätigkeiten des Teams aus. Einer der Schwerpunkte von Svenja Gerbendorf ist die Vernetzung: Weil die Integrationsmanagerinnen und Managerkollege Fares Mousa für die Geflüchteten Lotsen in ihrer neuen Heimat sind und ihnen bei allen bürokratischen Fragen helfen, die auch deutschen Staatsangehörigen im Laufe ihres Lebens begegnen, ist die Kooperation mit anderen Behörden, Einrichtungen, Organisationen von Ehrenamtlichen oder Vereinen unabdingbar. Fares Mousa, selber vor fast drei Jahren aus Syrien geflohen, berichtete von seinem Spezialgebiet – der Vermittlung zwischen den Kulturen.

„Wollen wir die Schleuser fördern oder wollen wir eine legale Einwanderungspolitik?“ Diese provokante Frage stellte Dr. Georg Hansen an den Anfang seines Vortrags über die Ungereimtheiten in der deutschen und der europäischen Flüchtlingspolitik. Angesichts der Berichte der Integrationsbeauftragten und der Integrationsmanager konstatierte der Referent „eine große Diskrepanz zwischen dem, was auf lokaler Ebene stattfindet und dem politischen Diskurs“. Die Behauptungen, dass die gemeinsame Abstammung und die gemeinsame Sprache die nationale Identität ausmachten, bezeichnete er als „Geschichtslüge“ und als „Schimäre, die so nicht funktioniert“. Gemeinsamkeit und Identität, lautete sein Fazit, würden durch solche Prozesse eingeleitet, wie sie durch die Integrationskonzeption in Kehl entstanden seien.

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