Altes Holzschild in Neumühler Bauernhof
Schicksal jüdischer Unternehmer wird wieder lebendig

Das Holzschild mit seiner Aufschrift
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Kehl (st). Der Fund einer alten Landmaschine in Neumühl begeistert die Leiterin des Museums, Dr. Ute Scherb. Doch ist es nicht der Zustand des Stückes, sondern vielmehr ein Holzschild, welches auf den ehemaligen Verkäufer der Maschine hinweist: „Kaufmann & Bensinger“, eine jüdische Firma für Eisenwaren und Maschinen aus Bodersweier. Deren Mitgesellschafter, Julius Kaufmann, war aufgrund der politischen Situation gezwungen, 1938 vor den Nazis nach Frankreich zu fliehen.

„Dort steht das gute Stück“, sagt Ute Scherb und deutet mit dem Finger in Richtung des alten Bauernhofs in Neumühl. In ihrer Stimme schwingt Vorfreude mit. Auf den besonderen Schatz aufmerksam wurde Ute Scherb durch Stefan Bathe, der bei einem privaten Termin das Stück sah und sich dachte, dass es für die Sammlung des Museums interessant sein könnte und damit einen guten Riecher bewies.

Es geht eine knarzige Stiege hinauf auf den Heuboden. Dunkel ist es dort oben. Man muss aufpassen, wo man hintritt. Im Halbdunkel erkennt man die Umrisse der Maschine, die mit Schrauben an der Backstein-Wand befestigt ist. Das Tor der Scheune wird geöffnet und so dringt etwas mehr Licht hoch zum Heuboden, der an der Seite zur Hofeinfahrt hin offen ist. Ute Scherb tritt einen Schritt nach vorne und begutachtet die Maschine.

„Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um eine Häckselmaschine, mit der zum Beispiel Pflanzen oder Rüben klein geschnitten wurden.“ Ihr Blick wandert über den Holzkasten hin zum großen Schwungrad und bleibt an einem unscheinbaren Holzschild hängen, das zwischen die beiden Streben eingelassen wurde.

Doch es ist weniger das Schild an sich, das die Museumsleiterin fasziniert, als vielmehr dessen Aufschrift: In Schwarz ist dort immer noch gut erkennbar „Kaufmann & Bensinger – Bodersweier“ zu lesen. Dabei handelte es sich um eine Eisen-, Fahrrad- und Maschinenhandlung, die am 1. April 1898 von Karl Bensinger und Leopold Kaufmann – beide jüdischen Glaubens – gegründet wurde.

Für Ute Scherb ist das gefundene Holzschild ein Hinweis auf jüdisches Geschäftsleben rund um Kehl und daher Gold wert: Die Geschichte der Familien Kaufmann und Bensinger wurde tragisch beeinflusst durch die Machtübernahme der Nazis. Diese hatte auch für die israelitische Gemeinde in Bodersweier, die seit 1881 bestand, verheerende Auswirkungen. Karl Britz, der ehemalige Rektor der Grundschule in Auenheim, hat sich mit Julius Kaufmann, dem Sohn des Firmengründers, über dessen Leben unterhalten. Daraus entstand das Buch „Glück, ganz großes Glück“, in dem die Lebens- und Leidensgeschichte von Julius Kaufmann und seiner Frau Denise rekonstruiert wurde. Immer wieder finden sich in dem Werk auch Zeitzeugenberichte der beiden. Zwei Ausgaben können in der Mediathek ausgeliehen werden.

Erfolgreiche Flucht und verzweifelter Suizid

Der im Jahre 1909 geborene Julius Kaufmann wuchs in Bodersweier sowohl mit den jüdischen Traditionen und Bräuchen seiner Familie auf, hatte gleichzeitig aber auch viel Kontakt zu den anderen Kindern in seinem Heimatort und spielte im örtlichen Verein Fußball. Sein Vater verstarb 1927 im Alter von 58 Jahren. Von da an übernahm der gerade 18-jährige Julius mehr und mehr Verantwortung im Geschäft.

Die Firma war als einziges Fachgeschäft für Eisenwaren am Platz sehr gut besucht, hatte eine treue Stammkundschaft in der gesamten Region und erwirtschaftete selbst Anfang der 1930er-Jahre noch Gewinne. In Bodersweier befand sich das Wohn- und Geschäftshaus der Eisenhandlung. Julius Kaufmann war geschäftlich aber auch viel unterwegs: „Wenn im Frühsommer die Landwirte […] neue Heumaschinen gekauft hatten, reiste er die ganze Heuernte hindurch von Wiese zu Wiese, um seine Kunden mit der neuen Technik vertraut zu machen“, heißt es im Buch.

Durch die Machtübernahme der Nazis 1933 sahen sich die jüdischen Bürger in Deutschland nach und nach immer größer werdenden Repressalien ausgesetzt. So erging es auch der Firma „Kaufmann & Bensinger“, wie Julius Kaufmann berichtet: „Schon bevor wir offiziell aufgeben mussten, gingen fast keine Geschäfte mehr. Fast niemand kam mehr in den Laden, nur ein paar letzte treue Kunden. Alle hatten Angst, wurden verwarnt, standen unter dem Druck der Partei.“

Im August 1938 floh Julius Kaufmann nach Frankreich und entkam damit knapp dem Schicksal, das die jüdische Bevölkerung in Deutschland nur drei Monate später ereilte: In der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. November fanden im ganzen Land organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden statt. In Bodersweier nahm die SS alle jüdischen Männer fest – darunter auch Julius‘ Onkel und Geschäftspartner Eduard Bensinger. Ebenso wie die Verhafteten der anderen israelitischen Gemeinden des Kreises wurden die Juden aus Bodersweier in der Kehler Stadthalle von der Gestapo brutal misshandelt und anschließend für mehrere Wochen in das Konzentrationslager (KZ) nach Dachau verbracht.

Einige Wochen später kehrte Eduard Bensinger nach Bodersweier zurück, musste jedoch kurz darauf sein Geschäft aufgeben und zog, völlig mittellos, schließlich 1940 zusammen mit seiner Frau nach Karlsruhe. Nach einem überstandenen Lager-Aufenthalt im französischen Gurs, in dem KZ-ähnliche Zustände herrschten, führten er und seine Frau für kurze Zeit ein bescheidenes Leben in einem kleinen Haus im französischen Promilhanes. Mittlerweile kursierten dort jedoch immer mehr Gerüchte über Deportationen jüdischer Ausländer in das KZ Auschwitz. Eduard Bensinger befürchtete das Schlimmste. Er war einer von vielen, die an ihrer Lage verzweifelten. In einem Waldstück setzte er im August 1942 seinem Leben ein Ende.

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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