Arbeitsmarkt in der Ortenau gespalten
Unsicherheit durch Strukturkrise

Wie hat sich der Arbeitsmarkt im Jahr 2025 entwickelt? Theresia Denzer-Urschel (v. l.), Heiko Faller und Silvia Kimpel ziehen Bilanz. | Foto: gro
  • Wie hat sich der Arbeitsmarkt im Jahr 2025 entwickelt? Theresia Denzer-Urschel (v. l.), Heiko Faller und Silvia Kimpel ziehen Bilanz.
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Ortenau (gro) Nicht gut und nicht schlecht, so sieht Theresia Denzer-Urschel die Lage auf dem Arbeitsmarkt der Ortenau im Rückblick. Und auch 2026 wird nach ihrer Einschätzung Licht und Schatten bringen. "Es braucht Zuversicht", so die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg im Rahmen eines Pressegesprächs am Dienstag, 20. Januar. 
Nach dem Einbruch in den Coronajahren habe sich der Arbeitsmarkt in der Ortenau bis ins Jahr 2023 rasant erholt. Seitdem geht die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zurück. Doch Ende 2025 ist sie wieder auf 193.565 Beschäftigte gestiegen. Allerdings würden mehr Menschen als vorher in Teilzeit arbeiten, so Denzer-Urschel.

Mehr freie Stellen

Ähnlich sieht es in der Entwicklung der freien Arbeitsstellen aus: Nach der Coronadelle im Jahr 2020 gab es ein Hoch von 10.552 gemeldeten freien Stellen im Jahr 2021. "Seitdem waren die Zahlen bis 2025 rückläufig", erläuterte die Arbeitsagentur-Chefin. "Da gab es einen Anstieg bei den offenen Stellen auf 7.340." Während die freien Stellen im Gesundheitswesen, der öffentlichen Verwaltung oder im Sozialwesen zunehmen, sinken sie im produzierenden Gewerbe. "Für eine gesund wachsende Gesellschaft wäre es besser, wenn es mehr Stellen im produzierenden Gewerbe gebe und weniger in der Verwaltung", machte Denzer-Urschel deutlich. 
Der Verlauf der Kurzarbeit war schwankend im abgelaufenen Jahr. 86 Betriebe mit 1.806 Beschäftigten meldeten Kurzarbeit an. Vor allem das verarbeitende Gewerbe war davon betroffen: 58 Betriebe und 1.630 Arbeitnehmer. Aktuell haben 84 Betriebe Kurzarbeit angezeigt, betroffen sind 2.102 Arbeitnehmer. "Die sind allerdings noch nicht vollständig abgerechnet", machte Denzer-Urschel deutlich, dass es sich um vorläufige Zahlen handelt. "Da die Bezugsdauer nochmals auf 24 Monate verlängert wurde, rechnen wir im ersten Quartal 2026 mit einem Anstieg."

Kurzarbeitergeld

Während die Kurzarbeiterquote in Deutschland bei 0,5 Prozent liegt, beträgt sie in Baden-Württemberg 0,8 Prozent und in der Ortenau 0,7 Prozent. "Die Betroffenheit ist im Südwesten höher als in anderen Landesteilen", stellte Denzer-Urschel fest. Wurden 2023 insgesamt 3,97 Millionen Euro an Kurzarbeitergeld in der Ortenau ausbezahlt, lag die Summe 2024 bei 6,1 Millionen Euro und stieg 2025 auf 8,05 Millionen Euro. Die Arbeitslosenquote ging seit 2019 stetig nach oben auf zuletzt 4,1 Prozent im Ortenaukreis. 
"Wir haben keine Entlassungs-, sondern eine Erneuerungskrise", fasst die Arbeitsagentur-Chefin die strukturellen Probleme zusammen. Die wirtschaftliche Transformation verlaufe schleppend. Es gebe wenige Neugründungen, die Unternehmen investierten verhalten. "Es wurden mehr Stellen als im Jahr 2024 gemeldet", so Denzer-Urschel. "Aber wer arbeitslos wird, bleibt es länger. Zudem ist das Thema in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Es trifft auch Menschen mit einem qualifizierten Berufsabschluss und Akademiker. Dennoch gibt es weiter Interesse an der Rekrutierung aus dem Ausland." Positiv sieht Denzer-Urschel, dass Unternehmen, aber auch Beschäftigte erkannt hätten, wie wichtig lebenslanges Lernen sei.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) prognostiziert 2026 in der Ortenau einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit um 0,1 Prozent. Die demografische Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt bleibt. 13 Prozent der Beschäftigten gehen in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand. "Auch wenn Arbeitslosigkeit nicht gut ist, liegt eine Chance darin: In der Ortenau stehen derzeit 11,6 Prozent mehr Menschen mit einem Berufsabschluss dem Arbeitsmarkt zur Verfügung als zuvor", betonte Theresia Denzer-Urschel. "Lernbereitschaft ist weiterhin die relevante Schlüsselkompetenz für die Zukunft."

Ortenau Jobcenter

Als stagnierend beschrieb Heiko Faller, Sozialdezernent des Ortenaukreises, die Entwicklung der Fallzahlen im Ortenau Jobcenter: "Mit dem Zugang durch die Ukrainer hatte sich der Fallbestand 2023 deutlich erhöht, seitdem verharrt er auf diesem Niveau." Das vergangene Jahr sei dadurch geprägt gewesen, dass der Haushalt erst im vierten Quartal 2025 verabschiedet worden sei. "Dadurch konnten wir viele Maßnahmen nicht ausschreiben oder durchführen", so Silvia Kimpel, Leiterin des Ortenau Jobcenters. Die Fallzahlen waren im Jahr  2025 leicht rückläufig: Es gab 8.892 Bedarfsgemeinschaften. Das Jobcenter betreute 12.143 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Mit der Ankündigung der Bundesregierung, dass ab dem 1. Mai 2025 Menschen aus der Ukraine kein Bürgergeld mehr erhalten, sondern wieder unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen, sei der Zuwachs an Bedarfsgemeinschaften aus diesem Personenkreis gesunken. Es wurden 1.480 Bedarfsgemeinschaften und damit 2.179 erwerbsfähige Leistungsempfänger aus der Ukraine betreut. Seit April 2025 sind die Zugangszahlen auf unter 200 gefallen. 591 Menschen aus der Ukraine konnten in den Arbeitsmarkt integriert werden.
Auch das Jahr 2026 werde durch politische Unsicherheiten geprägt. Die Bundesregierung will aus dem Bürgergeld wieder eine Grundsicherung machen. Dazu soll das Augenmerk auf Fordern und Fördern liegen. Der Empfänger der Sozialleistung soll stärker in die Pflicht genommen werden. Der Kabinettbeschluss war im Dezember vergangenen Jahres gefallen. Die erste Lesung im Bundestag ist im Januar angesetzt. Dann geht der Gesetzentwurf in die Ausschüsse des Bundestages, im März 2026 soll der Beschluss fallen. Inkrafttreten soll das neue Gesetz am 1. Juli 2026. 
"Es ist nicht unser Wunsch zu sanktionieren. Aber wir brauchen Instrumente, um die Menschen zu motivieren", begrüßt Silvia Kimpel diesen Teil der Reform. Das Anspruchsdenken sei sehr hoch. Im Augenblick befänden sich 1,4 Prozent der Bürgergeldempfänger in der Sanktionierung. "Das Image des Bürgergeldempfängers wird von einem kleinen Personenkreis kaputtgemacht", stellt die Leiterin des Ortenau Jobcenters fest.

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